«Technik an sich ist noch kein Konkurrenzvorteil»

Das Internet der Dinge, künstliche Intelligenz und Industrie 4.0 machen die Arbeitswelt einfacher und komplexer zugleich. Wenn alles automatisiert abläuft, wo bleibt da der Mensch? Toni Wäfler, Professor am Institut Mensch in komplexen Systemen, gibt Antworten.

» Von Jens Stark, Barbara Mooser , 20.02.2017 06:54.

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Als Arbeitspsychologen untersuchen Toni Wäfler und seine Kolleginnen und Kollegen, wie Menschen mit der zunehmenden Komplexität der Arbeitswelt zurechtkommen. Im Mittelpunkt der Forschung steht dabei die Frage, wie Technologien und Arbeitsprozesse gestaltet sein müssen, damit sie die Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Menschen fördern; aber auch, welche Auswirkungen die zunehmende Komplexität auf die Sicherheit und Zuverlässigkeit soziotechnischer Systeme hat.

Computerworld: Ihr Institut hat wohl gerade viel zu tun, denn die Systeme werden immer komplexer – Stichwort Industrie 4.0. Wie sehen Sie das künftige Verhältnis von Mensch und Technologie?

Toni Wäfler: Ich sehe es in einer geschickten Kooperation zwischen Mensch und Maschine. Technologie an sich macht noch keinen Konkurrenzvorteil aus, da mein Konkurrent dieselbe Technologie einsetzen kann. Der eigentliche Vorteil entsteht durch eine bessere Nutzung von Technologie. Die Art und Weise, wie man die Technologie in die eigenen Abläufe einbaut, wie die Mitarbeiter mit ihr umgehen und wie sie diese nutzen, macht den eigentlichen Unterschied aus, nicht die Technologie an sich.

CW: Trotzdem scheint die Rolle des Menschen gefährdet zu sein, schliesslich gibt es Prognosen, denen zufolge fast die Hälfte heutiger Jobs wegfallen werden?

Wäfler: Es gibt da ganz unterschiedliche Prognosen. Die einen sagen, dass die wenig qualifizierten Jobs von Technik ersetzt werden, dadurch aber besser qualifizierte Aufgaben entstehen, die auch arbeitspsychologisch sinnvoller für Menschen sind. Schlussendlich also ein positiver Effekt. Andere Szenarien besagen, dass eher die mittelqualifizierten Arbeitsplätze betroffen sein werden. Viele Studien gehen davon aus, dass mehr Jobs verloren gehen, als neue geschaffen werden. Wenn das zutrifft, wird die Politik neue Konzepte für die Zukunft der Arbeit entwickeln müssen. Persönlich sehe ich das aber optimistischer. Es gibt auch Studien, die allein für die produzierende Industrie in Deutschland einen Zuwachs von 390 000 Arbeitsplätzen infolge von Industrie 4.0 prognostizieren. Das deckt sich übrigens mit Erfahrungen aus der Vergangenheit: Technologieschübe haben schlussendlich immer zu mehr Beschäftigung geführt. Übrigens haben wohl noch nie so viele Leute in der Schweiz Beschäftigung gehabt wie heute – trotz aller Automatisierungswellen.

Nach wie vor gilt allerdings: Menschen und Maschinen funktionieren sehr unterschiedlich. Die Technik ist – zumindest beim heutigen Stand – bei gut strukturierten Problemen im Vorteil. Zwar wird Technik immer lernfähiger. Sie braucht aber viele Beispiele, an denen sie lernen kann. Bei der Bewältigung von Ausnahmesituationen und bei der Lösung wenig strukturierter Probleme sind Menschen besser. Sie können sehr gut mit unscharfen Informationen umgehen und erkennen auch bei viel Rauschen noch Strukturen. Darüber hinaus sind sie improvisationsfähig, können Erfahrungen aufbauen und auch etwas «im Gefühl» haben, ohne dass sie richtig wissen, warum. Hier scheitern Maschinen.

CW: Können Sie das anhand eines Beispiels illustrieren?

Wäfler: Nehmen wir eine für uns Menschen einfache Aufgabe wie das Abwaschen von Geschirr mit der Hand. Dazu ist derzeit noch kein Roboter in der Lage und wird dies auch in überschaubarer Zukunft nicht sein, wie selbst Robotik-Experten einräumen. Nur schon eine etwas anders geformte Tasse zu verarbeiten, überfordert ihn, während das für uns Menschen «Peanuts» ist. Der Roboter ist nur in den Bereichen stark und kann sich Dinge selbst beibringen, die sehr stark strukturiert sind. Umgekehrt gibt es Dinge, die für den Menschen schwierig und für eine Maschine einfach sind: Immer dann, wenn es viele Daten zu verarbeiten gilt oder viel gerechnet werden muss. Die Diskussion, ob die Maschine den Menschen ersetzen kann, also imitiert, was der Mensch bereits tut, steht für mich nicht im Vordergrund. Die Frage ist doch, ob wir wirklich so viel Geld in künstliche Intelligenz investieren sollen, um damit natürliche Intelligenz zu ersetzen. Sollten wir nicht eher mindestens gleich viele Mittel in die natürliche Intelligenz investieren – und noch viel mehr, um diese beiden zu kombinieren?

Zur Person

Prof. Dr. Toni Wäfler

ist Arbeitspsychologe am Institut Mensch in komplexen Systemen an der Hochschule für Angewandte Psychologie der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), dessen Leiter er von 2005 bis 2009 war. Er hat an der Universität Zürich Psychologie, BWL und Informatik studiert und am Institut für Arbeitspsychologie der ETH Zürich geforscht. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Sicherheit und Human Factors, Soziotechnische Systemgestaltung, Mensch-Technik/Computer-Interaktion, Organisationsentwicklung und Changemanagement.

www.fhnw.ch/personen/toni-waefler

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