Christine Antlanger-Winter 13.01.2026, 07:00 Uhr

«Die Schweiz bietet Raum für Innovation»

Noch vor zwanzig Jahren gab es eine knappe Handvoll «Googler» in der Schweiz. Heute sind es 5000. Länderchefin ist Christine Antlanger-Winter.
Christine Antlanger-Winter: «Zurücklehnen und sich auf vergangenen Innovationen auszuruhen, wäre sicher keine gute Idee.»
(Quelle: Yves Bachmann)
Die Schweiz ist für Google mehr als ein Entwicklungsstandort. Google baut Zürich zum globalen KI-Hub aus. Am Limmatstandort entstehen Bausteine von Gemini, YouTube und Maps – in enger Kooperation mit ETH und EPFL.
Computerworld: Die Schweiz ist für Google einer der wichtigsten Entwicklungsstandorte weltweit. Wie hat sich die Bedeutung des Standorts in den letzten Jahren verändert?
Christine Antlanger-Winter: Nach über 20 Jahren in Zürich sind wir in der Limmatstadt stark verankert. Die Bedeutung unseres Zürcher Standorts hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten kontinuierlich gesteigert. Zürich ist heute für uns ein wichtiger Hub für die Erforschung und Entwicklung von KI-Technologien, einschliesslich grosser Sprachmodelle und KI-Anwendungen wie Gemini. 
Mit der noch stärkeren Fokussierung auf Künstliche Intelligenz umfasst unser Standort zahlreiche Teams, die an unseren KI-gestützten Produkten und Plattformen wie Gemini mitarbeiten – unter anderem bei unserer KI-Forschungseinheit Google DeepMind, aber auch in vielen weiteren Produktbereichen treiben wir Innovationen in zentralen Produkten wie der Google Suche, YouTube, Google Maps, Google Cloud und weiteren voran. Dies ist wesentlich den herausragenden Talenten aus dem In- und Ausland, sowie unserem engen Partnernetzwerk in Wirtschaft, Forschung und Gesellschaft zu verdanken. Der Standort ist somit heute mehr als ein F&E Hub innerhalb von Google, er hat sich zu einer Art strategischen Knotenpunkt entwickelt, der praktisch alle Kernbereiche des Unternehmens abdeckt und die Zukunftstechnologien des Konzerns massgeblich mitgestaltet.
Und so sind wir selbstverständlich auch stolz darauf, dass wir über die letzten Jahre zusammen mit unseren Partnern zum KI-Standort Schweiz aktiv beitragen konnten. Gerade die Region Zürich hat sich mittlerweile zum globalen Zentrum für technologische Spitzenleistungen und KI-Technologien entwickelt, das lokale Ökosystem bietet der Schweiz grosses Potenzial auch zukünftig eine globale Spitzenposition zu belegen. Ich sehe aber auch, dass die KI-Adoption in Unternehmen hierzulande weiter stark gefördert werden sollte, sodass die Wertschöpfung neuer Technologien voll ausgeschöpft werden kann. Eine Studie von Implement Consulting von 2024 hat aufgezeigt, dass der Einsatz von generativer KI das jährliche Bruttoinlandsprodukt der Schweiz innerhalb der nächsten zehn Jahre um 80 bis 85 Milliarden Franken steigern kann. Zurücklehnen und sich auf vergangenen Innovationen auszuruhen, wäre sicher keine gute Idee, sodass die Führungsrolle im Bereich der Künstlichen Intelligenz längerfristig beibehalten werden kann.
CW: Welche gemeinsamen Projekte mit ETH und EPFL prägen derzeit die Innovationsagenda von Google?
Antlanger-Winter: Wir pflegen einen engen und positiven Austausch mit zahlreichen Hochschulen in der Schweiz. Sowohl mit den zwei führenden technischen Hochschulen, wie auch mit weiteren. Und die Innovationsagenda von Google in der Schweiz auch mit den beiden renommierten Hochschulen ETH Zürich und EPF in Lausanne verknüpft. Alle Parteien profitieren vom Austausch gerade in Forschungsprojekten. Gerade hier in der Schweiz, wo die Wege kurz sind und man sich im Allgemeinen rasch kennt, hat sich die Zusammenarbeit unter Forschungs-Partnern in Akademia und in Unternehmen bewährt, so konnte der F&E-Standort und das Tech-Ökosystem als Ganzes vorangebracht. Das ist ein Asset, welches nicht viele andere Standorte so bieten können. Auch die internationale Vernetzung und das Renommee der beiden Weltklasse-Universitäten spielt eine wichtige Rolle. Gerade mit den beiden führenden Hochschulen der Schweiz ist der Austausch sehr bereichernd. Beispielsweise ist die Partnerschaft mit dem ETH AI Center sehr positiv. Das AI Center bringt die besten Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen, so kann an grossen Herausforderungen wie Klimawandel, Weltgesundheit und demografischem Wandel zusammengearbeitet werden. Wir als Google beteiligen uns mitunter an der Finanzierung von Stipendien für Post-Docs und Studierende, welche von Professorinnen und Professoren unterschiedlicher Fachrichtungen sowie von Fachleuten bei uns im Unternehmen betreut werden, so wird ein umfassender Ansatz gewährleistet. Die Zusammenarbeit ist sehr positiv und wird auch im 2026 weitergeführt.
Als aktuelles Beispiel der Zusammenarbeit mit der ETH kann ich den Bereich Augmented Reality nennen. Im vergangenen Mai durfte ich bei der Eröffnung einer neuen Zusammenarbeit an der ETH in der Augmented Reality-Forschung mitwirken. Das «ETH Augmented Reality Research Lab» (ETHAR) ist eine Forschungsinitiative der ETH Zürich mit dem einzigartigen Fokus auf Weiterentwicklung des AR-Feldes, mit dedizierter Förderung der interdisziplinären Forschung in den Bereichen Computergrafik, Computer Vision, Mensch-Computer-Interaktion. Das ETHAR konnte als unabhängiges Lab dank der finanziellen Unterstützung von Google ins Leben gerufen werden, und es können so jährlich 10-15 Projekte im Hub realisiert werden, bei denen eng mit den Forschenden der ETH Zürich zusammengearbeitet wird. Ich bin schon sehr gespannt, was für spannende Innovationen demnächst aus dem ETHAR hervorgehen werden.
CW: KI ist derzeit die treibende Kraft in Gesellschaft und Wirtschaft. Wie positioniert sich Google Schweiz in der Entwicklung und Anwendung von KI-Technologien?
Antlanger-Winter: Unser lokales Motto bei Google Schweiz lautet «Gemeinsam erfinden» – Innovationen werden gemeinsam über viele Google Teams hinweg vorangetrieben, aber eben auch zusammen mit externen Partnern, wie etwa in Forschungskooperationen mit der ETH oder EPFL. Wir sehen uns somit in einer gewissen Doppelrolle: Als globaler Google Research- und Engineering Hub, aber auch als lokaler Enabler.
Mit rund 5000 Google Mitarbeitenden und als globaler Forschungs- und Entwicklungs-Hub sind wir im Gesamtunternehmen ein bedeutender Faktor – der Zürcher Standort trägt massgeblich zu Googles Innovationen weltweit bei – wesentliche Komponenten unserer modernsten KI-Modelle – einschliesslich Gemini – und der zugrundeliegenden Infrastruktur werden hier an der Europaallee und im Hürlimann-Areal mitentwickelt. Wenn Nutzerinnen oder Nutzer weltweit Google Gemini oder die Google Suche nutzen oder intelligente KI-gestützte Funktionen in YouTube und Google Maps anwenden, dann steckt da auch häufig ein Stück «Zürich-based Engineering» drin.
“Unser lokales Motto bei Google Schweiz lautet «Gemeinsam erfinden».„
Christine Antlanger-Winter
Andererseits sehen wir uns auch stückweit als lokaler Enabler, also als Möglichmacher in der Anwendung in der Schweizer Wirtschaft. Wir sehen, dass Schweizer Unternehmen – vom KMU bis zum Grosskonzern – sehr pragmatisch und qualitätsbewusst an das Thema KI herangehen. Wir sehen es als unsere Aufgabe an, ihnen mit unseren KI-gestützten Produkten und Plattformen sichere, skalierbare und datenschutzkonforme Business-Lösungen zu bieten.
Wir verfolgen dabei stets den Ansatz, KI-Innovationen mutig, aber verantwortungsvoll voranzutreiben. Gerade in der Schweiz, wo Qualität und Vertrauen hohe Währungen sind, ist dieser verantwortungsvolle Ansatz in der KI-Entwicklung eines unserer wichtigsten Differenzierungsmerkmale.
CW: An welchen KI-Modellen, Produkten oder Forschungsthemen arbeiten Schweizer Teams konkret mit?
Antlanger-Winter: Wie bereits erwähnt sind wir in Zürich tief in den «Maschinenraum» der globalen Google-Produkte integriert. Es ist nicht so, dass wir hier nur Nischenanwendungen bauen – wir ar­beiten am Core, also an den Kernprodukten von Google, die von Nutzerinnen und Nutzer weltweit geschätzt werden. Ich nenne gerne ein paar dieser Kernprodukte.
Ganz oben auf der Liste steht natürlich Gemini. Zürich ist historisch die Heimat des Google Assistant. Die gewaltige Expertise im Bereich von Natural Language Processing und Spracherkennung fliesst seit einiger Zeit nun direkt in die Entwicklung und das Feintuning unserer Gemini-Modelle mit ein. Konkret arbeiten unsere Teams hier an der Multimodalität – also daran, wie das Modell nicht nur Text, sondern auch Audio, Video und Bilder im Kontext versteht und verarbeitet.
Ein zweites massives Standbein ist YouTube, es ist der zweitgrösste Entwicklungs-Hub von YouTube nach dem Hauptsitz in San Bruno. Ein grosser Teil der sogenannten «YouTube Creator Economy»-Tools wird bei uns in Zürich mitentwickelt. Das umfasst komplexe Algorithmen für das Content ID-System (Urheberrechtsschutz-Gewährleistung, Anm. Redaktion) sowie Instrumente, die Creatorn helfen, ihre Reichweite zu analysieren und zu monetarisieren. Hier kommt auch sehr viel Maschinelles Lernen zum Einsatz, um Videoinhalte in Echtzeit verstehen zu können.
Weiterhin sind Geo-Dienste wie Google Maps, Google Flights oder Standort-Informationen in Zürich mit beheimatet. Wenn eine Nutzerin heute eine nachhaltige Routenplanung oder Informationen zum öffentlichen Verkehr abrufen will, so basieren diese Funktionen oft auf der Mitarbeit unserer Zürcher Engineering Mitarbeitenden. Beispielsweise wird an prädiktiven Modellen gearbeitet, welche KI-gestützt Verkehrsflüsse vorhersagen können.
Und nicht zu vergessen: Wir haben in Zürich einen globalen Fokus auf Datenschutz und Datensicherheit. Hier entwickeln Teams Technologien mit, die sicherstellen, dass KI-Modelle trainiert werden können, ohne die Privatsphäre der Nutzer zu gefährden. Man kann sagen – Deep Tech im besten Sinne.
CW: Wie reagiert Google Schweiz auf steigende Anforderungen beim Thema Cybersecurity?
«Wir setzen stark auf Kooperationen mit Wissenschaft und  Forschung.»
Quelle: Yves Bachmann
Antlanger-Winter:
Wie bereits erwähnt – im Bereich der Cyber Security und des Datenschutzes hat sich unser Zürcher Standort als Google-interner Hub für die Themen rund um Online-Sicherheit etabliert. Hier bei uns in Zürich werden Tools mitentwickelt, welche Nutzerinnen und Nutzern helfen, ihre Privatsphäre zu schützen. Und mehrere Teams arbeiten tagtäglich daran, unsere Google Produkte für Nutzerinnen und Nutzer weltweit noch sicherer zu machen. Es gibt sogar ein Team, welches proaktiv versucht und simuliert «Google zu hacken» – Dieses «Red Team» unter der Leitung meines Kollegen Daniel Fabian ist hier in Zürich ansässig. Es simuliert also reale Hackerangriffe auf Google-eigene Systeme, um Schwachstellen zu finden, bevor die Produkte extern verfügbar werden oder irgendein Schaden entsteht.
CW: Wie reagiert Google auf steigende Anforderungen in der Schweiz an Datenschutz, Compliance und lokale Datenverarbeitung?
Antlanger-Winter: Grundsätzlich ist Datenschutz ist für uns kein Hindernis, sondern ein Qualitätsmerkmal, an dessen Weiterentwicklung unsere Zürcher Ingenieure im Bereich Privacy-Engineering massgeblich mit beteiligt sind, wie gerade erwähnt.
Einer unserer Leitgrundsätze, der auch als Antwort auf die Frage verstanden werden kann ist Privacy by Design – und zwar co-developed in Zurich. Google Schweiz ist ein globaler Hub für Datenschutz-Entwicklung. Hier bei uns arbeiten viele Engineers daran, dass nicht nur Gesetze eingehalten werden, sondern auch dass Technologien entwickelt werden, die den Datenschutz im Internet grundsätzlich verbessern – etwa durch Fortschritte im Bereich der anonymisierten Datenverarbeitung. Diese Datenschutz-Technologien stehen unseren Nutzerinnen und Nutzern weltweit zur Verfügung.
Zudem setzen wir auf maximale Transparenz und Kontrolle für unsere Nutzerinnen und Nutzer. Ganz gleich ob Privatperson oder Unternehmen: Die Grundregel lautet, dass Daten der Nutzerin gehören, nicht Google. Wir haben unsere Tools massiv ausgebaut, damit jeder User granular entscheiden kann, welche Daten gespeichert werden und welche nicht. Gerade auch mit der Einführung des neuen Datenschutzgesetzes 2023 haben wir unsere Prozesse hierzulande nochmals überprüft und angepasst.
Und schliesslich wenden wir diese Prinzipien strikt auf unsere KI-Entwicklung an. Wir wissen, dass KI-Fragen zur Datennutzung aufwirft. Deshalb greifen hier unsere KI-Prinzipien, ethische Grundsätze, was die Forschung und den Einsatz von Technologien wie KI angeht. Dazu arbeiten wir eng mit Expert:innen aus Behörden, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und der Wirtschaft zusammen, um ambitionierte KI-Projekte verantwortungsvoll umzusetzen. Im ständigen Austausch wollen wir sicherstellen, dass unsere Anwendungen mit künstlicher Intelligenz von gesellschaftlichem Nutzen sind. Dabei sind wir uns der Risiken von KI bewusst und gehen dementsprechend vorsichtig mit diesen Technologien um, so sie auf verantwortungsvolle Weise angewandt und weiterentwickelt werden.
CW: Welche Initiativen verfolgt Google in der Schweiz, um digitale Kompetenzen zu fördern – etwa im Bereich KI-Schulungen, Cybersecurity-Trainings oder Start-up-Support?
Antlanger-Winter: Ich bin der Meinung, dass technologischer Fortschritt und Schlüsseltechnologien wie die KI, der ganzen Gesellschaft zugutekommen sollen. Ich sehe hier vor allem drei Säulen in unserem externen Engagement: Upskilling, Innovationsförderung und verantwortungsvolle Führung.
Erstens setzen wir auf die Demokratisierung von digitalen Fähigkeiten, also auf Upskilling. Mit unseren «Google Career Certificates» bieten wir flexible Online-Weiterbildungen in gefragten Feldern wie Data Analytics, Cybersecurity oder UX-Design an. Das richtet sich bewusst auch an Menschen ohne akademischen Hintergrund. Ergänzend haben wir die «AI Essentials» lanciert, um Arbeitnehmenden ganz praktisch zu zeigen, wie KI ihren Arbeitsalltag produktiver machen kann. Wir wollen damit helfen, die Lücke beim Fachkräftemangel zu schliessen. Hier arbeiten wir beispielsweise mit dem Amt für Wirtschaft und Arbeit, also den RAVs im Kanton Zürich zusammen oder auch mit der Zürcher Handelskammer, deren Angebot sich spezifisch an KMU richtet.
Zweitens ist uns der Support des Schweizer Startup-Ökosystems ein grosses Anliegen – und das geht weit über Technologie hinaus. Über unsere «Google for Startups»-Initiativen vernetzen wir Schweizer Gründerinnen und Gründer mit unserem globalen Experten-Netzwerk. Der Standort Zürich hat dabei einen riesigen Vorteil: Wir können Startups direkt mit unseren Ingenieuren zusammenbringen, die ihnen als Mentoren und Sparringspartner zur Seite stehen. Ein besonderer Fokus liegt für mich zudem auf der Förderung von Gründerinnen (Female Founders), um die Diversität in der Schweizer Tech-Szene aktiv voranzutreiben.
“Ich bin der Meinung, dass technologischer Fortschritt und Schlüsseltechnologien wie die KI der ganzen Gesellschaft zugutekommen sollen.„
Christine Antlanger-Winter
Drittens fördern wir den strategischen Dialog über «Responsible AI». Einige unserer Teams führen regelmässig Workshops und Roundtables mit Wirtschaftsführern, Verbänden und Gruppen der Zivilgesellschaft durch. Dabei geht es nicht ums Programmieren, sondern um Haltung und Strategie: Wie implementieren wir KI ethisch korrekt? Wie vermeiden wir Bias? Wir wollen Schweizer Entscheidungsträger befähigen, diese mächtige Technologie nicht nur zu nutzen, sondern sie verantwortungsvoll zu steuern. Ein konkretes Beispiel: Wir fördern den Austausch zwischen Forschung und Praxis. Wir bringen unsere KI-Forschenden regelmässig mit Expertinnen und Experten für Ethik und Zivilgesellschaft der ETH Zürich an einen Tisch. Dabei diskutieren wir über konkrete Anliegen wie Erklärbarkeit bei komplexen Modellen gewährleistet werden können. Solche Erkenntnisse fliessen wiederum in den Standort Schweiz ein.
CW: Wie schwierig ist es für Google Schweiz, qualifizierte Talente in Bereichen wie KI, Software Engineering oder Security zu rekrutieren?
«Wir verlassen uns also nicht nur auf Hochschulabgänger, sondern sind stolz darauf, selbst Lernende auszubilden.»
Quelle: Yves Bachmann
Antlanger-Winter:
Sicherlich gibt es einen gewissen Wettbewerb um Talente, das spüren auch wir. Bei Google begegnen wir dieser Herausforderung jedoch mit einem Mix aus globaler Anziehungskraft und – was mir besonders wichtig ist – lokaler Nachwuchsförderung.
Auf der einen Seite profitieren wir von unserem attraktiven Google Standort in Zürich. Die Möglichkeit, an globalen Google-Produkten wie Gemini oder YouTube zu arbeiten, ohne dafür ins Silicon Valley umziehen zu müssen. Das ist für internationale Top-Talente ein enormer Anreiz. Es kommt so also auch viel Know-how in die Schweiz, was am Ende dem ganzen Ökosystem zugutekommt im Sinne eines «Brain Gains». Als Beleg dafür zudem auch folgende Zahl – es wurden durch ehemalige Google Mitarbeitende in der Schweiz bereits mehr als 115 Unternehmen gegründet und 1700 Stellen geschaffen.
Andererseits investieren wir seit 2017 selber in lokale Talente, in den Nachwuchs. Wir verlassen uns also nicht nur auf Hochschulabgänger, sondern sind stolz darauf, selbst Lernende auszubilden – aktuell sind bei uns in Zürich 65 Lernende: 45 in der Applikationsentwicklung, 16 mit Lehrabschluss Interactive Media Design und seit diesem Jahr haben wir auch vier Lernende in der Lehre Digital Business EFZ.
Wir erleben immer wieder, wie wertvoll dieser praxisnahe Zugang ist. Unsere Lernenden sind ab Tag eins Teil der Teams und arbeiten an realen Projekten mit. Das duale Bildungssystem ist ein Schweizer Erfolgsmodell, und es ist uns wichtig, diesen Pfad als festen Bestandteil unserer Talent-Strategie zu nutzen, um die nächste Generation von Software-Engineers direkt hier in Zürich grosszuziehen.
Die Rekrutierung ist also kein Selbstläufer, vor allem da wir oft sehr hybride Profile suchen – etwa Leute, die KI verstehen, aber auch Sicherheitsexpertise mitbringen. Aber durch die Kombination aus internationalem Recruiting und der eigenen Ausbildung sind wir sehr gut aufgestellt.
CW: Welche Rahmenbedingungen braucht die Schweiz, um weiterhin ein attraktiver Digital- und Innovationsstandort zu bleiben?
Antlanger-Winter: Für uns passen die Rahmenbedingungen am Standort Zürich – und das wird hoffentlich auch in den kommenden Jahren so bleiben. Grundsätzlich sollten wir alle in der Schweiz – als Wirtschaft und Gesellschaft – die Chance der Innovation für Wirtschaft und Gesellschaft ernst nehmen, aber natürlich verantwortungsvoll damit umgehen. Der Vorschlag des Bundesrats punkto KI geht in diese Richtung. Für die Schweiz geht es insbesondere darum, die vorhandenen Vorteile für den Innovationsstandort zu sichern. Denn wie bereits erwähnt – die Schweiz startet auf einem hohen Niveau mit einem weltweit exzellenten Ruf. Auf der anderen Seite gilt es, sogenannte Swiss Finishes zu vermeiden – also Regelungen, die nur für die Schweiz gelten. Das wäre kontraproduktiv.
CW: Welche strategischen Prioritäten setzen Sie für Google Schweiz in den kommenden ein bis zwei Jahren?
Antlanger-Winter: Google ist seit rund einem Jahrzehnt eine «AI-first»-Company – und wird diesen Fokus in den kommenden Jahren sicher auch bei­behalten. Unser CEO Sundar Pichai hatte bereits 2016 verkündet, dass wir in der Google Produkte-Entwicklung zukünftig sehr stark auf Künstliche Intelligenz setzen werden. Und diese Technologien sind somit in sehr viele unserer Plattformen und Produkte mit eingeflossen – einschliesslich der Suchmaschine. «AI-first» bedeutet für uns, dass Google KI als Kerntechnologie betrachtet, um die ­eigenen Produkte und Dienstleistungen ständig zu verbessern. Es scheint mir aber wichtig zu erwähnen, dass KI nicht gleich KI ist – denn worauf Sie wohl anspielen ist die sogenannte Generative KI, welche viele Konsument:innen erst seit rund 2-3 Jahren von Chatbots kennen gelernt haben. In vielen Google Produkten – ob in der Google Suche, YouTube aber gerade auch in Diensten wie Google Translate stecken schon seit vielen Jahren Machine Learning Algorithmen, also Künstliche Intelligenz. So gesehen hat nun die Disziplin der GenAI diese Evolution der KI in den vergangenen Jahren besonders sichtbar gemacht – der Prozess also solches ist aber schon lange im Gange.
Zur Person
Christine Antlanger-Winter
Die gebürtige Österreicherin ist Länderchefin von Google Switzerland und Regional Director Switzerland and Austria. 2018 wechselte die Diplom-Ingenieurin für Software-Engineering im Bereich Medientechnik und -design zu Google. Ihre Stärken sind die Führung von Teams, das Management komplexer Projekte und die Förderung von Innovation.



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