«Technik an sich ist noch kein Konkurrenzvorteil»

» Von Jens Stark, Barbara Mooser , 20.02.2017 06:54.

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CW: Welche Rolle spielen Sie als Arbeitspsychologen bei der Erstellung neuer Kooperationsmodelle zwischen Mensch und Maschine?

Wäfler: Die Psychologie hat viel Wissen darüber, wie der Mensch bei der Arbeit funktioniert, unter welchen Bedingungen er gut funktioniert und motiviert ist respektive unter welchen Bedingungen Motivation, Engagement und das Interesse, Erfahrungswissen aufzubauen, verschwinden. Nichtsdestotrotz handelt es sich nicht um eine exakte Naturwissenschaft, bei der man Standardrezepte anwenden oder Berechnungen über die Wirkung anstellen kann.

Unsere Aufgabe ist es sicherzustellen, dass die Techniker das System so bauen, dass es der Art und Weise entspricht, wie die Leute es nutzen. Was wir nicht wollen, ist, dass es umgekehrt läuft, dass der Techniker also eine Maschine baut und der Psychologe soll dann dafür sorgen, dass die Menschen so funktionieren, wie der Techniker gemeint hat, dass sie funktionieren. Wir wollen verstehen, wie Menschen funktionieren und dann mit dem Techniker zusammen eine Maschine bauen, die dies berücksichtigt.

Apple ist meiner Meinung ein schönes Beispiel dafür. Steve Jobs soll ja gesagt haben, es gebe keine schlechten User, nur schlechte Technik. Will heissen: Wenn ich eine Technik so baue, dass die Anwender damit nicht arbeiten können, dann sind nicht die User dumm, dann ist die Technik schlecht. Hier liegt eines der Erfolgsrezepte von Apple. Sie haben bei allem, was sie entwickelt haben, immer den User ins Zentrum gestellt.

CW: Gibt es ein konkretes Projekt, bei dem Sie so vorgegangen sind?

Wäfler: Ja, wir entwerfen für Firmen im Anlagengeschäft eine IT-Plattform zur Verbesserung der Kooperation. Das Prob­lem ist, dass ein Auftrag erteilt werden muss, bevor die Spezifikationen für das Produkt fertiggestellt sind. Es muss also immer für ein halbfertig spezifiziertes Produkt eine Offerte gemacht und ein Auftrag erstellt werden, der sich nur langsam konkretisiert. Das bedeutet, dass Lieferant, Kunden und Sublieferant gut miteinander kooperieren können müssen. Die Idee war, diese schwierige Kooperation zu «digitalisieren» und eine Art soziales Netz für die Zusammenarbeit aufzubauen. Bei diesem Projekt arbeiten wir mit der Hochschule für Technik der FHNW zusammen. Gemeinsam gehen wir den Fragen nach, wie die Akteure überhaupt miteinander kooperieren, wie diese Zusammenarbeit unterstützt werden könnte sowie was die Schwächen und Stärken eines solchen Netzes sind. Wir müssen also aus psychologischer Perspektive das System genauso sauber analysieren, wie dies die Techniker mit ihren Methoden tun. Was sind beispielsweise die Voraussetzungen, dass sie konstruktiv zusammenarbeiten können? Welche Vertrauensbeziehungen gibt es überhaupt und wie schafft man Vertrauen? Die IT-Plattform muss diese Aspekte berücksichtigen, dann ist die Chance grösser, dass sie wirklichen Nutzen bringt.

CW: Wo gibt es da Ihrer Meinung nach noch Probleme bei der Zusammenarbeit zwischen der technischen und der arbeitspsychologischen Seite?

Wäfler: Womit wir immer noch zu kämpfen haben, ist, dass unser Wissen über den Faktor Mensch oft unter dem Begriff des gesunden Menschenverstands subsumiert wird. Das ist eine Vereinfachung und vermittelt dem Techniker, der ein psychologischer Laie ist, die Überzeugung, ebenfalls zu wissen, wie die Zusammenhänge funktionieren.

In der Psychologie ist es im Grunde wie im Fussball: Viele haben das Gefühl, Experte zu sein, weil sie meinen, etwas lasse sich mit dem gesunden Menschenverstand erklären. Das lässt es sich natürlich zum Teil auch. Es gibt aber auch viel psychologisches Fachwissen, das man professionell in diese Prozesse einfliessen lassen muss, das heisst, man muss dann auch mit den entsprechenden Fachleuten zusammenarbeiten.

CW: Zum Schluss noch eine persönliche Frage. In Japan gibt es bereits Roboter, die alte Menschen pflegen. Würden Sie sich von einem Roboter pflegen lassen?

Wäfler: Das kommt ganz darauf an, bei was. Wenn es nur um den Prozess geht, wenn es also einfach nur richtig funktionieren soll, warum nicht? Bei der Altenpflege geht es aber bestimmt auch um die zwischenmenschliche Beziehung. Ich bräuchte daher für die meisten Aufgaben einen Menschen, der mich als Mensch wahrnimmt und ich ihn umgekehrt ebenfalls. Nur bei einem Pfleger aus Fleisch und Blut kann ich wirklich das Gefühl haben, dass er sich für mich verantwortlich fühlt, es richtig machen möchte und sich anstrengt. Einem Roboter geht das ab. Dem bin ich egal. Gewisse Qualitäten, die für das Vertrauen wichtig sind, kann mir Technik nicht bieten.

 

MikS

Das Institut Mensch in komplexen Systemen (MikS) ist ein Fachbereich der Hochschule für Angewandte Psychologie an der  Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Olten. Das MikS stellt Erkenntnisse und Produkte bereit, die geeignet sind, die Prozesszuverlässigkeit in komplexen Systemen zu fördern.

www.fhnw.ch/aps/miks

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