Interview: «Wir müssen die Hälfte der Wirtschaft neu erfinden»

Gigantische Umwälzungen kommen durch die Digitalisierung auf uns zu. Im Interview mit Computerworld erklärt Dirk Helbing, Professor für Computational Social Science an der ETH Zürich, welche Gefahren und Chancen dabei bestehen.

» Von Jens Stark , 20.01.2016 08:43.

weitere Artikel

Bildergalerie

Bildergalerie

Computerworld: Die Digitalisierung der Wirtschaft und Industrie 4.0 sind in aller Munde. Was sind ihrer Meinung nach die Hauptmerkmale dieser Entwicklung?

Dirk Helbing: Treibende Kraft ist ganz klar das Internet der Dinge. Denn damit wird es sozusagen möglich, Objekte und Maschinen mit "Sinnen" auszustatten, die ihre Umgebung wahrnehmen und adaptiv auf diese reagieren können. Letzten Endes wird es möglich sein, selbst-organisierende Systeme zu schaffen. Da werden wir sehr erstaunliche Entwicklungen sehen in den nächsten Jahrzehnten. Insgesamt möchte ich das Thema Industrie 4.0 aber in einen weiteren Rahmen stellen. Wir sehen eigentlich die Entstehung einer Ökonomie 4.0 und einer Gesellschaft 4.0. Beide werden sich stark unterscheiden von dem, was wir heute kennen. Sehr viele der heutigen Arbeitsplätze werden verschwinden. Im Grunde genommen wird alles auf den Prüfstand gestellt, alle Branchen, alle Institutionen. Es wird einen massiven Umbruch geben in der Art und Weise, wie unsere Gesellschaft organisiert ist. Eine riesige Herausforderung, sicherlich, aber letzten Endes erforderlich, um wirklich grosse Probleme wie den Klimawandel überhaupt bewältigen zu können.



Computerworld: Manche vergleichen die jetzige Zeit mit der industriellen Revolution, die schliesslich auch zu sozialen Umwälzungen bis hin zu Krieg und Totalitarismus geführt haben. Droht uns diesmal Ähnliches?

Helbing: Diese Frage treibt mich auch um. Öffnet man nämlich das Geschichtsbuch, dann sieht man, dass solche Transformationen immer einhergegangen sind mit Finanz- und Wirtschaftskrisen sowie Revolutionen und Kriegen, in denen Millionen von Menschen gestorben sind. Das sind Dinge, die diesmal unbedingt zu vermeiden sind. Es geht darum zu beweisen, dass wir Menschen wirklich so smart sind, wie wir glauben, und dass wir es diesmal besser machen können.

Computerworld: Sie haben also Hoffnung…

Helbing: Teilweise ja, es gibt aber auch Alarmzeichen wie die Finanz- und Wirtschaftskrise oder hinsichtlich der Fragilität des globalen Friedens, auch des sozialen Friedens in Europa.

Computerworld-Sonderausgabe «Swiss Leader»

Wie reagieren Schweizer C-Level-Manager auf disruptive Geschäftsmodelle? Welche Folgen hat die «Uberisierung» auf Wirtschaft und Unternehmen? Diese Fragen und mehr beantwortet das Computerworld-Sonderheft «Swiss Leader». Dieses können Sie auch als Einzelheft zum Preis von 20 Franken (inkl. Versandspesen) online auf Computerworld.ch bestellen.

Nächste Seite: So verändert sich der Arbeitsmarkt

Werbung

KOMMENTARE

Helmut H.: 20-01-16 21:12

Der Mann hat echt einen Knall. Selbstfahrende Autos wird kein Mensch akzeptieren. Das hätten sie wohl gern, diese Bürokraten und Professoren! Deren Gehalt auch noch von den Steuerzahlern bezahlt wird. Es wird vielmehr eine Gegenbewegung geben - weg von der Digitalisierung zurück zum wirklichen Leben!

KOMMENTAR SCHREIBEN

*
*
*
*

Alles Pflichfelder, E-Mail-Adresse wird nicht angezeigt.

Die Redaktion hält sich vor, unangebrachte, rassistische oder ehrverletzende Kommentare zu löschen.
Die Verfasser von Leserkommentaren gewähren der NMGZ AG das unentgeltliche, zeitlich und räumlich unbegrenzte Recht, ihre Leserkommentare ganz oder teilweise auf dem Portal zu verwenden. Eingeschlossen ist zusätzlich das Recht, die Texte in andere Publikationsorgane, Medien oder Bücher zu übernehmen und zur Archivierung abzuspeichern.