«Die 190'000 Stellenanzeigen schöpfen wir kaum aus»

Die Rekrutierung von Talenten ist weiterhin eine grosse Herausforderung. Die Tage des klassischen Inserats sind aber gezählt, weiss JobCloud-CEO Renato Profico.

» Von Mark Schröder , 26.10.2017 11:00.

weitere Artikel

Sowohl Unternehmen als auch Bewerber kommen an den Schweizer Markführern Jobs.ch und Jobup.ch bei der Rekrutierung kaum vorbei. Diese komfortable Situation weiss der Betreiber JobCloud zu schätzen. Im Interview berichtet CEO Renato Profico aber auch, dass sich das Unternehmen nicht auf den Lorbeeren ausruht. Zukünftig soll Technologie den Inserenten und auch den Kandidaten bei der Suche helfen.

Computerworld: Haben Sie Ihre aktuelle Stelle über jobs.ch gefunden?

Renato Profico: Nein! [lacht] Leider nicht. Mit einer Ausnahme habe ich alle Jobs über Empfehlungen durch meinen Bekannten- oder Kollegenkreis gefunden. Die Ausnahme war Mitte der 1990er Jahre, als ich von der Berlitz Sprachschule zu American Express wechselte. Damals habe ich die Ausschreibung in der Zeitung gelesen und mich regulär mit Papierdokumenten beworben. Das hat geklappt. Seitdem ging es immer ohne explizite Ausschreibung respektive Bewerbung.

Erfahrungsgemäss geschehen circa 30 Prozent der Stellenbesetzungen über Weiterempfehlungen. Mittlerweile gibt es einige Software-Tools, die Mitarbeiterempfehlungen unterstützen. Deswegen hat sich JobCloud am Spezialisten firstbird beteiligt, der seinen Sitz in Österreich hat.

Wie lässt sich die persönliche Empfehlung digital abbilden?

Die Firma firstbird hat dafür ein Cloud-basiertes Tool entwickelt. Damit kann ein Mitarbeiter offene Stellen des Arbeitgebers auf spielerische Art und Weise im Bekanntenkreis teilen. Er sammelt Punkte, wenn eine Person auf seine Empfehlung hin eingeladen wird, ein Vertragsangebot verschickt oder die Stelle tatsächlich besetzt wird. Die Aktivitäten werden im firstbird-System protokolliert. So kann die Personalabteilung später nachvollziehen, welchen Anteil Mitarbeiterempfehlungen in der Rekrutierung ausmachen. Wird eine vom Mitarbeiter empfohlene Person eingestellt, wird dem Mitarbeiter nach der Probezeit eine «Empfehlungsprämie» ausbezahlt. In Schweizer Firmen sind das typischerweise zwischen 1500 und 2500 Franken. Bei schwierig zu besetzenden Stellen kann die Prämie durchaus auch bei 10'000 Franken liegen.

«Nach 18 Jahren würde ich mich erstmals darauf festlegen, dass die Tage der Print-Inserate gezählt sind»

Renato Profico, CEO JobCloud

Welche Zukunft geben Sie der gedruckten Jobannonce?

Das ist eine sehr gute Frage. [lacht] Ich bin nun 18 Jahre im Rekrutierungsmarkt. Kurz vor der Jahrtausendwende waren Print-Stelleninserate der einzige Weg, Mitarbeiter zu rekrutieren. Dieses Geschäft hatte ein Volumen von ungefähr 600 Millionen Franken. Erst langsam kam das Internet auf. Monster war mit dem Markteintritt 1995 ein Pionier in den USA. In Europa folgten danach Jobportale wie beispielsweise Jobpilot.de in Deutschland und eben jobs.ch in der Schweiz. Die Online-Stellenbörsen sorgten um die Jahrtausendwende dafür, dass sich das Medium für die Rekrutierung änderte. Anfangs wurden tatsächlich die Print-Stellenanzeigen – teils als PDF und Word – 1:1 ins Netz gestellt. An dem dahinterliegenden Rekrutierungsprozess änderte sich quasi nichts, abgesehen von den massiv tieferen Kosten für die Online-Stellenausschreibungen. Die vergleichsweise geringe Prozess-Veränderung hat ihren Teil dazu beigetragen, dass Print-Ausschreibungen heute so gut wie keine Rolle mehr spielen.

Nach 18 Jahren würde ich mich jetzt erstmals darauf festlegen, dass die Tage der Print-Inserate gezählt sind. Ein guter Indikator ist das Volumen, das von 600 Millionen auf mittlerweile zwischen 30 und 40 Millionen Franken gesunken ist.

Zur Person: Renato Profico

ist seit Januar 2015 CEO von JobCloud. Seit 2008 arbeitet er im Unternehmen. Angefangen hat er als Head of Business Development und hat sich zum Head of Sales weiterentwickelt. Zuvor war der Walliser während fünf Jahren Country Manager bei Monster. Die Jahre davor hatte Profico verschiedene leitende Funktionen in internationalen und nationalen Unternehmen inne, unter anderem von 1999 bis 2002 bei der Internet-Marketingagentur Swissclick. Von 1997 bis 1999 war er als Project Manager bei Bluewin tätig.

Nächste Seite: Wie Rekrutierung nicht funktioniert

Werbung

KOMMENTARE

Keine Kommentare

KOMMENTAR SCHREIBEN

*
*
*
*

Alles Pflichfelder, E-Mail-Adresse wird nicht angezeigt.

Die Redaktion hält sich vor, unangebrachte, rassistische oder ehrverletzende Kommentare zu löschen.
Die Verfasser von Leserkommentaren gewähren der NMGZ AG das unentgeltliche, zeitlich und räumlich unbegrenzte Recht, ihre Leserkommentare ganz oder teilweise auf dem Portal zu verwenden. Eingeschlossen ist zusätzlich das Recht, die Texte in andere Publikationsorgane, Medien oder Bücher zu übernehmen und zur Archivierung abzuspeichern.