Interview 20.01.2016, 08:43 Uhr

«Wir müssen die Hälfte der Wirtschaft neu erfinden»

Gigantische Umwälzungen kommen durch die Digitalisierung auf uns zu. Im Interview mit Computerworld erklärt Dirk Helbing, Professor für Computational Social Science an der ETH Zürich, welche Gefahren und Chancen dabei bestehen.
«Man könnte das Internet der Dinge als Bürgernetzwerk betreiben»
(Quelle: Stefan Walter/Computerworld)
Computerworld: Die Digitalisierung der Wirtschaft und Industrie 4.0 sind in aller Munde. Was sind ihrer Meinung nach die Hauptmerkmale dieser Entwicklung?
Dirk Helbing: Treibende Kraft ist ganz klar das Internet der Dinge. Denn damit wird es sozusagen möglich, Objekte und Maschinen mit "Sinnen" auszustatten, die ihre Umgebung wahrnehmen und adaptiv auf diese reagieren können. Letzten Endes wird es möglich sein, selbst-organisierende Systeme zu schaffen. Da werden wir sehr erstaunliche Entwicklungen sehen in den nächsten Jahrzehnten. Insgesamt möchte ich das Thema Industrie 4.0 aber in einen weiteren Rahmen stellen. Wir sehen eigentlich die Entstehung einer Ökonomie 4.0 und einer Gesellschaft 4.0. Beide werden sich stark unterscheiden von dem, was wir heute kennen. Sehr viele der heutigen Arbeitsplätze werden verschwinden. Im Grunde genommen wird alles auf den Prüfstand gestellt, alle Branchen, alle Institutionen. Es wird einen massiven Umbruch geben in der Art und Weise, wie unsere Gesellschaft organisiert ist. Eine riesige Herausforderung, sicherlich, aber letzten Endes erforderlich, um wirklich grosse Probleme wie den Klimawandel überhaupt bewältigen zu können.
Computerworld: Manche vergleichen die jetzige Zeit mit der industriellen Revolution, die schliesslich auch zu sozialen Umwälzungen bis hin zu Krieg und Totalitarismus geführt haben. Droht uns diesmal Ähnliches?
Helbing: Diese Frage treibt mich auch um. Öffnet man nämlich das Geschichtsbuch, dann sieht man, dass solche Transformationen immer einhergegangen sind mit Finanz- und Wirtschaftskrisen sowie Revolutionen und Kriegen, in denen Millionen von Menschen gestorben sind. Das sind Dinge, die diesmal unbedingt zu vermeiden sind. Es geht darum zu beweisen, dass wir Menschen wirklich so smart sind, wie wir glauben, und dass wir es diesmal besser machen können.
Computerworld: Sie haben also Hoffnung…
Helbing: Teilweise ja, es gibt aber auch Alarmzeichen wie die Finanz- und Wirtschaftskrise oder hinsichtlich der Fragilität des globalen Friedens, auch des sozialen Friedens in Europa.
Zur
Prof. Dr. Dirk Helbing
ist an der ETH Zürich Professor für Computational Social Science . Daneben ist er Mitglied der Expertengruppe «Zukunft der Datenbearbeitung und Datensicherheit» des Bundes. Im November 2015 ist sein Buch «The Automation of Society Is Next: How to Survive the Digital Revolution» erschienen, das hier als PDF heruntergeladen werden kann.



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