08.10.2012, 09:00 Uhr

WLAN im Spital

Spitäler und Pflegeheime sind seit Jahren einem steigenden Kostendruck ausgesetzt. Gleichzeitig hat sich der Anspruch an die Qualität der Gesundheitsversorgung erhöht. Das muss aber kein Widerspruch sein: Wireless LAN macht die Kommunikationsprozesse effizienter.
Die Ortung per WLAN ist keine neue Technik, sondern seit Jahren erprobt – trotzdem sind nur wenige Spitäler damit ausgerüstet
Der Autor ist Solutions Architect bei der Connectis AG.
Wer Angehörige im Spital besucht oder selbst dort liegen muss, kennt die am Bett befestigte Pa­tientenglocke, die im Notfall den Pfleger herbeiruft. Was aber, wenn ein Patient Unterstützung ausserhalb der Reichweite seines Betts benötigt? Mit einem WiFi-Armband – der sogenannten mobilen Patientenglocke – kann auf dem gesamten Areal eines mit WLAN ausgerüsteten Spitals ein Alarm ausgelöst und auch geortet werden. Die Ortung erfolgt über die Berechnung der Signalstärke zwischen dem Armband und den im Spital verteilten WLAN-Access-Points. Das Armband sendet die Alarmmeldung und die Informationen über den Aufenthaltsort des Patienten direkt an die Endgeräte des Spitalpersonals. Als Empfangsgeräte dienen Pager, Computer, Mobiltelefone, WLAN-Telefone und Alarmserver.

Grosses Potenzial

Die Ortung per WLAN ist keine neue Technik, sondern seit Jahren erprobt – trotzdem sind bis heute erst einige wenige Spitäler damit ausgerüstet. Dabei gibt es viele Bereiche, in denen ein solches System Patienten wie Personal entlastet: Personennotruf und Messaging: Dank mobiler Endgeräte erhöht sich die Flexibilität und Erreichbarkeit der Spitalangestellten enorm. Meldungen mit Lokalisierungsfunktionen können im gesamten Spital empfangen und gesendet werden, zum Beispiel auf dem «Personal Badge», der Alarm- und Textmeldungen empfängt und auch einen Alarm auslösen kann. Die Alarmfunktion für das Personal ist vor allem auf Abteilungen wie Psychiatrie, Notaufnahme oder bei der Drogenabgabe wichtig. Dieser sogenannte Personennotruf kann einerseits von den Angestellten ausgelöst werden (Spontanalarm), wird aber auch automatisch vom Gerät ausgelöst, wenn sich dieses über einen gewissen Zeitraum in waagrechter Position befindet (Totmann) oder nicht bewegt wird (Bewegungsalarm). Ein WLAN-Telefon wäre eine andere Option. Es bietet nebst den oben erwähnten Funktionen auch noch Telefonie-Optionen und Piepser. Direkter Kontakt: Ein konkreter Fall im Altersheim könnte folgendermassen aussehen: Der Bewohner Hans Muster drückt den Alarmknopf an seinem WiFi-Armband. Daraufhin wird ein Alarm mit Standortinformation auf das WLAN-Handy des zuständigen Pflegeteams gesendet. Wird der «Tag» im Zimmer des Bewohners lokalisiert, schaltet sich das Telefon im Zimmer des Bewohners auf Freisprechen und verbindet in einer Konferenzschaltung mit der zuständigen Pflegefachkraft. Diese kann nun den Bewohner direkt ansprechen und seine Bedürfnisse erfragen. Wird der «Tag» ausserhalb des Zimmers lokalisiert, behandelt das System den Alarm als medizinischen Notruf, das Pflegepersonal geht in diesem Fall direkt zu der gemeldeten Position und kann Erste Hilfe leisten. Der Alarm muss dabei durch das Personal auf dem WLAN-Handy quittiert werden (Task done). Bleibt eine Reaktion aus, benachrichtigt das System selbstständig weitere Personen. Die Alarmserver-Software benachrichtigt je nach Auslösestandort und Geräteidentifikation die jeweils richtigen Personenkreise. Je nach Situation wird beispielsweise das Pflegepersonal, eine Hebamme oder ein Notarzt alarmiert. Lesen Sie auf der nächsten Seite: Freiraum für desorientierte Personen Freiraum für desorientierte Personen: Die zunehmende Lebenserwartung und die verbesserten Massnahmen nach neurologischen oder traumatischen Verletzungen bringen es mit sich, dass die Anzahl der vorübergehend oder permanent desorientierten, aber trotzdem mobilen Patienten zunimmt. Bei diesen Patienten besteht das Risiko, dass sie ihr gewohntes Umfeld verlassen und nicht mehr eigenständig zurückfinden. Eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung durch das Personal ist oft nicht möglich und Massnahmen, die Patienten zu sehr in ihrer Freiheit einschränken (z.B. Einsperren), sind weder wünschenswert noch zeitgemäss. Mit einem sogenannten «Desorientierten-Schutzsystem» werden für diese Patienten Zonen definiert. Wenn ein Patient die erlaubte Zone verlässt, löst dies einen Alarm aus, der das Personal rechtzeitig informiert und Angaben zum Aufenthaltsort enthält. Die Patienten werden mit einem WiFi-Armband ausgerüstet, das in Verbindung mit den WLAN-Access-Points steht, der die Position des Armbands erfasst. Separate Sensoren müssen daher keine installiert werden. Diese moderne Lösung ermöglicht eine automatisierte Überwachung, die das Personal entlastet und dem Patienten mehr Freiheit ermöglicht. Monitoring- und Überwachungssysteme: Nach einer Operation sind Patienten oft an Monitore angeschlossen. Die Überwachung dieser Geräte kann mittels WLAN-Infrastruktur geschehen. Abweichungen der Soll-Parameter des Patienten werden auf ein zentrales System übertragen und lösen entsprechende Aktionen aus. Unstimmigkeiten oder Alarmmeldungen werden an die Endgeräte des Pflegepersonals (PC oder mobile Empfangs­geräte) gesendet. Selbst die Medikamentenkühlschränke lassen sich mit Wireless-Sensoren einfacher überwachen. Damit ist die Einhaltung der Temperatur und Feuchtigkeit innerhalb der Kühlkette besser gewährleistet, denn bei allfälligen Abweichungen oder Ausfällen kann rasch reagiert werden. Kosten durch Produktschäden, die durch defekte Kühlschränke entstehen, sind so vermeidbar. Mit der WiFi-Lösung erübrigt sich zudem eine aufwendige Verkabelung. Lokalisierung von wichtigen Geräten: Im hektischen Spitalalltag kommt es häufig vor, dass teure Geräte an andere Abteilungen weitergegeben werden. Wenn sie dann benötigt werden, sind sie nur schwer zu finden. Mit «WiFi Asset Tags» versehen, hat das Suchen ein Ende: Die «Tags» werden an die Geräte angebracht und sind über die bestehenden WLAN-Access- Points ortbar. Das Personal spart Zeit bei der Suche, das Inventar dieser Geräte läuft automatisch und die Verluste im Gerätepark reduzieren sich. Mobile Klinikinformationssysteme statt Papierakten: Mobile Klinikinformationssysteme machen Informationen für das Spital­personal auf dem gesamten Areal zugänglich. Tablets mit Patientendaten sind zum Beispiel bei einer Visite äusserst nützlich. Kontextinformationen zu einem Patienten lassen sich direkt vor Ort abrufen, die Zeit für das Beschaffen zusätzlicher Akten wird eingespart. Patientenleitsystem: Neben solchen, bereits implementierten Anwendungen, bieten sich für das WLAN im Spital noch weitere Nutzungsmöglichkeiten. Eine einfach umzusetzende Lösung wäre etwa die Patientenbenachrichtigung. Wartende Patienten werden mit einem «Badge» ausgerüstet, der sie benachrichtigt, sobald ein Arzt verfügbar ist. Der «Badge» gibt zudem an, wohin der Patient gehen muss (Haus, Stock, Zimmer, Arzt). Er ist damit nicht ans Wartezimmer gebunden und kann die Zeit irgendwo auf dem Areal verbringen. Lesen Sie auf der nächsten Seite: Einführung und Umsetzung

Einführung und Umsetzung

Am Anfang jeder Umstellung auf WLAN steht eine detaillierte Bedürfnisabklärung. Es ist nicht zielführend, hochmoderne Anwendungen einzuführen, wenn kein Bedürfnis dafür besteht. Umgekehrt besteht die Gefahr, dass ohne eine intensive Abklärung zentrale Bedürfnisse einer Abteilung übersehen werden. Als zweiter Schritt folgt die Analyse des Ist-Zustands. Wie ist die aktuelle technische Infrastruktur des Spitals? Eine umfassende Evaluation unter Einbezug aller Aspekte (Ablösung PNA, PSA, Bedarf KIS Anwendungen etc.) führt so zur optimalen Lösung. Die Umstellung auf WLAN ist zwar kosten- und zeitintensiv. Ist ein Spital- oder Heimareal jedoch erst einmal mit WLAN ausgerüstet, können diverse Anwendungen und Erweiterungen über dieses eine System laufen, ohne dass weitere Basis-Hardware besorgt werden muss. WLAN einzuführen ist somit ein Grundsatzentscheid: Will man eine universelle Lösung oder implementiert man für verschiedene Anwendungen unterschiedliche Kommunikationssysteme.
WLAN: Anwendungsbeispiele im Spital
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Zudem ist die WLAN-Ortung, abhängig von der Ausbaustufe, auf 2 bis 5 Meter genau. Zu den WLAN-basie­renden Anwendungen zählen heute Personennotruf, mobile Patientenglocken, Desorientiertenschutz, Asset Tracking, Voice over WLAN, Patientenmonitoring, mobile Klinik-Informationssysteme und Temperaturüberwachungen von Medikamenten. Eine Plattform für intelligente Echtzeitlokalisierung auf dem Krankenhausareal ist beispielsweise «ProAct» von ITH icoserve in Kombination mit «Ekahau Real Time Location System». Durch die Verknüpfung von Ortungsdaten mit den Daten aus weiteren klinischen Vorsystemen generiert ProAct zudem Informationen zur Unterstützung von klinischen Abläufen.

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