Erotik wird die Virtuelle Realität vorantreiben

Virtuelle Realität, intelligente Prothesen, implantierte Chips: Die schöne neue Digitalwelt wird auch diesmal auf der CeBIT in Hannover im Fokus stehen. In der Technologie steckt grosses Potenzial, glaubt ein Kölner Psychologe. Er warnt aber auch vor den Risiken.

» Von dpa, 16.03.2017 15:26.

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Auf der CeBIT 2017 wird unter anderem die Technologie, mit der Nutzer komplett in eine virtuelle Umgebung eintauchen können, im Fokus stehen. Sie dürfte ähnlich wie einst die VHS-Videos durch die Sex-Industrie befeuert werden, meint Psychologe Stephan Grünewald vom Kölner Rheingold-Institut.

Architekten, Künstler, Musiker und Händler haben die Virtuelle Realität für sich entdeckt. Auch die Porno-Industrie experimentiert damit. Ist sie Wachstumstreiber oder nur ein Nebeneffekt?

Stephan Grünewald: Ganz klar ein Wachstumstreiber. Sex sells - auch in der Digitalwelt. Was früher Tagträume waren, findet jetzt im dreidimensionalen Raum der Virtuellen Realität seine Entsprechung. Es ist ein uraltes menschliches Bedürfnis, sich eine totale Verfügbarkeit zu schaffen, denn in der realen Welt gibt es ja immer wieder Hindernisse zu überwinden. Die grosse Gefahr bei der Virtuellen Realität besteht im hohen Suchtpotenzial und einer Entkopplung von der realen Welt. In unseren Tiefeninterviews beklagen sich häufig Frauen darüber, dass Männer sich zu sehr in virtuelle Refugien zurückziehen. Die Sexualität ist ja etwas, das uns unter Spannung setzt. Und die Tendenz ist gross, Spannungssituationen nicht nur im sexuellen Bereich, sondern etwa beim Ärger mit dem Chef im virtuellen Raum abzubauen. Die Sexualität steht somit in Gefahr, sich unter Ausschluss der Frau vom Schlaf- ins Arbeitszimmer zu verlagern.

Welche gesellschaftlichen Trends löst die Digitalisierung aus?

Grünewald: Wir haben überlagernde Trends bei der Digitalisierung. Sie gaukelt uns eine Gott-gleiche Allmacht vor, bei der wir über Apps unsere Vorstellungswelt vorkonfigurieren können. Deshalb spreche ich auch vom «Digitalen App-Solutismus». Wir verfügen heute quasi über neue Körperteile, die wir als Wearables oder auch als implantierten Chip unter der Haut tragen können. Bereits das Smartphone ist ein Zepter der Macht, das uns per Fingerwisch auf dem Display potenzielle Allmacht zu bescheren scheint. Die Möglichkeit, alle Lebensbereiche digital steuern und kontrollieren zu können, vermittelt uns das Gefühl, die Welt zu beherrschen und vor Schicksalsschlägen gefeit zu sein. Wir träumen von einer digital perfektionierten Welt ohne Unfälle, Krankheiten und leere Kühlschränke.

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