«Wir profitieren von der Globalisierung»

» Von Interview: Barbara Mooser, Fotos: Markus Senn, 24.04.2017 07:00.

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CW: Sie haben für die SGS eine Cloud-First-Strategie angekündigt. Heisst das, mit allem, was geht, ab in die Cloud?

Heidler: So brachial würde ich das nicht ausdrücken. Wir glauben einfach nicht, dass wir IT zwingend selbst betreiben müssen, gerade da nicht, wo sie Commodity ist. Jeder, der wie ich seit 20 Jahren diesen Job macht, hat Data Center konsolidiert – erst auf Landesebene, dann kontinental. Man geht beim OSI-Layer einfach eine Ebene höher und macht noch weniger Dinge selber. Wir prüfen tatsächlich bei jedem Investment im IT-Umfeld, ob es sich über die Cloud realisieren lässt. Weil wir glauben, dass es ultimativ ohnehin dort enden wird. Aber nicht alles lässt sich realisieren.

CW: Spielt es eine Rolle, wo Ihre Daten physisch liegen?

Heidler: Ja, wir müssen rechtliche Vorgaben beachten, auch neue Regularien wie die GDPR-Compliance, die im Mai nächsten Jahres greift. Wir haben auch Kundenverträge, die explizit vorschreiben, dass die Daten das Land nicht verlassen dürfen, Verschlüsselungsmethoden vorschreiben oder auch das Löschen von Daten verlangen. Da müssen wir relativ viele Auflagen berücksichtigen.

CW: Das heisst, Sie brauchen einen Cloud-Anbieter, der in diesen Ländern Server stehen hat?

Heidler: Wir werden einen Mix aus Cloud und on premise fahren. Das heisst, wir werden auch weiterhin eigene Rechenzentren betreiben müssen – voraussichtlich auch in der Schweiz.

CW: Die SGS macht viele Geschäfte in Regio­nen wie Afrika oder Asien, die infrastruk- turtechnisch weniger gut erschlossen sind. Wie gehen Sie damit um, wenn die Cloud nicht verfügbar ist?

Heidler: Es ist tatsächlich schwieriger, die Cloud in solchen Ländern zur Verfügung zu stellen. Das ist aber nur die technische Seite des Problems, es gibt auch noch eine ökonomische. Was es uns, die wir in vielen Niedriglohnländern unterwegs sind, schwer macht, ist das einheitliche Kostenmodell. Die Cloud-Lizenz kostet immer gleich viel, ob ich sie in der Schweiz oder in Vietnam erwerbe. Nur in Vietnam ist man es gewohnt, einen günstigen Server zu kaufen und acht bis neun Jahre zu betreiben, um die IT-Kosten gering zu halten. Wenn ich dann eine Cloud- Lösung vorschlage, die unsere vietnamesische IT zum gleichen Preis wie die Schweizer Kollegen beziehen müssen, wird es schwierig. Die technischen Herausforderungen werden glücklicherweise durch Mobility relativiert, denn viele der Länder, die eine schlechte klassische Infrastruktur haben, verfügen über extrem starke Mobilfunknetze. Wir weichen da mittlerweile auf den Mobilfunkbereich aus und versorgen die Mitarbeiter mit Tablets oder Mobile Devices. Wofür wir aber noch keinen Hebel gefunden haben, ist das Kostenproblem. Die grossen Hersteller bieten dafür oftmals keine Lösung an.

CW: Das heisst, Sie können Ihrem lokalen Niederlassungsleiter nicht erklären, warum er so viel Geld zum Beispiel für eine Oracle-Lizenz bezahlen soll?

Heidler: Richtig, weil er für die gleichen Kosten ein komplettes Mitarbeitergehalt vor Ort bezahlen könnte.

CW: Wie lösen Sie das Problem, geben Sie finanzielle Unterstützung?

Heidler: Nein, das würde ja eine Gewinnverschiebung bedeuten. Wir versuchen, den Hersteller dazu zu bewegen, für Niedriglohn- oder Entwicklungsländer eine günstigere Lizenz oder einen günstigeren Service beziehen zu können. Einmal ist mir das auch schon gelungen – bei Oracle, aber nur in einem einzelnen Bereich.

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