Andrew Keen: «Für den normalen Bürger wird das Leben immer härter»

Andrew Keen gehört zu den lautesten Kritikern der digitalen Revolution. Warum er die Chefs von Facebook, Amazon, Google + Co für Gauner hält und welche Probleme die Gesellschaft adressieren muss, erzählt er uns am SMG Forum 2015.

» Von Fabian Vogt , 11.10.2015 07:26.

weitere Artikel

Computerworld: Ihr neustes Buch heisst «The Internet is not the answer». Wie lautete die Frage?

Andrew Keen: Wie können wir die vernetzte Welt des 21. Jahrhunderts zu unserem Vorteil nutzen?

Und das Internet hat darauf keine Antwort?

Nein. Die digitale Revolution sollte viele wundervolle Dinge mit sich bringen, beispielsweise mehr Jobs und eine reichere Kultur. Doch bis heute ist das gründlich schiefgegangen. Statt Wohlstand hat uns das Internet grössere soziale Unterschiede, mehr Arbeitslose und eine Wirtschaft gebracht, in der mächtig ist, wer andere überwachen kann. Dabei war die Idee von Tim Berners-Lee und anderen Vordenkern in erster Linie, das Internet als soziales Instrument zu nutzen.

Was ging schief?

Zu Beginn war das Internet überhaupt nicht kommerziell ausgelegt, seit rund zwei Jahrzehnten ist es aber nur noch das. Dieser Wechsel war viel zu radikal. Er hat Firmen wie Google oder Facebook hervorgebracht, die uns kostenlos Dienste offerieren, wenn wir ihnen dafür unsere Daten geben. Wir haben mit dem Internet erhalten, was wir verdienen.

Was meinen Sie damit?

Eine der schlimmsten Errungenschaften der modernen Zivilisation ist der Narzissmus. Den gab es zwar schon zu Zeiten der alten Griechen, aber er wird immer schlimmer. Wen interessiert bitte, was ich gegessen habe? Muss ich das wirklich dreimal am Tag meinen tausenden Twitter-Freunden mitteilen? Wir nehmen uns immer wichtiger, mittlerweile wollen wir alles bekommen, aber gratis. Wir sind auf den ältesten Trick der Welt hereingefallen: Wir wollen etwas, das nicht existiert.

Ein mindestens genauso altes Gesetz lautet: Wenn niemand ein Produkt will, wird es auch nicht verkauft.

Das stimmt nicht. Bis zur digitalen Revolution waren die Menschen zufrieden, wenn sie Bücher, CDs oder Zeitungen kaufen konnten. Das Internet zerstörte diese Geschäftsmodelle und förderte Piraterie. Also haben die Leute aufgehört einzukaufen weil sie dachten, gratis sei besser. Aber das ist kein natürlicher Prozess. Es würde doch niemand auf die Idee kommen, sein Essen oder das Auto mit persönlichen Daten zu bezahlen. Die Geschäftsmodelle von Facebook und Google sind deshalb auf lange Sicht nicht erfolgsversprechend.

Warum denn? Niemand ist gezwungen, die Gratis-Dienste zu nutzen und die die es tun wissen, was sie aufgeben.

Das glaube ich nicht. Vielleicht einige wenige, die logisch an die Sache herangehen und sich wissentlich dafür entscheiden, Daten preiszugeben. Aber die meisten Menschen sind wütend, auf welche Art diese Firmen Katz+Maus mit einem spielen. Das sieht man immer häufiger, besonders stark natürlich seit dem NSA-Skandal. Und die Geschäftsmodelle der Silicon-Valley-Firmen sind oft zweifelhaft. Wenn beispielsweise Uber günstige Fahrten offerieren oder Amazon günstige Bücher verkaufen kann, weil die Mitarbeiter ausgebeutet werden. Oder wenn Firmen wie Instagram oder WhatsApp Erlöse mit Werbung erzielen, die dann den Medien fehlen, die wichtig für die Demokratie sind.

Ist das der Grund, warum Sie in Ihrem Buch nur sehr wenige lobende Worte für das Silicon Valley beziehungsweise deren Exponenten finden?

Ja. Diese Leute wurden noch vor Jahren als Nerds abgetan, die keine Frau erhalten. Heute sind sie Speerspitze der Gesellschaft. Das ist an sich eine begrüssenswerte Entwicklung. Allerdings sehen sich viele von ihnen nach wie vor als Rebellen, die gegen das System kämpfen. Und kapieren nicht, dass sie das neue Establishment sind. Dabei müssten sie diese Rolle annehmen und verantwortlich handeln. Es gibt Leute die das versuchen, wie Mark Zuckerberg. Zu Beginn kritisierte er lediglich, mittlerweile investiert er hunderte Millionen Dollar in die Bildung. Er versucht, ein verantwortungsvoller Bürger zu werden. Die Zeit wird zeigen, ob er es schafft, aber das ist die Art Veränderung, die wir brauchen.

Zur Person
Andrew Keen (55) studierte Geschichte in 3 Ländern, arbeitete anschliessend als Musikjournalist und gründete Mitte der 90er-Jahre im Silicon Valley audiocafe.com, die einige Jahre später Konkurs ging. Anschliessend jobbte er einige Jahre bei verschiedenen Tech-Firmen. Mittlerweile ist er hauptsächlich Blogger, Redner und Autor dreier Bücher, in denen er kritisiert, wie die Internetkultur die Gesellschaft verändert. 2015 wurde er vom GQ Magazin zu den «100 bestverknüpften Männern» gewählt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die «Räuberbarone» des Silicon Valley

Werbung

KOMMENTARE

Marc Huber: 11-10-15 15:59

Herr Vogt, lesen Sie mal Ihre Fragen durch! Meiner Meinung nach sind Ihre Fragen unerhört schwach. Wie kann man als Informatik-Journalist nur dermassen unkritisch gegenüber den extremen Entwicklungen unserer Zeit sein. Sehen Sie die Gefahr dieser Fehlentwicklung tatsächlich nicht, oder stellen Sie sich nur dumm, um den Gesprächspartner zu provozieren?

KOMMENTAR SCHREIBEN

*
*
*
*

Alles Pflichfelder, E-Mail-Adresse wird nicht angezeigt.

Die Redaktion hält sich vor, unangebrachte, rassistische oder ehrverletzende Kommentare zu löschen.
Die Verfasser von Leserkommentaren gewähren der NMGZ AG das unentgeltliche, zeitlich und räumlich unbegrenzte Recht, ihre Leserkommentare ganz oder teilweise auf dem Portal zu verwenden. Eingeschlossen ist zusätzlich das Recht, die Texte in andere Publikationsorgane, Medien oder Bücher zu übernehmen und zur Archivierung abzuspeichern.