Aus stürmischer See in ruhige Gewässer
New Economy, Dotcom-Blase, Globalisierung
Der Hobbykapitän Peter Weber ist heute wieder in ruhigen Fahrwassern unterwegs. Als Technologie-Leiter der Hightech-Firma GS Swiss PCB ist seine Hauptaufgabe, qualitativ hochwertige und zuverlässige Leiterplatten zu liefern. Tönt nach einem soliden Geschäft. Ist es auch. Als Inhaber der früheren PPC Electronic wähnte sich Weber in einer ähnlichen Situation. Dann platzte die Internetblase, die Globalisierung schwappte in die Schweiz und der Franken stürmte in ungeahnte Höhen.
Computerworld: Was ist das Kerngeschäft der Küssnachter GS Swiss PCB?
Peter Weber: GS Swiss PCB ist spezialisiert auf die Produktion von miniaturisierten flexiblen Leiterplatten. Seit 1981 beliefern wir die globalen Anbieter von Medizinaltechnik. Mit 170 Mitarbeitern erwirtschaftet GS einen Umsatz von etwa 40 Millionen Franken. Alleinstellungsmerkmale von GS sind die enorme Miniaturisierung, die hohe Qualität und Zuverlässigkeit der Produkte sowie die kompetente Beratung beim Kunden vor Ort. Diese Kombination erlaubt GS die Fertigung exklusiv in der Schweiz. Küssnacht am Rigi ist der einzige Standort. Insbesondere in Südostasien gibt es Tausende Leiterplattenhersteller. Sie liefern ebenfalls gute Produkte. Allerdings benötigen die Kunden aus der Medizinaltechnik zwingend die hohe Zuverlässigkeit der Leiterplatten. Die können wir liefern, auch wenn wir etwas teurer sind als die Wettbewerber. Daneben wollen die Kunden Kontinuität in der Lieferantenbeziehung, da die Freigabeprozesse für die Leiterplatten extrem aufwendig sind. Ein Wechsel zu einem anderen Lieferanten würde grossen Aufwand bedeuten.
CW: Die Medizinaltechnik ist ein weites Feld. Welchen Kunden liefert GS die Leiterplatten?
Weber: Kunden kann ich nicht nennen. Die meisten Abnehmer entwickeln und verkaufen Hörhilfen. Ein australischer Anbieter stattet beispielsweise seine patentierten Implantate mit unseren Leiterplatten aus. Aber auch in der Schweiz, in Nordeuropa und den USA haben wir Kunden. Die Technologie entwickelt sich sehr schnell weiter, die Geräte werden immer kleiner (und komplexer) und die Menschen immer älter. Das Geschäft von GS läuft sehr gut.
CW: Gibt es Produkte jenseits der Hörhilfen?
Weber: Ja. Weitere Geschäftsbereiche sind Leiterplatten für Implantate, darunter Blut- und Schmerzmittelpumpen, Defibrillatoren und Herzschrittmacher. Heute wird schon sehr viel Elektronik implantiert.
CW: Die Elektronik unter der Haut war lange Jahre noch eine Zukunftsvision.
Weber: Eine Zukunftsvision ist es definitiv nicht mehr. Heute werden schon die verrücktesten Sachen implantiert. Zum Beispiel ein Impulsgeber für den Zungenmuskel, der das Schnarchen verhindern kann. [lacht]
CW: Inwieweit ist GS Swiss PCB an der Entwicklung solcher Produkte beteiligt?
Weber: Die Kunden kommen mit Produktideen auf GS zu. Dann beraten wir die Unternehmen bei der Materialauswahl, beim Leiterplattenlayout und beim Entwickeln des Prototyps. Nach erfolgreichen Tests und dem Auftrag des Kunden geht die Platte in Serie.
Zur Person
Peter Weber
ist seit 2012 Head of Technology bei GS Swiss PCB. Zu seinem Verantwortungsbereich zählen Forschung und Entwicklung, Produkt- sowie Prozess-Engineering, Einkauf und die IT. In den Jahren zuvor war er CEO und Mitinhaber von PPC Electronic. Das heute insolvente Unternehmen aus Cham stellte Leiterplatten für die Telekommunikationsindustrie her. Daneben ist Weber seit 2000 ehrenamtlich Präsident der Zürichsee Schifffahrtsgesellschaft.Informatik bei GS Swiss PCB
CW: Welche Rolle spielt die Informatik bei GS?Weber: Sie gehört zwar in meine Zuständigkeit, ist aber nicht mein Lieblingsthema. [lacht] Allerdings beschäftigt uns die IT enorm. GS ist aufgeteilt in einen Hardware-Bereich mit den Fertigungsmaschinen, dem Netzwerk, den PCs und den Servern. Daneben gibt es noch eine Software-Abteilung. Sie besteht aus zwei Software-Ingenieuren, die federführend die Fachapplikation für die Leiterplattenfertigung pflegen und weiterentwickeln. Die Digitalisierung ist aktuell ein grosses Thema. Wir streben eine papierlose Fertigung an, um die Dokumentation und die Prozesse zu vereinfachen. Implantate erfordern eine lückenlose Dokumentation aller Fertigungsschritte, um die Rückverfolgbarkeit zu gewährleisten. Diese Dokumentation geschieht heute noch auf dem Papier. Dabei kommen schnell mal 500 Seiten Papier zusammen. Anstatt diese Daten auszudrucken, wollen wir eine digitalisierte Durchgängigkeit erreichen.
CW: Soll die Dokumentation künftig zum Beispiel auf einem Tablet geschehen?
Weber: Ja, genau. Heute stehen in der Fabrikation hauptsächlich PCs mit Tastaturen. Hier holen sich die Ingenieure die Informationen zu den aktuell produzierten Leiterplatten ab. In Zukunft sollen die Produktionspläne der Leiterplatte auf einem Tablet durch den gesamten Fertigungsprozess folgen. Anschliessend kann diese Dokumentation dem Kunden dann elektronisch bereitgestellt werden.
CW: Ist die Cloud eine Option für GS Swiss PCB?
Weber: Durchaus. Heute sind alle unsere Systeme und Daten noch in einem eigenen Server-Raum gelagert. Der ist natürlich speziell abgesichert, gegen Brand und Einbruch beispielsweise. Während wir die Daten noch zusätzlich extern gesichert haben, laufen die Fachapplikationen ausschliesslich lokal. Das ist natürlich ein grosses Risiko. Wenn wirklich eine Katastrophe passiert, steht schlimmstenfalls die Produktion. Hierfür erwägen wir die Auslagerung in die Microsoft-Cloud. Auch deshalb prüft zurzeit eine spezialisierte Firma die ganze IT-Infrastruktur von GS.
CW: Welchen Grund hat das Assessment?
Weber: Es ist eine Vorsichtsmassnahme. Im Frühjahr gab es einen grossen Angriff via RDP (Remote Desktop Protocol). Der Hacker konnte in acht Stunden eine Menge Daten verschlüsseln. Da wir das externe Backup besitzen, hielt sich der Schaden in engen Grenzen. Die Systeme wurden neu aufgesetzt und die Sicherungskopie eingespielt. Das hat einen halben Tag gedauert.
CW: Gibt es Einschränkungen bei der Auslagerung von Produktionsdaten in die Cloud?
Weber: Durchaus nicht. Die Kollegen raten sogar dazu, wenn sie die Cloud als den sichersten Speicherort überhaupt bezeichnen. Und hier muss und wird ein Entscheid demnächst fallen.
Ein Tag im Leben von Peter Weber
CW: Wie sieht ein typischer Arbeitstag von Herrn Weber aus?Weber: Einen typischen Arbeitstag gibt es nicht. [lacht] Aber ein wenig Struktur ist natürlich schon vorhanden. Denn ich habe verschiedene Hüte auf: Als Leiter Technologie fallen die Bereiche Prozess- und Produkt-Engineering, Einkauf und IT in meine Zuständigkeit. Mein Arbeitstag beginnt zwischen halb sieben und acht. Spätestens um Viertel nach acht bin ich aber immer im Betrieb, denn dann ist die tägliche Produktionssitzung. Dort kommen alle Abteilungsleiter sowie das Führungsteam zusammen und besprechen das Tagesgeschäft. Unter der Führung des Produktionsleiters wird innerhalb von zehn Minuten geklärt, ob allfällige Engpässe beseitigt, ob Prozesse neu aufgesetzt oder Störungen behoben werden müssen. Anschliessend bin ich viel in Sitzungen. Oftmals geht es um laufende Projekte oder um das Engineering von Prozessen. Manchmal sind das fünf oder sechs Sitzungen pro Tag. Ich bevorzuge allerdings kurze Sitzungen. Denn ich treffe gern Entscheidungen. Ich habe in meiner Karriere gelernt, dass es nicht nützlich ist, einen Entscheid auf die lange Bank zu schieben, sondern beizeiten zu einem Ergebnis zu kommen. Dann gibt es zwar auch Fehlentscheidungen, aber es lohnt sich meistens trotzdem, schnell zu sein. Nach den Sitzungen arbeite ich in meinem Büro. Dort ist die Tür aber immer offen. Denn mein Lebenselixier sind der Mensch und das Team. Ich brauche den Austausch mit den Kollegen, will mit ihnen zusammen die Projekte vorantreiben oder neue Lösungen entwerfen. Das kommt gut an: Während einer Stunde im Büro schauen öfters mal vier bis fünf Leute vorbei.