«Der Informatikberuf ist keine Zirkusnummer»

Die Informatik als Beruf hat in der Schweiz ein gravierendes Imageproblem, so Carl August Zehnder, langjähriger Informatikprofessor an der ETH. Gegenüber Computerworld zeigt er mögliche Wege aus der Nachwuchsmisere auf.

» Von Jens Stark , 28.09.2007 14:13.

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Das Platzen der Internet-Blase, die folgenden Massenentlassungen und das Offshoring von IT-Leistungen ins Ausland haben am Image des Informatikberufs gekratzt. Für viele Interessierte scheint das Tätigungsfeld Informations- und Kommunikationstechnik zu unsicher. Zu unrecht, ist Carl August Zehnder, emeritierter ETH-Professor, überzeugt.

Computerworld: Erklären Sie mir folgendes: Heutige Jugendliche sitzen ständig vor dem PC. Trotzdem wollen so wenige von ihnen professionell in die Informatik einsteigen. Woran fehlt es?

Carl August Zehnder: Das lässt sich einfach erklären. Viele Leute brauchen Elektrizität oder fahren Auto. Trotzdem werden sie nicht Elektroingenieur oder Automechaniker. Informatik ist heute ebenfalls eine Commodity geworden. Sie wird wohl benutzt. Aber das ist noch lange kein Grund, dass jemand auf diesem Gebiet seinen Beruf sucht. Der einzige Unterschied zu den anderen beiden Beispielen ist der, dass es die Informatik erst seit 50 Jahren gibt, dass man also miterleben konnte, wie sie entstanden ist. Das hat Auswirkungen auf die Wahrnehmung vor allem der älteren Leute. Aber für die heutigen 10- bis 20-Jährigen ist Informatik eine Selbstverständlichkeit.

Wäre es dann nicht ein Leichtes, die Jugendlichen für den Studiengang Informatik zu begeistern?

Aber warum denn? Sie werden doch auch nicht Autokonstrukteur, weil Sie gerne Auto fahren. Besser wäre die Frage: Warum gibt es überhaupt so wenig Ingenieure. Die Antwort ist einfach: Es ist ein schwieriges Studium, bei dem viel Zeit und Mühe in die Erarbeitung der Grundlagen wie Mathematik investiert werden muss. Hier orte ich somit ein gesellschaftliches Problem.

Ich erinnere mich noch: Vor gut zehn Jahren hat man viele Hoffnungen in die Fachhochschulen gelegt. Sie sollten mehr Praxisnähe in die Ausbildung bringen. Wie hat sich das entwickelt?

Durchaus positiv. Die Statistiken zeigen, dass es in der Schweiz bis etwa zum Jahr 2000 nur halb so viele Informatikabschlüsse auf Fachhochschulniveau gab wie auf ETH- und Universitätsstufe. Das hat sich nun grundlegend geändert. Heute schliessen etwa doppelt so viele Informatik-ingenieure ein Fachhochschulstudium ab als eine entsprechende Ausbildung an ETH oder Uni. Und das ist gut so: Denn wir brauchen mehr anwendungsorientierte Informatikingenieure als solche, die mehr -theoretisches Wissen haben. Zudem ist auch die Zahl derjenigen gestiegen, die höhere Fachschulen absolvieren und als Quereinsteiger noch eine höhere Fachprüfung ablegen. Alles in allem also eine positive Entwicklung.

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