Linux-Server in Verkleidung

Die Firma Collax propagiert ihre Linux-Server als Systeme, die sich ohne Linux-Kenntnisse administrieren lassen. Ein Anspruch, der durchaus aufgeht, wenn bestimmte Voraussetzungen geschaffen sind.

  

» Von Andreas Heer, 24.04.2006 18:06. Letztes Update, 24.04.2006 18:07.

Linux hat sich als Server-Betriebssystem auch hierzulande etabliert. Doch manche Projekte mit der Open-Source-Umgebung scheitern, weil das benötigte Fachwissen fehlt. Das kann etwa dann der Fall sein, wenn die Administratoren zwar kompetent sind, ihr Know-how sich aber auf die Microsoft-Welt beschränkt. Umschulungen sind jedoch teuer und zeitintensiv. An eine solche Klientel richtet sich die deutsche Firma Collax mit ihren Linux-Serverangeboten, die früher unter der Bezeichnung Ben-Hur fungierten. Sie unterscheiden sich in einem Punkt wesentlich von Konkurrenzprodukten aus den Häusern Novell/Suse oder Red-Hat. Collax-Server werden vollständig über eine webbasierte Oberfläche verwaltet. Linux-Kenntnisse sind für Einrichtung und Betrieb nicht notwendig. Der Werbeslogan «Simply Linux», mit dem die Herstellerin ihre Produkte bewirbt, ist aber zu einem gewissen Grad irreführend. Denn die Komplexität der Materie bleibt auch bei Collax-Produkten erhalten. Die Einrichtung von Fileserver, Firewall und ähnlichem verlangt generell nach dem entsprechenden Fachwissen und guten Netzwerk-Kenntnissen. Da spielt es keine Rolle, ob das Betriebssystem nun von Microsoft, Novell oder eben Collax stammt.

Software und Appliances

Derzeit sind zwei Varianten erhältlich, der Business- und der Open-Xchange-Server. Beim ersten handelt es sich um eine Allzweckumgebung, die von der Funktionalität vergleichbar ist mit einem Enterprise-Server von Suse oder Red-Hat. Der Business-Server eignet sich als File- und Printserver im lokalen Netz, für Internet- oder Intranet-Dienste sowie als Firewall respektive Gateway. Dagegen konzentriert sich die Open-Xchange-Ausführung auf Kommunikation und Zusammenarbeit. Sie integriert die gleichnamige Java-basierte Groupware sowie Mailfunktionen, lässt sich aber auch als Fileserver einsetzen. Daneben bietet Collax die Linux-Umgebungen im Paket mit Server-Appliances an. Diese stammen von Pyramid, mittlerweile ist auch eine Kombination mit HP-Servern erhältlich.

Als Linux-Fundament kommt bei Collax eine Metadistribution namens Pynix zum Einsatz. Sie basiert im Wesentlichen auf Debian und enthält auch dessen Paketverwaltung für Installation und Aktualisierung von Software. Dieses System gilt als ausgereift und weniger anfällig für Konflikte bei Paket-Abhängigkeiten als RPM (Red Hat Package Manager), das Suse wie Red-Hat verwenden. Der Linux-Kernel kommt in Version 2.4 zum Einsatz und nicht in der aktuellen Ausgabe 2.6. Für die einzelnen Server-Aufgaben kommen ausschliesslich Open-Source-Komponenten zum Einsatz. Hierin unterscheidet sich der Collax-Server nicht von anderen Linux-Distributionen. Die Benutzer werden in einem LDAP-Verzeichnis (Lightweight Directory Access Protocol) verwaltet, wobei auch eine Integration in ein bestehendes Active-Directory möglich ist. Der eigentliche Unterschied zwischen einem Collax-Server und anderen Linux-Distributionen liegt nicht in der eingesetzten Basissoftware, sondern in der rein webbasierten Verwaltung. Der Test konzentriert sich deshalb auf die Installation und Bedienung und nicht auf die einzelnen Einsatzmöglichkeiten.

Schnelle Installation

Zwei verschiedene Collax-Umgebungen unterzogen sich der Prüfung: eine Appliance 100 mit vorinstalliertem Business-Server und die Open-Xchange-Variante als reines Softwarepaket. Die Hardware-Konfiguration war dank vorinstalliertem System schnell aufgesetzt. Über das LCD-Panel und die Bedienertasten an der Vorderseite des Geräts wurde die IP-Adresse der Netzwerkumgebung entsprechend gesetzt und danach die Appliance mit dem Ethernet verbunden. Es war nicht nötig, Bildschirm und Tastatur für die Erstkonfiguration anzuschliessen. Die weitere Einrichtung erfolgte über die webbasierte Oberfläche.


Von der Hardware selbst war kaum etwas zu hören. Das mit einem Celeron-Prozessor mit 2,4 GHz und einem GByte RAM bestückte Testexemplar zeichnete sich durch einen leisen Betrieb ohne störend laute Lüftergeräusche aus. Es eignet sich für schätzungsweise zehn bis 100 Benutzer, der effektive Wert hängt vom Einsatzzweck ab. Ein Fileserver etwa beansprucht mehr Hardware-Ressourcen als ein reiner Mailserver. Doch auch wenn die Installation von Grund auf erfolgt, ist der Vorgang schnell erledigt. Das Einrichten eines Open-Xchange-Servers in einer VM-Ware-Server-Umgebung entpuppte sich als unproblematisch. Der einzige manuelle Eingriff bestand darin, die Netzwerk-Parameter wie IP-Adresse und Netzmaske zu setzen. Ansonsten erfolgte die Installation inklusive Hardware-Erkennung und Festplatten-Partitionierung selbständig. Nach dem abschliessenden Neustart war der Server für die weitere Konfiguration über einen Webbrowser erreichbar. Die Aufteilung der Festplatten erfolgt nach einem vorgegebenen Schema. Hierbei arbeitet der Collax-Server mit logischen Laufwerken, so dass sich bei Bedarf zusätzliche Disks einbinden lassen.

Browser-Administrator

Die eigentliche Konfiguration erledigt der Administrator über den Webbrowser und eine verschlüsselte Verbindung zum Server. Die Benutzeroberfläche ist schlicht gehalten und klar gegliedert, so dass man sich recht schnell zurechtfindet. Für grundlegende Einstellungen wie die Eintragung von Domain-Name-Servern und Standard-Gateway oder bei der Benutzerverwaltung helfen Assistenten. Beim letzten Punkt bietet sich die Möglichkeit, vorhandene Einträge aus einer Tabelle zu importieren. Umgekehrt stellt der Collax-Server eine Vorlage im Excel-Format bereit, um Benutzer bequem ausserhalb der Administrationsumgebung zu erfassen und anschliessend zu importieren. Zu jeder Einstellung steht per Mausklick eine Onlinehilfe bereit, die im HTML-Format auf dem Server gespeichert ist. Der Inhalt entspricht demjenigen der Handbücher im PDF-Format, die von der Collax-Website heruntergeladen werden können. Allerdings ist die Dokumentation etwas bescheiden ausgefallen. Sie beschreibt nur die einzelnen Einträge in der Verwaltungsumgebung. Nützlich wäre etwa eine Hilfe, die das konkrete Vorgehen beschreibt, um den Server für bestimmte Aufgaben herzurichten. Hier dürfte sich Collax durchaus eine Scheibe bei Red-Hat abschneiden.

Sämtliche Einstellungsmöglichkeiten stehen über die Web-Oberfläche bereit, und Logdateien und Statusmeldungen sind ebenfalls mit dem Browser abrufbar. Änderungen an der Konfiguration werden nicht automatisch aktiviert, sondern müssen vom Administrator ausgelöst werden. Die Einstellungen lassen sich zudem exportieren, was für Backup-Zwecke oder das Aufsetzen weiterer identischer Server nützlich ist.

Zertifiziert: Collax-Appliance 100.
Zertifiziert: Collax-Appliance 100.
Doch ganz ohne Schwierigkeiten gelang die Konfiguration der beiden Collax-Server nicht. Probleme bereitete insbesondere die Registrierung der Lizenznummer, was erst den Zugriff auf den Update-Server erlaubt. Bei den Testumgebungen gelang dieses Vorhaben erst nach mehreren Versuchen und einem zwischenzeitlichen Neustart. Hier zeigte sich die vielleicht grösste Schwachstelle des Collax-Prinzips. Dadurch, dass die eigentliche Linux-Umgebung verborgen bleibt, fehlt es an Transparenz. Dies wiederum erschwert die Fehlersuche. Der Zugriff auf die Shell ist zwar übers Netzwerk und eine SSH-Verbindung (Secure Shell) möglich, aber nur beschränkt hilfreich. Die Konfiguration lässt sich auf diesem Weg nicht dauerhaft beeinflussen. Immerhin zeigte sich in dieser Situation der Collax-Support von einer guten Seite. Er reagierte schnell und kompetent. Über den Installationssupport und den SSH-Zugang besteht zudem die Möglichkeit, dass ein Techniker den Server übers Netz überprüft.

Linux für Windows-Admins


Vom Ansatz und der Umsetzung her gefallen die Collax-Server - sofern die Voraussetzungen stimmen: Die Linux-Umgebungen richten sich an Administratoren, die keine oder nur grundlegende Kenntnisse des freien Betriebssystems besitzen, aber in Netzwerk-Angelegenheiten sattelfest sind. In der Unix-Welt beheimatete Spezialisten werden das Collax-System aber als zu enges Korsett empfinden und eine klassische Linux-Distribution bevorzugen. Zudem können auch in einer solchen Umgebung Probleme auftreten, die sich nur über die Kommandozeile lösen lassen. Das bedingt, dass entweder das benötigte Linux-Fachwissen aufgebaut oder ein umfangreicher Supportvertrag abgeschlossen wird. Unter den oben erwähnten Voraussetzungen sind die beiden Collax-Server aber interessante Angebote für Unternehmen, die Linux einsetzen möchten, ihr Fachwissen aber auf andere Systeme wie Windows abgestüzt haben.

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