Human Brain Project entmachtet Henry Markram

Die Kritik am Human Brain Project war zu viel: Expertenkommissionen wollen der ETH Lausanne die Schirmherrschaft wegnehmen und Henry Markram als Leiter absetzen. Die Reaktion folgt schnell.

» Von Fabian Vogt , 16.03.2015 12:07.

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Das Human Brain Project strahlte bis vor wenigen Monaten wie ein Leuchtturm auf die Schweizer Wissenschaft. Mit rund einer Milliarde Euro von der EU gefördert und an der ETH Lausanne koordiniert, wollten Wissenschaftler das menschliche Gehirn verstehen und in einem Computermodell abbilden. Um Krankheiten wie Depressionen, Alzheimer oder Autismus heilen zu können. Durch die Forschungserkenntnisse und die technologischen Fortschritte sollte sich Europa auf den Spitzenplatz der Neurowissenschaften hieven.

Doch seit Beginn gab es Kritik am Projekt, dessen Ambitionen und Nutzen in Frage gestellt wurden. Dies gipfelte letzten Sommer in einem von 800 Wissenschaftlern unterschriebenen Protestbrief, in dem unter anderem Projektleiter Henry Markram scharf kritisiert wurde. Ab Herbst debattierte darum eine Expertengruppe rund um Wolfgang Marquardt, seit Juli 2014 Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Jülich, Probleme und Lösungen des Projekts. Diese wurden letzte Woche vorgestellt und können den bisherigen Projektleitern nicht gefallen.

Das bisherige Entscheidungsgremium, bestehend aus Henry Markram, Richard Frackowiak und Karlheinz Meier, soll abgesetzt und durch die die Riege der 22 Direktoriumsmitglieder des Human Brain Projects ersetzt werden. Zudem soll die EPFL, an der Markram forscht, ihre zentrale Funktion als Ansprechpartner und verantwortliche Institution gegenüber der EU verlieren. An ihre Stelle soll – ähnlich wie am CERN – eine internationale Leitungsstruktur treten, die noch zu definieren ist, forderte die Marquardt-Gruppe

Ziele nach unten korrigieren

Bereits am 6. März 2015 veröffentlichte ein unabhängiger Expertenrat der EU-Kommission eine Zusammenfassung des ersten Jahresberichts über das HBP. Die Resultate überschneiden sich mit denjenigen der Marquardt-Gruppe. Die EU-Kommission verlangt die Einrichtung einer Task Force zur besseren Verflechtung von Subprojekten und Technologieplattformen. Zudem soll eine neue Managementstruktur dafür sorgen, die durch das HBP entwickelte Technologie allen Neurowissenschaftlern zugänglich zu machen.

Die Ziele freilich hat die EU-Kommission nach unten korrigiert. Man solle um jeden Preis die Erzeugung zu hoher Erwartungen verhindern. Wolfgang Marquardt äussert sich in einer Fachzeitschrift ähnlich: «Man sollte nicht mehr den Eindruck erwecken, dass man mit den Ergebnissen des Human Brain Projects Krankheiten heilen oder Verhaltensweisen vorherbestimmen können wird.

Neue Führung

Das Human Brain Project hat auf die Berichte reagiert. Beim Start des Projekts sei das dreiköpfige Exekutivkomitee nötig gewesen, um Effizienz zu gewährleisten. Per 3. März seien aber Rechte und Pflichten dem Direktorium übertragen worden. 

Henry Markram sagte derweil dem Magazin «Research Europe» dass er mit der Entwicklung zufrieden sei: «Das Project befindet sich auf gutem Weg, eine Europäische Forschungsinfrastruktur zu werden. Das ist nun ein klares Ziel, das aber Zeit braucht.»

Die Zeit hat man aber nicht. Das Konsortium muss einen überarbeiteten Entwurf des Forschungsrahmenvertrags mit der EU fertigstellen, der die restliche Laufzeit des Projekts bestimmen wird. Und zwar schnell, ursprünglich war die Terminierung auf Ende Mai 2015 vorgesehen.

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