Die fragwürdige IT-Vergabepraxis des Bundes

Der Skandal um das IT-Projekt Insieme des Bundes zeigte vor allem eines: Das WTO-Ausschreibungsverfahren ist für komplexe IT-Projekte völlig ungeeignet.

» Von Mark Schröder , 28.09.2012 09:54.

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Ob ein Tunnel von A nach B gebaut oder eine Software entwickelt werden soll: Wenn der Bund oder Behörden grös­sere Projekte planen, müssen die Vorhaben ab einem bestimmten Wert öffentlich ausgeschrieben werden. Bauvorhaben sind ab einem Schwellenwert von 8,7 Millionen Franken nach den Regeln der WTO feilzubieten, Dienstleistungen wie ein Software-Entwicklungsprojekt ab 230'000 Franken. Das «Insieme»-System der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV) mit einem Volumen von insgesamt 150 Millionen Franken hätte also nach WTO aus­geschrieben werden müssen. Die Erneuerung der IT-Systeme wurde in «kleinere» Aufträge – immer noch über der Schwelle – aufgeteilt, die unter der Hand vergeben wurden. Diese Praxis kostete Urs Ursprung, Chef der Eidgenössischen Steuerverwaltung, und weiteren Spitzenbeamten den Job.

Offiziell hat sich die Schweiz im Jahr 2002 zu den Vorschriften der World Trade Organization (WTO) verpflichtet. Die prinzipiellen Regeln der WTO für öffentliche Ausschreibungen sind aber noch älter – sie stammen aus dem Jahr 1996. Zwischenzeitlich wurden lediglich die Schwellenwerte angepasst, ab welchem Betrag eine Massnahme nach WTO ausgeschrieben werden muss.

Die Definitionen der WTO berücksichtigen nicht, dass eine Software heute anders ent­wickelt wird als vor 15 Jahren. Zwar lassen sich auch die Anfänge der Scrum-Methode in die 1990er-Jahre zurückverfolgen, agiles Entwickeln lässt sich aber nicht mit einem Tunnelbau vergleichen. So ist zum Beispiel beim Tunnel­bau das Ziel eindeutig und unveränderbar – das Loch durch den Berg, um den Zug durchzuführen. Bei Software-Projekten ändern sich Ziele und Anforderungen häufig. So sollen zum Beispiel plötzlich statt der Eisenbahn doch eher Autos durch das Tunnel rollen.

Trotzdem schreiben öffentliche Stellen einen Tunnelbau und ein Software-Projekt nach denselben Regeln aus. Dieses Verfahren ist ab den genannten Grenzbeträgen schlicht vorgeschrieben. Der Grund ist, dass die WTO vermeiden will, dass Handelshemmnisse unliebsame Anbieter diskriminieren. Nebeneffekt: Die Vergabe öffentlicher Aufträgen wird transparenter, der Wettbewerb unter den Anbietern gestärkt und der wirtschaftliche Einsatz öffentlicher Mittel gefördert. Noble Ziele.

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KOMMENTARE

Andrej Vckovski: 28-09-12 21:55

Auch ich habe mich schon oft geärgert über Ausschreibungen und deren Ziel, bei der Evaluation gleichartige Früchte vergleichen zu können. Aber auch oft schon habe ich mich darüber gefreut, dass bei solchen Ausschreibungen oft (sofern sie nicht durch massgeschneiderte Kriterien auf einen Zielsieger gestaltet sind) halt schon gleich lange Spiesse bestehen. Es geht bei den Verfahren eben nicht nur um "Transparenz" und "die beste Lösung für's Geld", sondern auch um Fairness. Auch ein noch nicht jahrelang festgesessener Lieferant kann bei guten Ausschreibungen eine Chance bekommen, zum Zuge zu kommen. In diesem Sinne ist der "preferred supplier" oder "strategischer Lieferant"-Ansatz zwar attraktiv, wenn man dann derselbe ist, aber protektionistisch wenn nicht.
Die grössten IT-Debakel in öffentlichen Verwaltungen entstanden in meiner Erfahrung übrigens nicht nur weil der Ausschreibungsprozess nicht adäquat ist, sondern es hat immer noch eine ganze Menge Probleme "down the stream" in der Umsetzung.
Gerade bei komplexen, geschäftskritischen, massgeschneiderten und grossen Systemen (so ab 10-20 Mio CHF) plädiere ich seit langem dafür, dass man Wettbewerbe wie in der (Bau-)Architektur üblich durchführt (das darf die öffentliche Hand), welche von einer Fachjury begutachtet werden. Natürlich hat man auch da nicht zwingend die Garantie, die "beste" Lösung zu finden, aber eher, als wenn man einen sturen Kritereinkatalog evaluiert. Bei solchen Systemen -- think Insieme oder FIS Heer -- ist primär die "richtige" Lösung zentral. Natürlich spielen die Kosten eine wichtige Rolle, der Auftrag sollte aber an jemanden vergeben werden, der sowas kann und nicht der sowas zum tiefsten Preis anbietet. Bis jetzt habe ich das aber nur einmal erlebt, dass einige Anbieter eingeladen wurden, parallel zueinander einen (bezahlten) Vorschlag ("proof-of-concept" wurde das damals genannt) zu erarbeiten, und wo dann der "beste" gewählt wurde anhand rein fachlicher Kriterien, welche nicht zwingend im vorherein bekannt waren (es kann ja sein dass eine Wettbewerbseingabe einen neuen aber sehr guten Aspekt reinbringt, an welchen man bei der Definition des Umfangs gar nicht gedacht hat)..
So oder so wird man aber hoffentlich langsam gemerkt haben, dass man komplexe IT Systeme nicht wie Schrauben, Bleistifte oder Armeebiscuits beschaffen kann.

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