Offene Türen in die KI-Welt
Apertus – KI aus der Schweiz
Einmal mehr lässt die Schweiz die intellektuellen Muskeln spielen. Entwickelt von Wissenschaftlern der ETH und der EPFL, ist «Apertus» ein Open-Source-Modell für Künstliche Intelligenz, welches weltweit zu den besten seiner Art gehört. Wir haben mit Dr. Imanol Schlág über die Hintergründe gesprochen.
Computerworld: KI-Modelle haben sich in den letzten 10 Jahren stark verändert. Wo liegt heute der Benchmark für ein Modell, das «State of the Art» ist?
Imanol Schlág: Vor zehn Jahren ging es primär um Bildklassifikation und einfache Sprachverarbeitung. Heute definiert sich «State of the Art» über fortgeschrittenes Reasoning, also mehrstufiges, logisches Schlussfolgern, native Multimodalität agentische Werkzeugnutzung, starke Code-Generierung und Kontextfenster von bis zu einer Million Tokens. Klassische Benchmarks wie MMLU sind dabei weitgehend gesättigt, weshalb die Forschung auf schwierigere Evaluationen wie GPQA Diamond (Wissenschaft auf Doktoratsniveau) oder SWE-bench (reales Software-Engineering) umgestiegen ist.
CW: Ist Apertus die Schweizer Antwort auf diese Entwicklung? Welche Eigenschaften zeichnen Ihr Modell aus?
Schlág: Apertus ist weniger eine direkte Antwort auf das Frontier-Rennen als vielmehr eine bewusste Grundlage für die eigenständige, transparente KI-Entwicklung in der Schweiz und darüber hinaus. Das Modell zeichnet sich durch vollständige Offenheit aus: Gewichte, Trainingsdaten, Code und Rezepte unter Apache-2.0-Lizenz, Training auf über 1000 Sprachen und – das ist uns besonders wichtig – die konsequente Einhaltung des EU AI Act. Apertus ist kein fertiges Produkt wie ChatGPT, sondern ein Fundament, auf dem Forschung, Verwaltung und Industrie eigene Anwendungen aufbauen können.
CW: Die KI-Heatmap hat zwei Hotspots: USA und China. Ist die Schweiz als neutrales Land prädestiniert, ein objektives, unvoreingenommenes KI-Modell zu entwickeln?
Schlág: Kein Sprachmodell ist vollständig unvoreingenommen, denn jedes Modell reflektiert die Daten, auf denen es trainiert wurde. Was die Schweiz auszeichnet, ist die Kombination aus politischer Unabhängigkeit, erstklassiger Forschungsinfrastruktur und einer starken Tradition öffentlicher Institutionen. Wir orientieren uns an der Swiss AI Charter, legen sämtliche Trainingsdaten und -entscheidungen offen und ermöglichen so eine gesellschaftliche Überprüfbarkeit, die bei US- oder chinesischen Anbietern nicht gegeben ist.
CW: Ergänzend dazu: Was war der Impuls, Apertus zu entwickeln?
Schlág: Die leistungsfähigsten Modelle sind heute entweder geschlossen oder nur teilweise offen und werden von grossen Technologiekonzernen in den USA und China entwickelt, deren langfristige Absichten und Übereinstimmung mit dem öffentlichen Interesse unklar bleiben. Gleichzeitig verfügt die Schweiz mit dem Alps-Supercomputer und unseren technischen Universitäten über die nötige Infrastruktur und Expertise. Der Impuls war, diese Ressourcen zu bündeln, um ein Modell zu schaffen, das schweizerischen und europäischen Werten entspricht, unsere Landessprachen einschliesst und als transparente Grundlage für Forschung und Wirtschaft frei verfügbar ist.