Kontrolle statt Komfort: Wer steuert unsere Daten?
Auf der IoT/OT Security Conference 2025 stellte ein Referent sein Unternehmen mit einem bemerkenswerten Satz vor: «Wir sind eines der wenigen Security-Unternehmen, das weder amerikanischen noch israelischen Ursprungs ist.» Was zunächst beiläufig wirkte, gewinnt heute an Bedeutung. Das Unternehmen stammt aus Dänemark – und steht sinnbildlich für eine Entwicklung, die sich in Europa abzeichnet. Daten gelten heute als die Kronjuwelen moderner Organisationen – als das Wertvollste, das es zu schützen gilt. Genau hier entsteht jedoch ein fundamentaler Widerspruch. Denn während Unternehmen ihre sensibelsten Informationen in die Cloud verlagern, verlieren sie gleichzeitig einen Teil der Kontrolle darüber.
Ein zentraler Treiber ist der US CLOUD Act. Er verpflichtet Anbieter wie AWS, Microsoft oder Google, Daten auf behördliche Anordnung herauszugeben – unabhängig vom Speicherort. Entscheidend ist nicht, wo Daten liegen, sondern wer den Anbieter kontrolliert. Gleichzeitig erleben wir eine zunehmende Volatilität im geopolitischen Umfeld. Politische Entscheidungen wirken direkt auf Technologie und Märkte. Was gestern noch als stabil galt, kann heute bereits infrage gestellt sein – und morgen neue Konsequenzen nach sich ziehen.
Hinzu kommt eine zweite Entwicklung: In den letzten Monaten haben grosse Technologieanbieter ihre Marktposition zunehmend ausgespielt. Kunden, Partner und Lieferanten sehen sich mit veränderten Bedingungen konfrontiert – von Preisanpassungen über neue Vertragsmodelle bis hin zu kurzfristigen strategischen Richtungswechseln. Was sich hier abzeichnet, ist mehr als eine Marktbewegung. Es ist eine Verschiebung von Kontrolle.
Souveränität als Verkaufsargument
Auffällig ist, wie stark sich die Kommunikation der Anbieter verändert hat. Begriffe wie Digitale Souveränität oder Data Resilience sind allgegenwärtig. Was zunächst wie ein Paradigmenwechsel wirkt, ist bei genauerem Hinsehen oft eher ein Rebranding. Ein Beispiel: Anbieter lancieren neue Tools zur Bewertung der eigenen Souveränitätsfähigkeit oder stellen entsprechende Frameworks vor. Gleichzeitig entstehen neue Cloud-Regionen in Europa, die gezielt mit Datensouveränität und regulatorischer Compliance beworben werden.
So betont etwa AWS im Zusammenhang mit neuen Standorten die Möglichkeit, Daten innerhalb Deutschlands oder der Europäischen Union zu speichern und zu verarbeiten. Insbesondere für regulierte Branchen verspricht man eine bessere Unterstützung bei der Einhaltung von Vorgaben wie der DSGVO – verbunden mit mehr Transparenz und Kontrolle für Kunden. Gerade für Betreiber kritischer Infrastrukturen und Organisationen im öffentlichen Sektor wird die lokale Verfügbarkeit von Cloud-Ressourcen damit zu einem zentralen Entscheidungskriterium. Doch die entscheidende Frage bleibt: «Wie lassen sich diese Versprechen mit dem US CLOUD Act vereinbaren?» Denn solange Anbieter dem US-Recht unterstehen, bleibt die grundsätzliche Zugriffsmöglichkeit bestehen – unabhängig vom Standort der Daten.
Parallel dazu lässt sich ein zweiter Trend beobachten: Europa wird selbstbewusster. Lange Zeit galt die Dominanz der US-Hyperscaler als alternativlos. Doch zunehmend positionieren sich europäische und insbesondere auch Schweizer Anbieter mit klaren Gegenentwürfen. Was früher als Nischenargument galt, wird heute zum zentralen Differenzierungsmerkmal. Doch auch hier gilt: Nicht jede «europäische» oder «schweizerische» Lösung ist automatisch souverän.