25'000 ICT-Fachkräfte sollen der Schweiz bis 2024 fehlen

Immer wieder Fachkräftemangel. Neuste Zahlen von ICTswitzerland zeigen, wie schlimm es um den ICT-Fachkräftemangel in der Schweiz steht. Ein Headhunter zweifelt die Daten an.

» Von Fabian Vogt , 02.11.2016 16:30.

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Bis 2024 werden der Schweiz rund 25‘000 ICT-Fachkräfte fehlen. Das sagt eine Studie von ICTswitzerland. Dieser Mangel führe dazu, dass die gesamte Wirtschaft bei der Rekrutierung ihres ICT-Fachpersonals auf Quereinsteiger ausweichen muss, und dass Aufgaben ins Ausland verlagert werden müssen sowie Wachstumschancen nicht genutzt werden können, heisst es in einer Mitteilung. Bei aller Dramatik kann der Verband aber auch beruhigen: Als die Studie vor zwei Jahren zum letzten Mal erhoben wurde, ging er noch von 30‘000 fehlenden Fachkräften aus. Grund für die verbesserte Situation ist eine nach unten korrigierte Wirtschaftswachstumsprognose, die durch einen verminderten Strukturwandeleffekt verstärkt wird: Man geht beim Verband weiter von der Digitalisierung aller Branchen aus, aber in langsamerem Tempo.

Derzeit arbeiten in der Schweizer ICT-Branche laut Studie 210‘800 Personen. Das sind 13‘000 mehr als noch vor zwei Jahren. 2024 sollen es sogar 234‘800 Personen sein. Weil es auch Abgänge geben wird, rechnet ICTswitzerland damit, dass bis dahin 74‘500 Fachkräfte gesucht werden. Davon sollen 39 Prozent durch erwartbare Arbeitsmarkteintritte gedeckt werden können. 28 Prozent werden durch die Zuwanderung gedeckt. Bleiben 24‘800 Fachkräfte, die fehlen. Besonders im Bereich Führungskräfte soll Nachholbedarf herrschen. ICTswitzerland spricht von 5100 fehlenden Fachleuten in dem Bereich. Auch Softwareentwickler (4000) sollen verzweifelt gesucht werden.

MEI-Umsetzung kann prekär werden

Das Szenario stimmt gemäss Verband aber nur, wenn die Masseneinwanderungsinitiative nicht strikt umgesetzt wird. Sonst könnten bis zu 35‘600 Personen fehlen. Eine  kurzfristige  Limitierung  auf  eine  Zuwanderung würde den Bedarf sogar auf 44'700 nahezu verdoppeln, befürchtet der Verband. Als Lösung wird propagiert, auf die berufliche Grundausbildung zu setzen. Sie erlaube die rasche und praxisnahe Ausbildung von Fachpersonal durch die Unternehmen, diene als Zubringer für die höhere Berufsbildung und dank der hohen Quote der Berufsmaturanden auch für die Fachhochschulen.

Entsprechend setzt der Verband über die Sektion ICT-Berufsbildung Schweiz seit einigen Jahren in dem Bereich den Schwerpunkt. Seit 2010 konnte die Zahl der Lehrstellen von 7200 auf knapp 9200 erhöht werden. In Zukunft soll die Lernendenquote auf 4,5 Prozent steigen, was dem schweizerischen Durchschnitt aller Branchen entsprechen würde. Dies sei in der ICT-Kernbranche zwar bereits der Fall (5.3 Prozent), bei den Anwenderunternehmen (3.5 Prozent) allerdings noch nicht. Als  Hebel  sollen hier  Verbundlösungen  dienen,  welche  es  auch  Kleinstfirmen  erlauben,  ICT-Lernende auszubilden. Um bereits früher anzufangen, hofft der Verband, dass der Lehrplan 21 dahingehend umgesetzt wird, dass bereits in der Grundschule das inländische Potenzial besser genutzt werden. Kann. Besonders im Fokus: Frauen. Derzeit arbeiten in der ICT 14.7 Prozent Frauen. Die Veränderung über die Jahre ist sehr überschaubar, im Vergleich mit dem gesamtschweizerischen Durchschnitt (46.6 Prozent) ist die Quote fast beschämend.

Weil die Branche auch stark auf Zuwanderung angewiesen ist, schlägt der Verband vor, je nach Ausgestaltung der Masseneinwanderungsinitiative eine Ausnahmeregelung für ICT-Berufe zu erreichen, damit die Branche weiter Zugriff auf Fachkräfte aus der EU/EFTA und aus Drittstaaten hat.

Kritik an der Studie

Der Verband präsentiert die Zahlen seit Jahren. Gleichzeitig gibt es seit Jahren Exponenten, die kritisch darauf reagieren. Sie stützen sich nicht auf grosse Studien, sondern ihre eigenen Erfahrungen. Entweder finden sie keinen Job in der ICT oder können keine vermitteln. Ihr Credo: Wenn es einen Fachkräftemangel gibt, sollte es nicht derart viele arbeitslose Informatiker geben. Eine der lautesten Stimmen gehört IT-Headhunter Hans Riesenmann. Zur aktuellen Studie sagt er: «Als Branchen-Insider rechne ich bis ins Jahr 2024 in etwa mit ca. 20‘000 arbeitslosen Informatikern. Sollte sich dazu das Cloud-Business nicht so entwickeln wie man sich dies erhofft, dürfte dies in der Schweiz noch einige tausend Informatiker-Jobs kosten.» Besonders die Aussage, dass viele Führungskräfte fehlen werden, stösst Riesenmann sauer auf. Das Gegenteil sei der Fall. In dem Bereich herrsche ein gigantischer Überschuss.

Am Ende werden Theoretiker und Praktiker recht haben. Hans Riesenmann beziehungsweise die Verbandsverantwortlichen lehnten in der Vergangenheit ein Streitgespräch ab der Computerworld ab. Klar ist, es gibt viele Informatiker, die keinen Job finden, weil ihre Fähigkeiten nicht gewünscht sind. Die Wirtschaft tat bisher wenig, sie entsprechend umzuschulen. In dieser Richtung werden nun vermehrt Bemühungen gemacht. Das bedeutet aber nicht, dass keine Fachkräfte fehlen werden. Die Idee des Verbands, immer weiter und verstärkt auf die Berufsbildung - aber auch auf Migration  - zu setzen, kann so falsch jedenfalls nicht sein.

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