«Der Informatikberuf ist keine Zirkusnummer»

» Von Jens Stark , 28.09.2007 14:13.

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Was hat dem Ansehen am meisten geschadet?

Der grösste Imageschaden wurde der Informatik durch Nachrichten über massive Entlassungen nach 2002 zugefügt. So wurden von Firmen grosse Zahlen an zu entlassenden Informatikern bekannt gegeben. Dass die selben Unternehmen gleichzeitig fast so viele Informatiker neu einstellten, die besser ausgebildet, jünger und daher billiger waren, wurde dagegen nicht kommuniziert. Es entstand in der Öffentlichkeit unweigerlich ein schiefes Bild über die Berufsaussichten.

Gefährdet sind aber eigentlich nur Quereinsteiger, die ausschliesslich auf ein bestimmtes System spezialisiert sind und sich nicht genügend weitergebildet haben. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin selbst ein Quereinsteiger. Ich habe Mathematik studiert und nie einen Informatikabschluss gemacht, weil es den damals schlicht nicht gab.

Es bräuchte also eine riesige Imagekampagne, wie sie mit dem Jahr der Informatik 2008 geplant ist. Kann diese Kampagne, an der Sie auch beteiligt sind, das Ruder herumwerfen? Was erhoffen Sie sich?

Wir erhoffen uns in erster Linie, dass die Öffentlichkeit die Informatik und ihre Bedeutung so wahrnimmt, wie sie effektiv ist. Die Öffentlichkeit soll also erkennen, dass der Informatikberuf keine Zirkusnummer ist, sondern dass es in der Informatik auch in 20 Jahren vergleichbar viele qualifizierte Leute brauchen wird wie heute. Dabei ist ganz wichtig: Es werden nicht nur Akademiker und Top-Entwickler benötigt, sondern auch Leute mit anderen Aufgaben, auch im Support. Aber gerade diese müssen sich mehr Hintergrundwissen aneignen. Denn heute sind viele von ihnen Quereinsteiger ohne genügende Informatikausbildung. Beispielsweise haben während des Internethypes 17-Jährige ihre Gymnasialausbildung abgebrochen, Webseiten gestaltet und dafür sechsstellige Löhne kassiert. Aber heute fragt niemand mehr nach Leuten, die bloss Webseiten erstellen können. Hier verdeutlicht sich der Unterschied zwischen Produkt- und Konzeptwissen. Daher müssen wir vielen Quereinsteigern nachträglich ein theoretisches Fundament verpassen.

Das Jahr der Informatik soll aber auch die verfügbaren Ausbildungswege transparenter machen. So können Ausbildungsstätten aller Stufen öffentliche Veranstaltungen, die sie sowieso abhalten, als Teil dieser Kampagne verstehen und durchführen.

Damit hoffen wir auf einen Widerhall in der Bevölkerung. Gleichzeitig ist es Ziel des Jahrs der Informatik 2008, Missverständnisse und falsche Bilder über den Beruf des Informatikers, wie ich sie beschrieben habe, wieder gerade zu rücken. Ich weiss, wir haben mit der Fussballeuropameisterschaft keine geringe Konkurrenz beim Kampf um die öffentliche Aufmerksamkeit - aber wir haben ein Jahr Zeit.

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