«Wir vermarkten uns nicht clever genug»

Thomas Flatt über die Gründe, warum die Schweiz zwar ständig Innovationspreise gewinnt, jedoch kaum kommerziell erfolgreiche IT-Produkte hervorbringt.

» Von Fabian Vogt , 22.10.2014 11:23.

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Thomas Flatt, Präsident von swissICT, betrachtet den Zustand der eigenen Branche kritisch. Die zu starke Fokussierung auf Dienstleistungen bringt zu wenig Investitionskapital und zu wenig Innovation, ist er überzeugt.

Computerworld: Das von swissICT veranstaltete ICT Symposium dreht sich um den ICT-Werkplatz der Zukunft. Wo denken Sie, wird dieser sein?

Thomas Flatt: Im digitalen Bereich. Dort wird künftig der internationale Wettbewerb spielen und dort werden die interessanten Arbeitsplätze geschaffen.

CW: Welche Rolle kann die Schweizer ICT im digitalen Bereich einnehmen?

Flatt: Eine sehr schwierige Frage. Früher haben wir sehr innovative Dinge gemacht. Alleine durch Niklaus Wirth, der unter anderem die Programmiersprachen Pascal und Modula 2 erfunden hat, ist noch heute Schweizer Informatik in sehr vielen Anwendungen vertreten. Aber wo bleiben die neuen Errungenschaften? Es gibt meines Wissens keine grosse Standard-Software, die aus der Schweiz kommt.

CW: Wie kann denn die Schweiz bessere Software-Produkte herstellen als das Ausland? Die Zahl potenzieller Informatiker ist in Ländern wie China oder den USA doch ungleich grösser.

Flatt: Ich glaube nicht, dass dieser Kampf über die Technologie gewonnen wird. Wenn man sich Firmen wie Uber oder Facebook anschaut, sind das keine Firmen, die technologisch der Zeit weit voraus sind. Aber sie haben es geschafft, ihr Produkt so erfolgreich zu vermarkten, dass viele denken, ohne die Dienste nicht mehr leben zu können.

CW: Und die Schweizer haben dieses Talent nicht?

Flatt: Ich denke zumindest, dass wir das nicht clever machen. Wo gibt es denn Schweizer Software, die kommerziell erfolgreich ist? Wuala hat vor Jahren einen Cloud-Speicher lanciert, der technologisch einwandfrei ist. Ungefähr gleichzeitig startete auch Dropbox mit seinem Speicherdienst, der technologisch keineswegs besser war. Aber schauen Sie sich die User-Zahlen heute an.

CW: Was brauchen unsere Software-Hersteller, um in der digitalen Welt bestehen zu können?

Flatt: Clevere Vertriebskanäle, unendlich viel Geld und vor allem Mut, dieses auszugeben, auch wenn man damit etwas verlieren kann. Solche Risiken widersprechen aber unserer DNS und Erziehung. Oder kennen Sie ein Schweizer Beispiel, bei dem jemand 10 Franken in die Entwicklung eines Produkts und 1000 Franken in das Netzwerk und die Vermarktung investiert hat?

CW: Das klingt ziemlich entmutigt.

Flatt: Keineswegs. Bei uns gibt es Geld, das den Ideen nachjagt. Bloss ist es bisher auf der Suche nach klassischen Businessplänen, die aufzeigen, ab welchem Zeitpunkt ein Produkt welche Rendite erwirtschaftet. Was fehlt, sind Menschen, die den Mut haben, ein unfertiges Produkt auf den Markt zu werfen und zu ver­suchen, möglichst schnell eine kritische Masse zu erreichen. Das Interessante dabei ist, dass wir dieses Verhalten in anderen Industrien sehen, denken Sie nur an Nespresso oder früher Swatch.

CW: Bringt diese Marketingstrategie denn wirklich etwas? Ist es nicht einfach so, dass es in anderen Ländern wesentlich einfacher ist zu wachsen? Facebook konnte sich zu Beginn auf dem riesigen Harvard-Campus verbreiten, Uber in den USA sehr einfach Tausende Fahrer rekrutieren.

Flatt: Natürlich gibt es Vor- und Nachteile, die jeder Standort hat und die berücksichtigt werden müssen. Die Schweiz muss auch gar nicht zwingend der Hauptmarkt sein – im Gegenteil. Die Innovation und Teile der Produktion können aber sehr wohl hier sein. 

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Das sagt Thomas Flatt zum Innovations-Standort Schweiz und wo er die Zukunft der Software-Branche sieht.

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