Künstliche Intelligenz erobert die Datenbanken
Infrastruktur im Wandel
Lange Zeit ging die Euphorie rund um Künstliche Intelligenz (KI) an den Datenbank-Anbietern vorbei. Erst im vergangenen Jahr wendete sich das Blatt. Führende Datenbank-Hersteller hefteten sich plötzlich das angesagte KI-Fähnlein an ihre Produkte. In der Folge veränderte die Technologie auch den Datenbank-Markt - getreu dem Credo des Marktforschungshauses Gartner, nach dem Künstliche Intelligenz früher oder später in jeder etablierten Technologie Einzug halten wird.
Inzwischen übt KI auch bei Datenbanken einen beträchtlichen Einfluss aus. Vor allem die grossen Player - Microsoft, Oracle, IBM und SAP - sind auf den KI-Zug aufgesprungen. Sie machen ihre Systeme und das Arbeiten mit Daten intelligenter und einfacher nutzbar. Natürlichsprachliche Schnittstellen beispielsweise erlauben dem Nutzer die Abfrage von Daten in seiner Muttersprache. Und Anwender müssen sich nicht mehr auf exakte Suchbegriffe, Schlüsselsätze oder starre Masken verlassen, um die benötigten Informationen zu finden.
Grosse Auswirkungen hat Künstliche Intelligenz auch auf das Management und das Tuning von Datenbanken - Aufgaben also, die normalerweise ein Datenbank-Administrator erledigt. Statt solche Tasks unter hohem Zeit- und Ressourcen-aufwand manuell auszuführen, verwalten, patchen und optimieren sich intelligente Datenbanken selbst. KI-Software kann beispielsweise automatisch Fehlfunktionen und Schwachstellen erkennen und Ausfälle von Komponenten selbstständig kompensieren, ohne dass Performance-Einbussen auftreten.
Und das ist längst noch nicht das Ende der Fahnenstange. In der KI-Ära werden Datenbanken auch nicht mehr ausschliesslich als traditionelles System von Datensätzen oder Datenspeichern betrachtet. Zusehends werden Datenbanken enger an KI-Anwendungen gekoppelt, etwa um das Training der riesigen Datenmengen zu optimieren. Und im Extremfall verschmelzen Datenbanken sogar mit KI-Entwicklungswerkzeugen und bilden eine Art «holistische Einheit».
Mehr Intelligenz
Der Druck auf die Datenbank-Anbieter, KI-Funktionen zu integrieren, kommt vom Markt und von den Anwendern. «Heute sind die Erwartungen an die Datenbank höher», sagt Prasun Mahapatra, leitender Datenbank-Administrator beim Software-Haus Micro Focus. «Datenbanken müssen intelligenter sein.» Dafür gibt es mehrere Gründe. Wenn es um Daten und die sie verwaltenden Systeme geht, stehen Unternehmen vor der Herausforderung, die betriebliche Effizienz zu steigern und zugleich möglichst vielen Mitarbeitern einen besseren Datenzugriff zu ermöglichen. Schon aus Wettbewerbsgründen ist es entscheidend, alles, was KI zu bieten hat, voll auszuschöpfen. Unternehmen benötigen Datenverwaltungssysteme, die effizient und mit hoher Leistung laufen und exakte Ergebnisse liefern. Und genau das leistet KI, die in Datenbank-Systeme eingebettet wird - sie verbessert Genauigkeit und Leistung von Datenbank-Abfragen und optimiert Systemressourcen.
Hinzu kommt: Datenbanken und KI sind synergetisch. Unternehmensdaten müssen auch für Datenwissenschaftler zugänglich sein, damit sie KI-fähige Anwendungen produktiver und schneller entwickeln können. Unterstützen Datenbanken direkt KI-Tools und sind diese eng miteinander verzahnt, kann die Entwicklung von KI-basierten Anwendungen und der Aufbau komplexer Datenmodelle beschleunigt werden.
Eine 2019 durchgeführte Umfrage des US-amerikanischen Forschungs- und Beratungsunternehmens 451 Research zeigt, dass Unternehmen KI als kritische Aspekte ihrer Datenbank-Ausrichtung betrachten. Zwei Drittel aller Befragten sagten, dass KI und Machine Learning wichtige Komponenten ihrer Datenplattform- und Analyse-Initiativen seien. Dieser Anteil steigt bei stark datengetriebenen Unternehmen - also Unternehmen, bei denen fast alle strategischen Entscheidungen datenbasiert erfolgen - sogar auf 88 Prozent an.
Wo KI Datenbanken verbessert
Die Analysten von 451 Research sehen vor allem fünf Bereiche, in denen KI-basierte Datenbanken die Effizienz von Unternehmen steigern können.
Verbesserte Abfragen: Die Ergebnisse von Datenbank-Abfragen sind oft suboptimal, das heisst sie sind wenig genau und unzuverlässig. KI-optimierte Datenbank-Abfragen erhöhen die Genauigkeit und Zuverlässigkeit der Resultate. Durch die effizientere Ausführung von Queries können Anwender Datenbank-Abfragen beschleunigen und Geschäftsentscheidungen verbessern.
Demokratisierung: Eine der grössten Herausforderungen bei der Durchführung von Analysen liegt darin, die Technologie zu «demokratisieren», damit ein grösserer Personenkreis analysegesteuerte Entscheidungen treffen kann. KI-basierte Datenbank-Tools erlauben es, die Nutzung von Datenbanken und KI-Tools in die Hände von Anwendern, Domänenexperten und Entscheidungsträgern zu legen.
Operationale Effizienz: Unternehmen haben oft Schwierigkeiten, sicherzustellen, dass die Datenbank-Systeme effizient arbeiten. Abfragen, die das System überlasten, übermässige Ressourcen verbrauchen oder andere laufende Jobs beeinträchtigen, schmälern nicht nur die Leistung. Zur Behebung der Störungen sind meist auch manuelle Eingriffe notwendig. Die KI kann helfen, stabilere und zuverlässigere Systeme bereitzustellen und die manuelle Verwaltung und Überwachung der Datenbank zu reduzieren.
Automatisierte Administration: Laut den Marktforschern von IDC entfallen 75 Prozent der Gesamtkosten des Datenmanagements auf die Arbeitszeit. Durch die Automatisierung alltäglicher Datenbank-Admin-Tätigkeiten wie Datenbank-Bereitstellung und -Optimierung sparen Unternehmen Kosten. Administratoren können sich auf strategischere und anspruchsvollere Aufgaben wie Architekturplanung und Datensicherheit konzentrieren.
Analytische Produktivität: Umfragen zeigen, dass der mangelhafte Zugang zu Daten eine der wichtigsten Barrieren für die Einführung von Machine Learning ist. Eine KI-fähige Datenbank kann dazu beitragen, dieses Hindernis zu überwinden, indem sie die Datenexploration beschleunigt und die Entwicklungszeiten durch die Integration von Entwickler-Tools und Frameworks verkürzt.
Die wichtigsten Player
Fast alle grossen Datenbank-Anbieter beschäftigen sich inzwischen mit dem Thema Künstliche Intelligenz - sie setzen jedoch verschiedene Schwerpunkte. So startete Marktführer Oracle im vergangenen Jahr eine grosse Kampagne für seine Oracle Autonomous Database, die die Datenbank-Verwaltung und -Wartung mit maschinellem Lernen erleichtert und optimiert. Die KI-Verfahren übernehmen Aufgaben wie automatisches Upgrade, Fehlerbeseitigung und Tuning im laufenden Betrieb. Sie tragen damit dazu bei, die Komplexität, menschliche Fehler und den manuellen Verwaltungsaufwand zu verringern.
Microsoft wiederum vermarktet seinen SQL Server 2019 und das Cloud-Pendant Azure SQL an mehreren Stellen mit dem Schlagwort «intelligent». So überwacht und analysiert die automatische Optimierung die Datenbank fortlaufend, identifiziert potenzielle Verbesserungen oder stellt künftige mögliche Probleme fest. Unter dem Begriff «Intelligent Query Processing» hat Microsoft eine Reihe von Optimierungen bei der Verarbeitung von Abfragen eingeführt.
Und auch ERP-Riese SAP hat sich gross KI auf die Fahne geschrieben und seine gesamte Produktpalette mit KI-Features erweitert. Im Datenbank-Segment bietet beispielsweise SAP S/4 HANA Cloud-Anwendern intelligente, selbstlernende Mechanismen, die die Art und Weise, wie Aufgaben erledigt werden, verändern sollen.
«Wir setzen auf KI, um das Nutzererlebnis zu ändern, Prozesse zu automatisieren und direkten Mehrwert durch Kostensenkungen zu schaffen», sagte der ehemalige SAP-Präsident Franck Cohen in einem Interview. Ein Beispiel ist die Datenbank-Anwendung SAP Cash Application. Mit den SAP-Leonardo-Funktionen für maschinelles Lernen lernt SAP Cash Application aus den bisher manuellen Tätigkeiten der Buchhalter.
Vorreiter IBM
IBM profitierte bei der Integration von KI in Datenbank-Systeme von seinem KI-Know-how. «IBM war in den letzten Jahren führend in der Entwicklung einiger Technologien in diesen neuen Bereichen, insbesondere mit Watson», erklärt Gartner-Analyst und Vice President Merv Adrian. Mit der frühen Demonstration, was KI praktisch leisten kann, und dem relativen Erfolg des KI-Systems Watson im Hintergrund frischte IBM seine fast 40 Jahre alte relationale Datenbank Db2 im Sommer letzten Jahres mit KI-Features auf und platzierte sie in der Version 11.5 als «KI-Datenbank».
IBMs Db2 in der aktuellen Version 12 enthält eine ganze Reihe neuer Funktionen, die das Datenbank-Managementsystem noch weiter in das KI-Zeitalter bringen. Anwender können damit verschiedene Aspekte rund um die Datenbank optimieren - von den Datenstrukturen über Speicherinfrastrukturen bis hin zu komplexen Abfragen. «Datenbank-Administratoren werden in dreifacher Hinsicht entlastet», erläutert Andreas Weininger, Leading Technical Sales bei IBM Deutschland. «KI wird eingesetzt erstens zum Selbst-Tuning von Datenbank-Systemen, zweitens zur Selbstoptimierung von Datenbanken und drittens zum automatisierten Management der Systeme.»