Peter Fischer: «Durchgängige Standardisierung ist nicht möglich»

Die neue IKT-Strategie des Bundes ist in Kraft getreten. Wir haben uns deshalb mit dem Delegierten für die Informatiksteuerung des Bundes, Peter Fischer, über Standardisierungen, abgebrochene Projekte und Arbeitskulturen unterhalten.

» Von Fabian Vogt , 11.07.2016 15:22.

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Computerworld: Wofür ist das Informatiksteuerungsorgan des Bundes verantwortlich?

Peter Fischer: Das ISB hat zwei Hauptaufgaben betreffend die Bundesverwaltung: Einerseits sind wir für die Rahmenvorgaben in der IKT verantwortlich. Beispielsweise in den Bereichen Sicherheit, Standardisierung, Architektur oder strategische Informatikplanungsprozesse. Das zweite Aufgabengebiet ist die direkte Führungsfunktion für IKT-Dienste, die bundesweit genutzt werden, sogenannte IKT-Standarddienste.

Das ISB hat ca. 70 Mitarbeitende, dazu zählen auch diejenigen der Melde- und Analysestelle Informationssicherung Melani und von E-Government Schweiz. Unser Budget beträgt 66 Millionen Franken, wovon der grösste Teil für Investitionen in die Standarddienste ausgegeben wird. Im Bereich Strategien/Vorgaben sind wir sehr schlank aufgestellt, das ist aber auch richtig so. Wir sind nicht Produzent von IKT-Dienstleistungen.

CW: Bevor wir in die Details gehen: Können Sie uns einen kurzen Überblick über die Informatik im Bund geben?

Fischer: In der Bundesverwaltung wird jährlich etwa eine Milliarde Franken für die Informatik ausgegeben, wobei die Budgets dezentral von den Departementen und Ämtern verwaltet werden. Damit werden 35 000 Arbeitsplätze an über 1000 Standorten in der Schweiz und an ca. 170 Standorten weltweit versorgt. Dazu gehören auch fünf Leistungserbringer und 80 Ämter, die alle in ihrem eigenen Fachbereich unterwegs sind.

CW: Klingt ziemlich verschachtelt.

Fischer: Wir sprechen hier, von bis zu 6000 unterschiedlichen Fachapplikationen, die im Einsatz sind. Die IKT für das Frequenzmanagement beim BAKOM ist beispielsweise eine ganz andere als für die Subventionsvergabe im Bundesamt für Landwirtschaft oder für die nationale Alarmzentrale.

CW: Und Ihr Ziel ist, in dieser Landschaft so viel wie möglich zu standardisieren.

Fischer: Ja, wo immer es möglich und sinnvoll ist. Derzeit machen Standarddienste 22 bis 23 Prozent des IKT-Budgets aus, Tendenz steigend. Allerdings bin ich überzeugt, dass diese Zahl immer deutlich unter 50 Prozent liegen wird, die Fachvielfalt wird nie durchgehend standardisiert werden können.

CW: Wissen Sie denn, welche Anwendungen wo im Einsatz sind?

Fischer: Immer besser. Mit dem «Cockpit IKT» haben wir seit Herbst 2014 ein bundesweites Controlling-Werkzeug zur Verfügung. Wir erheben damit flächendeckend Projekte und Anwendungen ab einer bestimmten Grösse. So kommen wir derzeit auf etwa 1000 in Betrieb stehende Anwendungen und rund 500 aktive Projekte. Daneben gibt es natürlich noch diverse kleinere Anwendungen, bei denen man oft erst bei der Migration zur nächsten Betriebssystemgeneration merkt, dass sie da sind.

Sie wollen standardisieren. Beim Projekt CMS Bund taten Sie kürzlich aber das Gegenteil: Da sollte noch dieses Jahr ein Standarddienst CMS eingeführt werden. Es gab mit dem BIT und dem VBS zwei valable Optionen. Nun entschied der Bundesrat, erst 2023 zu standardisieren, nicht alle  Beteiligten sind glücklich darüber.

Fischer: Gut, greifen Sie das Projekt auf. Es ist ein schönes Beispiel dafür, dass wir nur standardisieren wollen, wenn es wirtschaftlich Sinn macht.

CW: Aber nun werden mehrere CMS-Dienste parallel weiterlaufen, das kann sich doch nicht rechnen.

Fischer: Das dachten wir ursprünglich auch. Es hiess, in vier oder fünf Jahren würden sich mit einem Standarddienst die Kosten reduzieren lassen. Und wir hätten gerne auf eine einheitliche Plattform gewechselt. Aber als wir alle Zahlen vor uns hatten, realisierten wir, dass die Betriebskosten für einen dieser Dienste plus die Migrationskosten um einiges teurer gewesen wären als die Dienste vorderhand parallel zu führen und der ROI (Anm. der Red: Return of Investment) erst in 8 oder 9 Jahren hätte erreicht werden können. In diesem Zeitraum kann zu viel passieren, dieses Risiko wollten wir nicht eingehen. Deshalb konsolidieren wir nicht jetzt, sondern erst in fünf oder sechs Jahren, wenn der aktuelle Lebenszyklus sein Ende erreicht. In dieser Zeit können die Departemente die Plattformen vom BIT oder vom VBS benutzen.

CW: Das ursprüngliche Problem bei dem Fall war ja, dass BIT und VBS gleichzeitig zwei unterschiedliche Projekte starteten – und das beim gleichen Anbieter. Ist es ein Ziel der neuen IKT-Strategie, solche Doppelspurigkeiten zu vermeiden?

Fischer: VBS und BIT wussten vom Projekt des Anderen, sie haben auch miteinander gesprochen. Auch das beste Architekturmanagement hätte das also nicht verhindert. Klar ist aber auch: Früher herrschte eine andere Kultur und Aufmerksamkeit für solche Dinge. Mit dem Cockpit IKT haben wir zudem mehr Transparenz erhalten. Um aber die Anwendungen und Projekte auf Doppelspurigkeiten zu überprüfen, reicht das Tool nicht aus. Dafür muss die Architekturgovernance raufgefahren werden, das ist ein Teil der IKT Strategie 2016 bis 2019.

CW: Es gibt da in meinen Augen noch ein anderes Problem: Das ISB wusste von diesen zwei Projekten, konnte aber nichts dagegen tun. Weil die Weisungsbefugnisse fehlen.

Fischer: Als die beiden Projekte starteten, war das ISB tatsächlich nicht in der Lage, die Doppelspurigkeit zu verhindern. Heute ist das besser. Im Bereich der IKT-Standarddienste funktioniert das Governance-Modell. Schauen Sie sich Gever an: Das wird zentral bei einem Leistungserbringer angesiedelt, früher konnte jedes Departement seinen Lieferanten wählen. Entsprechend der übrigen Führungsorganisation haben wir auch in der IKT ein relativ dezentrales Führungsmodell. Wenn wir das beispielsweise für Projekte ändern wollten, dann müssten alle durch ein zentrales Architekturgateway gehen, wie es in der Privatwirtschaft oft der Fall ist. Diese Unternehmen sind dann aber pyramidal organisiert, mit einem Chef an der Spitze. Die Bundesverwaltung als Ganzes funktioniert nicht so.

CW: Das ist die jetzige Kultur, in der jeder Amtschef ein kleiner König ist. Kulturen kann man ändern…

Fischer: …das stimmt einerseits, es gibt sicher Potenzial und mit verbessertem Architekturmanagement wollen wir dieses nutzen. Aber eine IKT-Organisation völlig anders aufzustellen als die restliche Führungsorganisation, die dezentral ist, halte ich für wenig erfolgsversprechend.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: verbesserte Projektführung

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