Gotthard-Basistunnel: Wie die SBB Empfangsprobleme lösen wollen

Heute wird der Gotthard Basistunnel eröffnet. Er soll nicht nur ein verkehrstechnisches, sondern auch ein technologisches Vorzeigeprojekt sein.

» Von Fabian Vogt , 01.06.2016 11:06.

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Heute wird der Gotthard Basistunnel eröffnet. Mit 57 Kilometern ist es der längste Eisenbahntunnel der Welt, 17 Jahre dauerte die Bauzeit. Alleine die Eröffnungsfeier kostet acht Millionen Franken, unter anderem um Spitzenpolitiker wie Angela Merkel, François Hollande oder Matteo Renzi zu schützen. Doch auch im technischen Bereich wurde geklotzt, wie «Futurezone» berichtet.

3731 Kilometer Kabel für Stromversorgung und Datenübertragung wurden im Tunnel verlegt. Auf klassische Lichtsignale hat man verzichtet, sämtliche Informationen und Fahranweisungen werden per Funk zum Lokführer geleitet. In seiner Kabine sieht dieser, wie schnell er fahren kann und was vor ihm auf der Strecke geschieht. Im Tunnel sind gemäss «Futurezone» vier Stellwerke vorhanden. 928 Zugsensoren, 712 Achszähler sowie 426 Hauptsignal-Merktafeln sollen vorgesehen sein.

Überlappende Mobilfunkzellen

Weil die SBB verhindern möchten, dass auch im Gotthard eine Empfangsdebatte losgeht, sollen alle Passagiere ohne Unterbrechungen surfen und telefonieren können. Als Mobilfunknetze stehen GSM 900, GSM 1800, UMTS (3G) und LTE (4G) zur Verfügung. Salt, Sunrise und Swisscom haben versichert, auf der gesamten 57-Kilomter-Strecke Empfang zu bieten. Im Tunnel sind an bestimmten unterirdischen Service-Standorten Mobilfunkbasisstationen verteilt, weiss «Futurezone». Deren Signale werden über eine Glasfaser in den eigentlichen Tunnel geführt. Etwa jeden Kilometer soll eine Sendeeinheit mit Antenne hängen, welche die Signale ausstrahlt.

Eine ähnliche Technik wird auch oberirdisch verwendet. Da haben die Züge aber das Problem, dass sie zu schnell Zellen wechseln, weswegen es immer wieder zu Unterbrüchen bei der Verbindung kommt. Um dieses Problem im Gotthard zu verhindern, sollen sich die Mobilfunkzellen überlappen.

GSM-R für Zugpersonal

Auf Wlan verzichten die SBB weiterhin konsequent, das Angebot mit 3G und LTE soll in Zusammenarbeit mit den in den Zügen verbauten Repeatern genügen. Laut Einschätzung von «Futurezone» sollte die Mobilfunkabdeckung mit einer Senderdicht von rund einem Kilometer im Tunnel exzellent sein.

Lokführer und Zugpersonal verwenden die GSM-R Technik, das R steht für «Railroad». Dieser Standard ist für Eisenbahnen genormt und liegt unterhalb des ursprünglichen GSM-Bandes bei 800 MhZ. Der Lokführer kann dank eines sogenannten CAB-Radios aber auch im öffentlichen GSM-Band funken. In Zukunft soll das von Netzwerkausrüster ZTE initialisierte LTE-R-System verwendet werden, das aber in Europa noch nicht standardisiert ist. Die Schweizerischen Bundesbahnen haben mit Swisscom ein Roaming-Abkommen abgeschlossen, damit sie bei Bedarf auch über das öffentliche Swisscom-GSM-Netz funken können, schreibt «futurezone».

Auch die Kontrolleure funken im gemischten GSM-R und GSM-Betrieb. Pro Arbeitsgruppe muss mindestens ein GSM-R-Handy vorhanden sein, heisst es in den Sicherheitsvorschriften.

Ob die Massnahmen genügen, den Gotthard-Basistunnel zu einem technischen Wunderwerk zu machen, wird erst die Praxis zeigen. Am 11. Dezember 2016 soll der fahrplanmässige Betrieb gestartet werden. Die Fahrzeit im Neigezug von Zürich nach Mailand soll durch den Tunnel zuerst um 30 Minuten und später um rund eine Stunde auf 2h40 verkürzt werden. Im Güterverkehr sollen mehr und (eventuell) schwerere Züge schneller die Alpen durchqueren können und dadurch nicht nur den zeitweilig überlasteten Gotthard-Strassentunnel, sondern die gesamte Nord-Süd-Achse vom stark wachsenden Schwerverkehr entlasten – ein wichtiger Schritt in der wegen der Alpeninitiative durch die Verfassung vorgeschriebenen Verlagerung des Schwerverkehrs auf die Schiene.

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