04.08.2016, 15:30 Uhr

Schweizer App entschlüsselt Arzt-Rechnungen

Die Suva und der IT-Anbieter Elca entwickeln eine App für mehr Transparenz im Schweizer Gesundheitswesen. Sie entschlüsselt die Tarmed-Rechnungen der Ärzte und Spitäler.
Die Mehrzahl der Arzt-Rechnungen in der Schweiz sind heute maschinenlesbare Tarmed-Dokumente. Sie haben den Vorteil, dass sie von Computern automatisiert verarbeitet werden können. Für den normalen Menschen auf der Strasse ist das Formular allerdings kaum zu entschlüsseln: Sämtliche Leistungen sind in beliebiger Reihenfolge aufgeführt sowie in technischen Kennwerten wie Taxpunkten und Leistungstexten chiffriert. Bereits bei der Einführung von Tarmed im Jahr 2003 wurde diskutiert, ob zusätzlich eine laienverständliche Rechnungsversion entwickelt werden soll, erinnert sich Rolf Schmidiger, einer der Hauptentwickler von Tarmed. Das Vorhaben wurde aber bis anhin nie umgesetzt, sagt der heutige Strategie- und Portfoliomanager der Suva. Schmidiger hat zwei Meinungen über Tarmed: Einerseits hilft das Format der Suva beim automatisierten Verarbeiten der Rechnungen. «1995 war 1 Prozent der Rechnungen elektronisch, heute sind es 97,2 Prozent», sagt er. So könne die Suva die Schadenfälle nun viel effektiver und effizienter abwickeln. Auf der anderen Seite ist die Tarmed-Rechnung ein «Schandmal», denn sie verunmögliche es dem Patienten, die Positionen nachzuvollziehen und allenfalls zum Beispiel die verschriebenen Medikamente durch Generika zu ersetzen – auch, um Kosten zu sparen.
Laut Schmidiger verfolge die Suva das Ziel, dass die Kommunikation zwischen Arzt und Patient auf Augenhöhe stattfinden kann. Die leistungsfähigen Handys würden es heutzutage erlauben, Patienten in die Leistungsabrechnung einzubinden. Das Suva-Engagement kommt aber nicht von Ungefähr, gesteht Schmidiger. Er weiss, dass der Patient heute oftmals eine Arzt-Rechnung gar nicht zu Gesicht bekommt. Mit einer transparenten Aufstellung würde ein Verunfallter neu zum kompetenten Partner. Bei Ungereimtheiten könnte er zusätzliche Informationen liefern, die der Suva die Arbeit erleichtern. Die Erfahrung zeige zudem, dass die Kontaktschwelle bei elektronischer Kommunikation tiefer sei als bei Papier. Nächste Seite: App statt kryptisches Papier Derzeit entwickeln Suva, Elca Informatik und das Departement für Angewandte Linguistik der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW eine Software, die klassische Tarmed-Rechnungen in eine verständliche Version umwandeln kann.  Die Lösung «Sumex CMI» (Comprehensible Medical lnvoice) besteht einerseits aus einer Server-Anwendung und andererseits aus einer Smartphone-App. Erstere wendet sich an Versicherungsunternehmen oder auch Anbieter von elektronischen Patientendossiers, letztere an den Patienten selbst. CMI unterstützt laut Elca-Manager Felix Musterle alle gängigen XML-Rechnungsstandards. Das Programm steht als Software-as-a-Service zur Verfügung und konvertiert Rechnungen standardmässig in PDF. Liegen die Dokumente in Papierform vor, können Benutzer sie mit der CMI-App fotografieren und automatisiert in eine elektronische Version transformieren.
Für die Umwandung der kryptischen technischen Kennwerte in laienverständliche Angaben kooperieren Elca und Suva mit der ZHAW. Die Linguisten haben einen Wortschatz generiert, mit dem sich (medizinische) Fachtermini in allgemeinverständliche Begriffe übersetzen lassen. Ausserdem gewährleistet die Technologie, dass Leistungen chronologisch und nach Behandlungstyp (Grundkonsultation, Medikamentenabgabe, Röntgen) aufgeführt werden. Zu den Arzneien wird angegeben, welche therapeutische Wirkung sie haben (etwa «Entzündungshemmendes Mittel Vimovo») und ob die Kosten von der Grundversicherung abgedeckt sind. Diese vereinfachte Aufstellung ist auch ein Vorteil für Suva-Mitarbeiter, die nicht auf Heilkosten spezialisiert sind, sagt Schmidiger. Das mittelfristige Ziel sei es, in künftigen Versionen die Möglichkeit zu geben, dass der Patient die Rechnung zuerst mit der App empfängt, sie anschliessend kontrolliert und erst dann an die Versicherung weiterleitet.
Die neue Transparenz bei Tarmed-Rechnungen soll kein Alleinstellungsmerkmal der Suva bleiben. «Mit Elca wollen wir einen Kanal für alle 100 Prozent der medizinischen Rechnungen in der Schweiz bauen, nicht nur für die rund 5 Prozent, die von der Suva verarbeitet werden», sagt Schmidiger. Er sei etwa offen für die Integration mit zum Beispiel den Patientendossiers evita (Swisscom) und vivates (Post). Gespräche mit der Swisscom hätten bereits stattgefunden.  Wie Elca und Suva erklären, befinde sich die App aktuell in der Pilotphase. Sie werde für Android- und iOS-Telefone frühestens Ende Jahr in Deutsch, Französisch und Italienisch lanciert. Eine englische Version soll dann noch folgen.

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