Swiss ICT Award 2016: Viel Tradition, zu wenig Innovation

Der Swiss ICT Award 2016 bleibt eine der wichtigsten Veranstaltungen im Branchenkalender. Um aber stärker wahrgenommen zu werden, muss er mutiger werden. Ein Fazit, das auch für die Nominierten und Gewinner gilt.

» Von Fabian Vogt , 16.11.2016 13:58.

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Vor Jahren schrieben wir, der Swiss ICT Award * sei die prestigeträchtigste Auszeichnung der Branche. Noch immer wirbt der Veranstalter mit diesem Slogan. Noch immer stimmt die Aussage. Allerdings auch, weil die Konkurrenz fehlt. Der Swiss ICT Award 2016 war ein gut geplanter, souverän geführter Event, der weniger emotional war als auch schon, bei dem aber niemand mit dem Gefühl nach Hause gehen musste, zu wenig für sein Geld bekommen zu haben. Allerdings entstand dem Chronisten auch der Eindruck, dass sich der Event im Kreis dreht.

Impressionen des Swiss ICT Award 2016 gibt es in unserer Bildergalerie.

SwissICT schreibt von 800 Gästen, die im KKL Luzern der Verleihung beiwohnten. Die Zahl dürfte sich auf die Anmeldungen beziehen, in den hinteren Reihen des Saals blieben mehr Stühle frei als auch schon. Vielleicht wurden aber auch einfach mehr Stühle in die Halle gebracht. SwissICT-Präsident Thomas Flatt holte die Anwesenden zu Beginn mit einer politischen Rede ab, wie er es sich in den letzten Jahren zur Mode gemacht hat. Als Veranstalter ist das natürlich sein Recht, ob aber alle Teilnehmer seine sehr links-liberalen Parolen («Weniger Regulierung», «Kein Monopolschutz», «Pro-Grundeinkommen») hören wollten, sei dahingestellt.  Mit einer Aussage hatte Thomas Flatt ganz sicher Recht: «Man muss an moderne digitale Ökonomien glauben. Sie bringen bessere Prozesse und reissen althergebrachte Strukturen ein.» Aber genau dieser Satz ist einer der Kritikpunkte, den ich am Swiss ICT Award habe. Die Newcomer-Gewinner der letzten Jahre haben interessante Ideen, aber Game Changer sind sie nicht. Egal ob die Spieleentwickler Blindflug Studios, die 3D-Fotoautmaten von MegaFaces, oder die Knowledge-Management-Software von Starmind: Die Skalierbarkeit hält sich in Grenzen, die Firmen sind zufrieden, ein paar Millionen Franken verdienen zu können. Das ist nicht verwerflich, wenn aber andere Jungfirmen gleichzeitig Milliarden umsetzen, zeigt es auch, dass auch das nächste Facebook, das nächste Uber, aus den USA kommen wird.

Eine Ausnahme könnte der diesjährige Gewinner bilden. «Nanolive» bot nicht nur die technisch eindeutig spektakulärste Lösung, das Potenzial scheint ebenfalls immens. Das 2013 an der EPFL gegründete Start-up macht es erstmals möglich, die Aktivität im Inneren einer lebenden Zelle in 3D zu beobachten, ohne die Zelle zu beschädigen. Damit könnten bestehende Regeln in der Forschung sowie in der Medtech-, Biotech- und Kosmetik-Industrie komplett verändert werden. Ihren «3D Cell Explorer» verkaufen sie für rund 20‘000 Franken, die Lieferzeit beträgt derzeit einen bis drei Monate. Rund 100 Hardware-Verkäufe konnte Nanolive bereits verbuchen, mit diesem Geld lässt sich arbeiten. Noch wird die Software, das eigentliche Prunkstück, gratis abgegeben, damit soll aber vor allem das Interesse an der Technologie geweckt werden. In Bälde soll ein Cloud-Dienst lanciert werden, in den Kunden ihre Daten raufladen und analysieren lassen können. Über das Preis-Modell ist noch nichts bekannt, aber bei Nanolive gibt man sich ambitioniert: 2021 soll der Börsengang gewagt werden, dafür braucht man noch acht Millionen Franken.

Ambitionen, die kaum ein Sieger oder Nominierter der Hauptkategorie «Swiss ICT Award» hegen dürften – mit Ausnahme vielleicht von TrekkSoft. Gewonnen hat den Award, für den mit Six übrigens auch der Hauptsponsor nominiert war, MeteoSchweiz gemeinsam mit dem Swiss National Supercomputing Center. Ihre Zusammenarbeit ermöglicht bessere Wettervorhersagen dank besserer Berechnungsgrundlagen und dem Supercomputer «Piz Kesch». Die Jury war der Ansicht, dass MeteoSchweiz und das CSCS fachbereich-übergreifend eine neue Software- und Hardware-Generation entwickelt haben, welche die Industrie bisher noch nicht gesehen hat.

Die Jury besteht aus Fachleuten und sich nur schon für den Award zu qualifizieren, zeugt von guter Arbeit. Auch das Programm passt. Trotzdem fehlt irgendetwas. Was genau, ist nicht so einfach in Worte zu fassen, aber der Award ist etwas zu traditionsbewusst. Es gab gestern zwei Neuerungen: Lametta-Regen am Ende und die Möglichkeit, den Sieger des Publikum-Awards in Teilen mittels Saal-Voting zu küren. Das war eigentlich eine gute Idee, allerdings hatte sie einen grossen Haken: Sämtliche Finalisten kamen für den Award in Frage, sie stellten sich in einem Kurz-Video vor. Viele Unternehmen sind aber in der Romandie oder im Tessin beheimatet und mussten in Englisch präsentieren. Während die Deutschschweizer in ihrer Landessprache werben konnten, was natürlich viel einfacher zu verstehen war. Warum man nicht alle in der eigenen Sprache präsentieren liess und mit Untertiteln Sprachbarrieren überbrückte, bleibt ein Rätsel. Jedenfalls belegten die Firmen, die akustisch am Schwersten zu fassen waren, die hinteren Ränge der Abstimmung. Gewonnen hat den Publikumspreis die Solothurner Jungfirma «Neeo» mit einer Fernbedienung, die den Smart-Home-Markt aufmischen soll. Das Gerät ermöglicht die Bedienung der gesamten Haustechnik, egal ob Fernseher, Beleuchtung, Kühlschrank, Storen oder Heizung. Die Sieger sind sympathisch, stellten zahlenmässig auch klar die grösste Fraktion der Gewinner und sorgten entsprechend für Emotionen. Aber ob das Produkt tatsächlich derart innovativ ist? Die Pläne sind jedenfalls gross, ab 2017 will man mehrere 100 000 Einheiten pro Jahr produzieren und absetzen. Ob es gelingt, mit Branchengrössen wie Samsung zu konkurrieren bleibt abzuwarten, vielleicht wird man auch irgendwann von einer südkoreanischen oder amerikanischen Firma übernommen. Für die Zukunft der Awards entscheidender ist, dass Neuerungen gewagt, aber auch gut umgesetzt werden. Bereits als man vor zwei Jahren Roboter über die Bühne laufen liess, war dies eher ein Flop. Und wenn die wichtigste Award-Veranstaltung der innovativsten Schweizer Branche Probleme mit Innovationen hat, was sagt das dann über die Branche aus?

In der Versenkung verschwinden wird der Swiss ICT Award nicht. Dafür ist er zu bedeutend in der Branche geworden, die sich auch mal feiern lassen will. Viele Teilnehmer gestern freuten sich einfach, mal in gepflegtem Ambiente fachsimpeln, gut dinieren und entspannen zu können. Aber der Award ist eben auch die Sperrspitze der ICT-PR-Arbeit. Wie es die Oscars für die Filmindustrie sind. Und da muss mehr kommen. Dafür müssen die Awards unberechenbarer, mutiger werden. Die nominierten Firmen müssen grösser denken und es braucht mehr Leute wie den gestrigen Ehrenpreisträger Jürgen Schmidhuber, der gemeinsam mit seinem Kollegen Luca Mario Gambardella für ihre Forschung an künstlicher Intelligenz ausgezeichnet wurde und dafür plädierte, Europa aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken. Es könne nicht sein, so Schmidhuber, dass die Europäer in der Grundlagenforschung führend seien, die Amerikaner aber das Geld mit den Technologien machen. Er selber hat übrigens bahnbrechende Forschung im Bereich LSTM-Netze (Long short-term memory) betrieben. Die Technologie wird heute von Apple, Google, Microsoft oder IBM in verschiedenen Bereichen, besonders der Spracherkennung, eingesetzt und bringt ihnen eine Menge Geld. Trotz dieser leichten Ambivalenz braucht die Veranstaltung Leute wie Schmidhuber, die sich auch mal etwas getrauen. Wir berichten als Medienpartner regelmässig über den Award und tun das auch gerne und mit der Überzeugung, trotz der genannten Abstriche einen tollen Event vorgesetzt zu erhalten. Aber die publikumswirksamen Medien bleiben der Veranstaltung fern, was eigentlich in der Branche, die alle anderen Branchen revolutioniert, ein No-Go ist. Die Zutaten, um auf ein breiteres Medien-Interesse, das sämtlichen Exponenten nützen würde, zu stossen, wären allesamt vorhanden. Sie müssen nur noch richtig gekocht werden.

 

* Computerworld ist Medienpartner der Veranstaltung.

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