Data-Center-Markt Schweiz 2021
Pandemie mit Folgen
Zwar hat sich die Art und Weise, wie ein Unternehmen ihre IT betreibt, schon immer verändert, doch die neue IT-Infrastrukturwelt verlangt inzwischen, maximal flexibel und agil zu sein, und zwar über die Firmengrenzen hinweg. Kurz gesagt, ist die Umschaltung der Geschäftsprozesse in der Corona-Krise vom Office zum Home Office in kurzer Zeit unter anderem dank des zunehmenden Einsatzes von Cloud-Services möglich geworden. Eine zentrale Rolle übernehmen hier die Rechenzentren (RZ).
Glaubt man den jüngsten Zahlen des Immobiliendienstleisters CBRE, ist die Schweiz für diesen digitalen Wandel bestens gerüstet (vgl. auch den Computerworld-Hintergrundbericht «Zürich auf dem Weg zur europäischen Cloud-Metropole»).
Die Attraktivität der Schweiz erklärt man bei CBRE nicht nur mit dem allgemein zu beobachtenden Kundenzuwachs insbesondere im Finanz- und Fintech-Sektor. Vorteilhaft wirke sich auch die Unabhängigkeit des Landes aus. So würden die hiesigen Datenschutzanforderungen die Souveränität fördern und RZ-Anbieter müssten sich nicht an den EU-Anforderungen wie der GDPR orientieren.
RZ-Anbieter-Überblick
Schweizer RZ-Marktübersicht 2021 (Teil 1)
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Legende: AWSDC = AWS Direct Connect, GCI = Google Cloud Interconnect, MAER = Microsoft Azure Express Route, OFC = Oracle Fast Connect
Auf den Wandel vorbereitet
Dass RZs für Immobiliendienstleister interessant werden, ist laut CBRE dem steilen Anstieg des Datenaufkommens geschuldet, der nicht zuletzt nach dem Ausbruch von Covid-19 zu beobachten gewesen sei. Home Office, Videostreaming, Online-Gaming oder auch E-Commerce hätten das Wachstumspotenzial dieses aufkeimenden Segments deutlich gemacht. Doch fragt man in der Branche nach, erhält man auf den ersten Blick erstaunlich gelassene Antworten.
So hält beispielsweise Kurt Ris fest, es sei auf Kundenseite bei mittleren Unternehmen die Nachfrage nach Home-Office- respektive Remote-Arbeitsplätzen und Collaboration-Lösungen deutlich gestiegen. Aber, so der CEO von EveryWare weiter, «unsere internen IT-Services waren bereits sehr gut auf die Home-Office-Situation ausgelegt.»
Selbst wo in den Unternehmen wegen der Pandemie vieles neu gedacht werden musste «und noch muss», wie Ris anfügt, habe man nahtlos den Betrieb und die Services als Cloud- und Managed-IT-Provider mit eigenen Data Centern aufrechterhalten können. Hier habe sich beispielsweise die hauseigene Continuity-Planung bewährt und man sei auch in der Lage gewesen, die Kunden bei der Konzeption, der Umsetzung und dem Betrieb unterstützen zu können, trotz der sich so rasch wandelnden Ansprüche, schiebt er nach.
Dafür, dass die eigenen Plattformen und Systeme entsprechend skalierten, hat Ris nur einen Nebensatz übrig. Es ist für ihn geradezu selbstverständlich, zumal bei EveryWare die Data-Center-Services nur einen Teil des gesamten Business-IT-Portfolios ausmachen, das stark auf das IT-Outsourcing und die Managed-IT-Services fokussiere, wie er ausführt. Schliesslich erwähnt Ris noch die konstant hohe Nachfrage nach Private-Cloud-Services: «Aktuell setzen wir am häufigsten Hybrid-Szenarien mit diversen Cloud-Kombinationen um. Die passende Cloud-Lösung für die meisten Unternehmen ist oft weder Public noch Private, sondern beides.»
Schweizer RZ-Marktübersicht 2021 (Teil 2)
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Veränderung in kürzester Zeit
Kaum anders sieht Mark Thommen, Head of Datacenter bei Netrics, die Situation. Gefragt sei in der Krise die schnelle Veränderung in kurzer Zeit gewesen. Kurz gesagt sind Flexibilität und Skalierung wichtig, führt er aus. Man habe dafür sorgen müssen, dass Partner, Lösungsanbieter und Provider schnell reagieren konnten.
Damit sei einhergegangen, dass im Lösungsgeschäft alles aus einer Hand angeboten werden musste, was für Netrics zur Folge hatte, eine Kombination aus Infrastruktur, Netz und Data Center mit Applikationen kurzfristig verfügbar zu machen. Die Herausforderung habe darin bestanden, diesen «Mix von Shared Services mit den bestehenden ICT-Infrastrukturen der Kunden» in Einklang zu bringen. Die Skalierung sieht Thommen hingegen nicht als Problem, die werde bei den Data-Center-Betreibern schlicht vorausgesetzt, unter anderem weil «auch bei den Providern neue Geschäftsmodelle entstehen, die diese Flexibilität und Skalierung abbilden».
Zur Vorsicht mahnt Thommen allerdings bei der Überbetonung des Public-Cloud-ICT-Bezugs. Hier gehe es nicht nur um die Beurteilung des Bezugs von geschäftskritischen Applikationen, sondern es werde auch die Verantwortlichkeitsfrage virulent: «Wie kann ich mit einem Shared-Service-Provider beziehungsweise Public-Cloud-Anbieter die Verantwortung einer kritischen, kundenspezifischen Applikation regeln? Geht dies überhaupt? Und wenn, wird es dann nicht sehr komplex und juristisch?» Ausserdem stelle sich die Kostenfrage für Public-Cloud-Lösungen neu, die aufgrund der Erfahrung einiger Betriebsjahre zu beurteilen sei. Laut Thommen habe sich gezeigt, dass die Kosten massiv höher ausfallen können. Jedenfalls habe «das Consumption Based Model bei einigen Kunden zur Erkenntnis beigetragen, anfangs falsch kalkuliert zu haben, was eine massive Kostenzunahme zur Folge hatte».
Man müsse einfach wissen, dass das klassische Outsourcing komplexer und vernetzter geworden ist, erklärt der Netrics-Chef. Heute gehe es darum, Ansprüche aus einer Kombination aus On-Premises-Anwendungen, dem Outsourcing, der Private Cloud und den Applikationen einer Public Cloud erfüllen zu können.
Schweizer RZ-Marktübersicht 2021 (Teil 3)
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Skalierung war kein Problem
Dem stimmt auch Thomas Williams von T-Systems Schweiz zu. Der Verkaufsexperte für Managed Infrastructure Services und Cloud erklärt: «Wir stellen vermehrt fest, dass auch Organisationen mit einer definierten und gelebten Public-Cloud-First-Strategie immer mehr erkennen, dass nicht jede Applikation für die Public Cloud gemacht ist. Hindernisse sind vor allem legale und architektonische Gründe.» Hieraus erkläre sich die stark zunehmende Nachfrage nach Private-Cloud- und Hybrid-Cloud-Lösungen, die das Beste aus beiden Welten bieten, führt Williams weiter aus.
Auch er stellt fest, dass die Corona-Pandemie zu einem Technologieschub geführt hat. «Durch das Arbeiten von zu Hause aus werden einige Technologien rascher übernommen und vermehrt in der Praxis eingesetzt. Ein gutes Beispiel dafür ist die rasante Zunahme von Videokonferenz- und Collaboration-Tools, die für die Telearbeit unabdingbar sind. Die Nutzerzahlen sind förmlich explodiert», betont Williams. Teilweise habe man denn auch Daten schneller und dynamischer zwischen verschiedenen Clouds verschieben müssen, «um den Kundenbedürfnissen gerecht zu werden».
Doch wie Ris und Thommen konstatiert auch Williams keine Probleme mit der Skalierung und Automatisierung. Die betreibe man bei T-Systems «sowieso mit höchster Priorität und das permanente Optimieren der Betriebskosten ist tief in unserer DNA verankert». Daran habe sich auch durch die krisenbedingt anhaltend hohe Nachfrage nach IT-Lösungen für ortsunabhängiges Arbeiten nichts geändert. Genauso wenig, dass die hohe Akzeptanz von Cloud-Lösungen, für stabiles Wachstum auf dem Markt für private und hybride Cloud-Dienste sorge. Um zeitnah passende neue Services verfügbar zu machen, steigt laut Williams insbesondere auch der Bedarf an Colocation-Leistungen. Selbst die in Zeiten von Corona wichtiger gewordene Mobilität von Applikationen habe T-Systems problemlos adressieren können. «Wir haben bereits früh erkannt, dass das Verschieben von Workloads zwischen verschiedenen Clouds ein wichtiges Bedürfnis für unsere Kunden darstellt. Aus diesem Grund steht Cloud Connectivity bei der Konzeption unserer Cloud-Lösungen immer im Fokus.»
Schweizer RZ-Marktübersicht 2021 (Teil 4)
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«Normales Wachstum»
Interessant ist, dass sich EveryWare und Netrics einig darin sind, dass ein eigentlicher Umbruch im Schweizer Data-Center-Business nicht ansteht. Laut Ris treiben zurzeit zwar die Hyperscaler die Nachfrage nach Data-Center-Flächen. Doch betreffe das nur die drei marktführenden Anbieter in der Schweiz. «Der Rest des Marktes hat ein normales und moderates Wachstum», sagt Ris weiter. Und Thommen ergänzt, dass diese grossen Projekte örtlich an die Ballungsgebiete und Wirtschaftsmetropolen Zürich und Genf gebunden sind. Anders sehe es im dezentralen RZ-Markt aus, denn kleinere Data Center sind laut Thommen über alle Wirtschaftsräume verteilt nahe bei der Industrie anzutreffen.Allerdings weist Thommen auch auf die zunehmende Bedeutung der Edge-Data-Center hin. Die Datenverarbeitung nähert sich der Netzwerkkante und die Entstehung der Daten dem Ort, wo die generierten Informationen gebraucht werden. Hierin sieht Thommen einen Treiber und Trend, um Kunden direkt via Private Cloud unterstützen zu können: «Die lokalen und zeitkritischen Applikationen, die IoT-Services und die Verfügbarkeit treiben dieses Edge-Data-Center-Modell», erläutert der Netrics-Mann weiter.
Schweizer RZ-Marktübersicht 2021 (Teil 5)
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5G treibt Bedarf in die Höhe
Was künftig auf die Data Center zukommt, beschreibt T-Systems-Experte Williams so: «Derzeit ist das Datenvolumen noch bewältigbar, da auch der Flächenbedarf für Rechenleistung ständig abnimmt. Mit der flächendeckenden Einführung von 5G erwarten wir jedoch die Verbreitung von datenintensiven Anwendungsfällen, wodurch auch die Datenmengen massiv steigen werden.»Auch auf diese Entwicklung sei man bestens vorbereitet. Das gelte auch für die Ansprüche aus der sich verstärkenden Nachfrage nach Technologien wie IoT, Big-Data-, BI- und Security-Lösungen. Ausserdem müssten sich die RZ-Betreiber auf Änderungen der Geschäftsmodelle ihrer Kunden einstellen, ergänzt Williams. Denn «selbstverständlich sind durch die Vielzahl der durch die Digitalisierung, IoT und M2M bedingten neuen Anwendungsfälle auch die Anforderungen an Verfügbarkeit, Latenzzeiten und Datensicherheit gestiegen». Anders sehe es bei der Hoheit über die Daten und deren Qualität aus, die «in der Regel die Angelegenheit unserer Kunden sind, die sie eher ungern aus der Hand geben, denn Daten sind der Rohstoff der Zukunft».
Schweizer RZ-Marktübersicht 2021 (Teil 6)
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