Smart City: Vision und Realität

Die komplett vernetzte, abfall- und CO2-freie Stadt ist noch eine Utopie. Die ICT-Branche arbeitet jedoch kräftig an deren Realisierung. Auch in der Schweiz.

» Von Susann Klossek , 15.08.2016 11:25.

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Schon heute lebt mehr als die Hälfte aller Menschen in Städten – bis zum Jahr 2030 werden es voraussichtlich 60 Prozent sein. Die Ballungszentren müssen mit globalen Entwicklungen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit, demografischem Wandel fertig werden, aber auch mit den Begleiterscheinungen des steigenden Wohlstands umgehen. Der ICT-Branche bietet sich damit ein riesiges Marktpotenzial: Gefragt sind innovative Technologien und Konzepte, die den steigenden Bedarf an effizienten sowie nachhaltigen Lösungen decken, insbesondere für die Sektoren Verkehr, Energie und Logistik. Aufgrund der Dynamik der Städte und den unterschiedlichen Innovationszyklen der interagierenden Sektoren stellt dies sowohl die Unternehmen als auch Politik und Forschung vor grosse Herausforderungen.

Wirtschaft malt goldene Zukunft

Ende Mai haben sich in Berlin Wirtschaft und Politik zur Konferenz «Creating Urban Tech» versammelt und eine Art Manifest erarbeitet, wie Städte unter Nutzung modernster Technologien in Zukunft aussehen könnten. An der Konferenz nahmen Vertreter grosser Konzerne wie Telekom, SAP und Siemens, aber auch Start-ups teil. Im Folgenden die wichtigsten Thesen kurz zusammengefasst.

  • Vernetzung: Städte im Jahr 2030 sollen komplett vernetzt sein, egal, ob es sich um Strassenbeleuchtung, Ampeln, Abfallcontainer oder Banken handelt. Sensoren und Benutzerschnittstellen steuern zum Beispiel den Energieverbrauch nach tatsächlichem Bedarf und liefern Statusinformationen an Verwaltungen, Stromversorger oder Entsorgungsfirmen
  • Verkehr und Logistik: Mobilität ist in der Stadt der Zukunft zur Dienstleistung geworden. Der Autoverkehr ist aus den Stadtzentren weitgehend verbannt, private Verkehrsmittel wurden durch Sharing-Systeme ersetzt. Dabei sind Elektromotoren Standard. Verkehrsregelungssysteme richten sich anhand von Datensammlungen nach den Verkehrs- und Wetterbedingungen sowie nach wirtschaftlichen Zahlen. Je näher ein Fahrzeug ans Stadtzentrum kommt, desto kleiner muss es sein. Lieferdienste arbeiten zusammen, verschiedene Fahrten zur selben Adresse werden überflüssig. Über Peer-toPeer-Netzwerke von Stadtbewohnern stehen bereits getestete, optimale Routen bereit.
  • Effizienz und Umwelt: Die Stadt im Jahr 2030 soll weitgehend ohne Abfall und CO2 -Emissionen auskommen. Kunststoff ist vollständig wiederwertbar und die Energie stammt zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen. Via Smart Grids wird Energie ressourceneffizient verteilt und verwendet. Gleichzeitig hat die Verwertungsrate zugenommen und Herstellungsprozesse sowie Wertschöpfungsketten wurden entsprechend angepasst. Auch die Errichtung von Gebäuden wird dank neuer Verfahren wie dem 3D-Druck wirtschaftlicher.
  • Arbeit: Der Arbeitsplatz der Zukunft hat sich durch die Automatisierung stark verändert. Medizinische Diagnosen beispielsweise werden von Computersystemen erledigt. Auch  Verwaltungstätigkeiten sind im Jahr 2030 grösstenteils automatisiert – dazu auch flexibel und transparent für die Bürger. Die Menschen erhalten aufgrund offener Führungskulturen mehr Freiheit und Zeit, um kreativ sein zu können. Home Office und Projektarbeit werden an der Tagesordnung sein.
  • Politik: Politik und Verwaltung denken nicht mehr in kommunalen Grenzen, da ihre Daten in vernetzten Systemen bereitstehen. Sie erfüllen die Anforderungen ihrer Städte und Regionen pragmatisch und nicht mehr konkurrenzbetont. Das alles begünstigt Wachstum sowie Innovationen und öffnet Märkte, die für wichtige Unternehmen und Investoren gross genug sind. Schliesslich wird auch die Bürgerbeteiligung stärker gefördert. Dank Digitalisierung sind die Bewohner aktiv an politischen Systemen und Vorgängen beteiligt. Sogar Nicht-Wahlberechtigte sollen künftig aufgrund neuer  partizipativer Modelle mitentscheiden können. Jeder Bewohner wird von Politik und Business ähnlich wie ein Start-up umworben und dazu ermuntert, sich an der Entwicklung der von ihm benutzten Lösungen zu beteiligen.
  • Sicherheit: Datengestützte Vorhersagen verhindern in der Smart City Kriminalität, lautet eine These des Manifests. Bürger sollen selbst in Problemzentren so gut integriert sein, dass  die Kriminalität stark zurückgeht. Angesichts der negativen Entwicklungen in europäischen Grossstädten und der schwierigen Lösungsfindung hinsichtlich der Flüchtlingsproblematik eine äusserst optimistische Vorstellung. Ebenfalls utopisch: Auch persönliche Daten werden sicherer sein und jeder kann selbst entscheiden, ob er der Nutzung seiner Daten durch die Behörden zustimmen will oder nicht. Immerhin räumen die Manifest-Ersteller ein, dass durch die zunehmende Digitalisierung auch neue Risiken entstehen. Je mehr Hardware und Infrastruktur vernetzt werden, desto mehr Ziele haben Kriminelle für IT-basierte Angriffe.
  • Innovation: Die Innovationsrate wird steigen, weil etablierte Unternehmen von Start-ups lernen und ihre Erkenntnisse für die gemeinsame Entwicklung von Technologien und Geschäftsmodellen zur Verfügung stellen. Dafür sind allerdings auch die gemeinsame Nutzung von Daten und Programmierschnittstellen seitens der Stadtverwaltungen sowie Netzwerke erforderlich, in denen mehrere Städte und Regionen  zusammenspannen. Diese müssen wiederum die Beteiligung von Investoren zulassen und Vorschriften vereinheitlichen.

Gegenwart: wenig Konkretes

Bereits 2012 hat der Bund das Konzept «Smart City Schweiz» eingeführt. Doch konkrete oder gar umgesetzte Projekte gibt es noch wenige, verglichen etwa mit asiatischen Städten wie  dem südkoreanischen Seoul. Allerdings gibt man sich in Asien  hinsichtlich Datensicherheit auch bedeutend gelassener.  Welche Projekte hierzulande – auch in unseren Nachbarländern – momentan in der Pipeline oder der Umsetzungsphase sind, veröffentlicht die Interessengemeinschaft IG Smart City regelmässig auf www.smartcity-schweiz.ch. Zudem veranstaltet die IG mehrmals jährlich Workshops, um den SmartCity-Ansatz weiterzuentwickeln.

Ende Juni trafen sich Vertreter aus Industrie und Verwaltung zum Stand der Dinge. Im Fokus stand unter anderem die Smart Community – ein Teilbereich einer Stadt, der als Basis  für die künftige Entstehung einer Smart City dienen soll. Als Beispiele wurden unter anderem der Pariser Vorort Issy mit  seinem intelligenten Stromnetz genannt, sowie der Stadtteil La Confluence in Lyon mit Fokus auf Gebäude, Mobilität und  Monitoring. Die grössten Herausforderungen bei der Entwicklung von Smart Communitys: die Verbindung aller Komponenten und ihrer Benutzer sowie die Verknüpfung von  Bauwesen und Daten. Das erfordert einen Systemintegrator, der sämtliche Komponenten eines Subsystems zusammenführt und sicherstellt, dass diese auch miteinander funktionieren. Dabei muss der Integrator wissen, welche Daten wo und wann gesammelt werden müssen. Er muss Smart-Community-Infrastruktur und technische Systeme entwerfen und implementieren können und schliesslich auch die analysierten Daten verwenden, um den Betrieb und die Interaktion von verschiedenen Technologien und Systemen zu optimieren.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Fortschrittliche «Energiestädte»

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