«Die Lehre hält mit dem digitalen Wandel mit»

» Von Mark Schröder , 23.02.2017 14:30.

weitere Artikel

Wie läuft so ein Beratungsprozess für ein Unternehmen ab?

Der Fall von Christenguss war interessant. Florian Christen hat an der FHNW eine Fortbildung in Giessereitechnik besucht. Im Pausengespräch kam er mit der Bitte auf mich zu, eine Automatisierungslösung für die Gussputzerei zu finden. Ich schlug ihm ein Studentenprojekt vor. Daraufhin dokumentierten zunächst drei Studenten die Prozesse in der Giesserei. Das Ergebnis war für Christen eine grosse Überraschung: Jedes Gussteil wird mehrfach durch den kompletten Betrieb bewegt. Für die chaotischen Materialflüsse lieferten die Studenten Verbesserungsvorschläge, die Christen dankbar aufnahm.

Was sind typische Fragestellungen von Unternehmen zur digitalen Transformation?

Viele Unternehmen kommen auf die Hochschule zu mit dem Wunsch, gross in Industrie 4.0 einzusteigen. Wir müssen sie dann bremsen, denn der Ausgangspunkt ist nicht die Technologie. Zuerst müssen sich die Betriebe über das Geschäftsmodell klarwerden: Welchen Nutzen hat die neue Technologie intern, welche Nutzen hat sie für die Kunden? Wenn diese Fragen beantwortet sind, können die Prozesse intern sowie extern entsprechend angepasst werden. Dafür müssen auch Standards implementiert werden. Erst dann kann die Installation der Technologie starten.

Ein klassisches Negativbeispiel für eine vorläufig misslungene Digitalisierung ist der SwissPass: Bei dem Projekt haben die SBB Fehler begangen, die man unbedingt vermeiden sollte. Sie sind von der Technologie ausgegangen und haben anschliessend Anwendungen gesucht. So habe ich früher bei einer Billettekontrolle nur mein Portemonnaie aufgeklappt, so dass der Zugbegleiter die Gültigkeit des GAs prüfen konnte. Heute muss ich den SwissPass aus dem Portemonnaie nehmen, dem Zugbegleiter überreichen, damit er es durch Auflegen auf das Smartphone prüfen kann. Für den Kunden ist der Prozess lästig, für den Kontrolleur ein massiver Mehraufwand. 

Den Mehraufwand hatten die SBB in Kauf genommen, da der SwissPass den Zugang zu Kundendaten versprach. Die Sammlung war aber zuvor nicht mit dem Datenschützer abgestimmt worden. Prompt kam das Sammelverbot, die SBB mussten alle Kundendaten wieder löschen. Der Vorteil war dahin, der Mehraufwand bliebt.

Ein absoluter Kardinalsfehler sind aber die fehlenden Standards: Ein GA ist gleichzeitig auch eine BahnCard in Deutschland, was früher mühelos zu verifizieren war. Heute können die Kontrolleure im angrenzenden Ausland den SwissPass nicht lesen. Der Schweizer Reisende benötigt also zusätzlich einen speziellen Nachweis – die internationale Rabattkarte – und zwar in Papierform.

Nächste Seite: Wikipedia-Wahrheiten

Werbung

KOMMENTARE

Keine Kommentare

KOMMENTAR SCHREIBEN

*
*
*
*

Alles Pflichfelder, E-Mail-Adresse wird nicht angezeigt.

Die Redaktion hält sich vor, unangebrachte, rassistische oder ehrverletzende Kommentare zu löschen.
Die Verfasser von Leserkommentaren gewähren der NMGZ AG das unentgeltliche, zeitlich und räumlich unbegrenzte Recht, ihre Leserkommentare ganz oder teilweise auf dem Portal zu verwenden. Eingeschlossen ist zusätzlich das Recht, die Texte in andere Publikationsorgane, Medien oder Bücher zu übernehmen und zur Archivierung abzuspeichern.