So klappt die Digitalisierung der Landwirtschaft

Vor rund hundert Jahren begann die Industrialisierung der Landwirtschaft – heute erleben wir den Beginn ihrer Digitalisierung. Damit die Big-Data-Welle den Bauer nicht vom Acker schwemmt, sondern ihn optimal unterstützt, gilt es, das Feld früh zu bestellen.

» Von Achim Walter*, ETH News, 12.04.2016 14:30.

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* Achim Walter ist Professor für Kulturpflanzenwissenschaften an der ETH Zürich

Digitalisierung fasziniert: So begeistert wir in den vergangenen Jahren in unsere Smartphones schauten, um die witzigsten Videos und süssesten Katzenfotos zu teilen, so gebannt werden wohl künftig auch die jungen Landwirte ihre Digitalbrillen oder sonstige Geräte konsultieren, um relevante Analysen und Entscheidungshilfen für ihre Arbeit zu erhalten. Die Daten dafür könnten autonom fliegende Multicopter sammeln, die den Zustand des Feldes auf der Basis empirischer Formeln einstufen und quasi individualisierte Pflegetipps für einzelne Pflanzen liefern – in Bio oder konventionell. Darf‘s hier ein bisschen mehr Mist und dort ein wenig vom neuesten Insektizid sein? Soll die Tomate noch etwas länger dursten, damit das ideale Aroma reift? Zeigt die Temperatur von Kuh Lotte an, dass die Besamung erst am Nachmittag erfolgen sollte? Und genügt es, das Kraftfutter kommende Woche zu kaufen, wenn die Märkte sich beruhigt haben?

Die Automatisierungswelle schwappt aufs Feld

Solche Fragen stellen sich die «Siris» der Landwirtschaft bereits heute – wenn auch erst in Versuchsanlagen. Tatsächlich staksen sechsbeinige Roboter namens Prospero über Testfelder in den USA und legen einzelne Maiskörner dort ab, wo sich die Pflanze später besonders günstig im Verbund entwickeln sollte. Und Bonirob fährt schon seit längerem autonom über deutsche Felder, vermisst Pflanzen, beprobt den Boden und jätet Unkräuter, wenn sie die Hauptkultur stören.

Man braucht kein Hellseher sein, um zu erkennen, dass sich auch die Landwirtschaft unaufhaltsam digitalisiert: Die Automatisierungswelle kommt – so sicher wie der Apfel sowohl im Paradies als auch bei Schneewittchen verzehrt werden musste. Zu verführerisch sind die Verheissungen der Technik, zu verlockend das Versprechen gesteigerter Effizienz.

Doch unsere Jahrtausende alte Erfahrung mit Äpfeln sollte uns vorsichtig stimmen. Nicht alles, wonach es uns zunächst gelüstet, bekommt uns am Ende gut. Gerade in der Landwirtschaft und der Ernährung sind Vielfalt und Abwechslung Trumpf – einfache, holzschnittartige Lösungsansätze zeigen meist recht bald erhebliche Schwächen. Nahrungsmittelproduktion ist enorm komplex: Millionen von Organismen beeinflussen in einem Liter Boden die Leistung der Kulturpflanze, die darauf wächst; Tausende von Inhaltsstoffen der Pflanze beeinflussen die Kuh, die sie frisst. Wir können das alles noch nicht in eine korrekte Formel packen. Aber ist das ein Grund dafür, keine Formeln aufzustellen?

Ich finde, nein. Die Frage ist vielmehr: Welche Formelwerke etablieren wir als nächstes? Soll die Digitalisierung kurzfristig die Kosten senken oder langfristig helfen, Umweltressourcen zu erhalten? Welchen Apfel soll sie uns schmackhaft machen? Im internationalen Vergleich ist unsere Landwirtschaft sehr nachhaltig; egal, ob ein Bio-Label draufsteht oder nicht. Und unsere Landwirte und Landwirtinnen sind hervorragend ausgebildet. Darum denke ich, wir sollten uns einmischen und heute entscheiden, welche Fragen die Technik von morgen adressieren und beantworten soll.

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