Schweizer Mobile Government steckt in den Kinderschuhen

Warum Schweizer Ämter den vielen Smartphone-Nutzern bislang nicht viel zu bieten haben und welche erfreulichen Ansätze es dennoch gibt.

» Von Mark Schröder , 10.08.2016 10:51.

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Trotz grosser Verbreitung von Smartphones in der Bevölkerung bieten Schweizer Behörden ihre elektronischen Dienstleistungen meist nur auf Webseiten an, die hauptsächlich auf den PC ausgerichtet sind. Nur vereinzelt gibt es gute Lösungen für das Mobile Government. Das Angebot stimmt nicht mit der Nachfrage überein. Denn laut dem «eGovernment-Monitor» messen zwei von drei Schweizer Bürgern (65 Prozent) dem Handy oder anderen mobilen Endgeräte für die Abwicklung ihrer Behördengänge eine grosse Bedeutung zu. Dabei hätten Apps für mobile Endgeräte ein grosses Potenzial. Durch die clevere Kombination von Smartphone-Funktionen wie Chat, Kamera oder Ortung können neuartige Dienste geschaffen werden, die sich am stationären PC nicht realisieren lassen. Zusätzlich oder alternativ lassen  sich Verwaltungsprozesse straffen, Aufwand und Kosten so  reduzieren.

Planlose Mobilität

Interne Lösungen haben diverse Amtstellen bereits umgesetzt – vielerorts auf Bestreben der Behördenmitarbeiter. «Die  Angestellten kennen den Komfort sowie den Nutzen von Mobilität aus dem Privatleben und treiben das Thema auch im  Amt voran», so Eric Scherrer, Leiter Business Units Customized Solutions und Bildung beim St. Galler IT-Anbieter Abraxas. Diesem Umstand stehen Informatikverantwortliche und Vorgesetzte in Behörden oftmals konzeptlos gegenüber. Abgesehen von Baudepartementen und Polizeiposten (siehe Kasten unten) fehlt den Behörden bislang eine dedizierte Mobilitätstrategie. Vielerorts werden Handys und Tablets nur für Spezialanwendungen genutzt. Scherrer kennt extreme Beispiele: Behörden statten ihre Mitarbeiter zwar mit iPhones aus, nutzen die Telefone aber ausschliesslich für die Ortung der Angestellten. Selbst E-Mail ist deaktiviert – aus Sicherheitsgründen. In einem anderen Fall interessiert die Sicherheit offenbar überhaupt nicht: Ein Bauleiter regelt den Informationsaustausch sowie die Ressourcenplanung auf Baustellen mit seinen Angestellten via WhatsApp.

Laut Scherrer benötigen Mobilitätsanwendungen im Behördenumfeld eine explizite Strategie, die eine sinnvolle Nutzung und auch die Sicherheitserfordernisse definiert. Die drei Ausgangspunkte seien: Erstens der mobile Zugriff auf Akten, was den Versionsabgleich erspart. Zweitens Anwendungen für die Datenerfassung unterwegs und drittens Lösungen für die dezentrale Führung etwa im Bauwesen oder bei der Polizei. Ein Gesamtkonzept braucht es auch bei den mobilen Lösungen für die Bürger. Die Erreichbarkeit jederzeit und allerorts bedeutet, dass die Gemeinde die nötigen Ressourcen besitzen muss. «Eine App ist nur dann sinnvoll, wenn die Behörde Anfragen der Bürger auch innert nützlicher Frist beantworten kann», sagt Marc Eugster, Leiter Fachmodule und  Marketing beim IT-Dienstleister IT&T.

Kantonspolizei macht mobil

Den vermutlich grössten Fortschritt im Mobile Government gibt es in der Schweiz bei der Polizei. Die meisten Korpsangehörigen telefonieren mobil, dokumentieren Vorfälle mit der Handy-Kamera und nehmen Aussagen via Tablet auf.
Das ist allerdings noch nicht lange so. Die Kantonspolizei St. Gallen zum Beispiel musste bis zum Sommer 2015 noch viel Mehrarbeit leisten: «Bei einer Vermisstenmeldung fuhr eine Polizeipatrouille  zur betroffenen Familie, um ein Foto der Person abzuholen. Zurück auf dem Stützpunkt, konnte das Bild kopiert oder gezeigt werden. So ging es an die nächsten Patrouillen», erzählt Annika Good, Polizistin bei der Kantonspolizei St. Gallen. «Heute wird das Bild mit  dem Smartphone fotografiert und auf einen geschützten Ordner hochgeladen, auf den alle Polizisten Zugriff haben.»
Die Kapo St. Gallen hat eine Mobile-Lösung zusammen mit Abraxas entwickelt, die der St. Galler IT-Dienstleister nun auch betreibt. Schon die ersten Einsatzmonate zeigen, wie sehr die mobilen Geräte zur Optimierung der Polizeiarbeit beitragen. «Wenn man einmal beginnt, in digitalen Workflows zu denken, entdeckt man immer neue Optimierungspotenziale», erklärt Thomas Diem, Gesamtprojektleiter der Kantonspolizei St. Gallen. Bis Ende 2016 sollen im Rahmen des Projekts «Kapo goes mobile» diverse weitere Applikationen entwickelt werden. «Im firmeneigenen App-Store stehen den Mitarbeitern mehrere Apps zur Verfügung, darunter Checklisten und Merkblätter. Hinzu kommt die Personen- und Fahrzeugabfrage  von Bundes- und Kantonssystemen – und ein sicherer kapoChat»,  sagt Bruno Zanga, Kommandant der Kantonspolizei St. Gallen.
Die Kantonspolizei Bern beschaffte erst Anfang Juni von Digitec neue Smartphones im Wert von über zwei Millionen Franken. Sie  wurden primär zum Telefonieren sowie zur Mobilisierung der  Korpsangehörigen eingekauft, aber auch für die Bearbeitung von  Mails, Kontakten, etc. In der Zürcher Gemeinde Rüschlikon testen zwei Polizisten Bodycams für Einsätze mit Gewaltpotenzial.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Stufe 1 - mobil ohne Mehrwert

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