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Was heisst hier «digital transformieren»?

Digitale Transformation ist mehr als nur Software kaufen und einsetzen. Sie verändert das Arbeiten und unsere Werthaltungen.
Reinhard Riedl beschäftigt sich mit digitalen Ökosystemen sowie der Rolle der Menschen im digitalen Wandel von Unternehmen und Märkten. Er ist ausserdem Herausgeber des Wissenschafts-Blogs «Societybyte» der Berner Fachhochschule. www.societybyte.swiss
© (Quelle: Reinhard Riedl)

Haben Sie zufällig in Jugendtagen das Theaterstück «Was heisst hier Liebe?» gesehen? Es geht darum, was Erotik, Sex und tiefergehende Empfindungen bedeuten, wenn du jung und unerfahren bist. Das Thema war einst ein gesellschaftliches. Heute scheint es nur mehr ein psychologisches zu sein, es bleibt aber vor allem ein kulturelles. Denn es gibt keine Antworten auf solche Fragen ohne Einbezug des kulturellen Kontexts.

Leider wird die kulturelle Dimension von digitaler Transformation weitgehend ausgeklammert, wenn IT-Lösungen entwickelt werden. Zwar gibt es genügend Menschen, die über die Folgen der Digitalisierung spekulieren und es gibt auch viele Expert*innen, welche mit Fairness, Ethik oder Governance ihr Geld verdienen. Aber die Frage, was die digitale Transformation aus Sicht derer bedeutet, die mittendrin stecken und unerfahren sind, wird kaum gestellt. Die Transformation der Arbeitsprozesse spielt beim IT-Lösungsdesign keine Rolle, obwohl genau dort der Hauptnutzen der Digitalisierung entsteht. Die mit dieser Transformation in enger Wechselwirkung stehenden ethischen Überzeugungen sind gar kein Thema, obwohl sie die Entwicklung je nachdem blockieren oder vorwärtstreiben. Zwar wird gerne über Werte geredet, aber nur abstrakt oder normativ. Werte aber sind wie Kultur etwas Lebendiges – etwas, das sich stetig wandelt.

«Leider wird die kulturelle Dimension der digitalen Transformation weitgehend ausgeklammert.»

Reinhard Riedl

Derzeit sind drei Trends bei uns zu beobachten. Erstens der zum naiven Glauben: Wir benötigen nur technische Fachexpertise für die Digitalisierung, z.B. für die KI-Einführung. Zweitens der zur defensiven Logik: Übergreifende, digitale Qualitätsstandards machen keinen Sinn, z.B. im Bereich Observability. Drittens der zu einer neuen Form des Gärtlidenken, z.B. bei Innovationen: Skalierung ist kein Thema. Darüber hinaus wird es abgelehnt, die digitale Transformation als kulturellen Prozess zu betrachten. Wenn überhaupt, reist man ins Silicon Valley, um die digitale Kultur von dort zu kopieren.

Das Ergebnis ist doppelt unerfreulich: Die kulturübergreifend beobachtbaren Patterns der digitalen Transformation sind den meisten Führungskräften unbekannt, zugleich aber wird auch die kulturspezifische Dimension «andere Länder/Berufe, andere Sitten» ignoriert. Für viele heisst Digitalisierung Software bauen oder einkaufen, und ansonsten alles beim Alten belassen. Stattdessen sollten wir im globalen Wettkampf unsere Stärken einsetzen. Diese sind unsere Fachkräfte, welche wir digital zu noch besserer Arbeit befähigen können. Und zweitens unsere Expertise in der IT-Nutzung, welche wir durch noch bessere Zusammenarbeit zwischen Business und IT weiterentwickeln können. Und drittens unsere Fähigkeit, den kulturellen Kontext zu analysieren und in die Transformation mit einzubeziehen. Fair wie wir sind, duellieren wir uns mit USA und China wirtschaftlich nicht in den Bereichen, wo wir überlegen sind! Das ist edel, aber nicht schlau.

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