«Blockchain ist ein Hype»

» Von Peter Rüegg, ETH News, 22.09.2017 14:30.

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Braucht es dann noch Banker?

Auch dieses Berufsbild wird sich verändern. Ich persönlich glaube, dass die Digitalisierung in Zukunft viele Berufe verändert, viele Jobs wird es nicht mehr brauchen. Überall dort, wo Maschinen die Arbeit besser machen als der Mensch, werden Arbeitsplätze verschwinden. Die Blockchain ist nur ein Aspekt dieser Digitalisierung, es gibt viele andere Aspekte. Mich interessiert: Wie funktioniert die Gesellschaft, wenn künftig nur noch ein Drittel der Menschen Arbeit hat?

Halten Sie die aktuelle Vollbeschäftigung für ein Auslaufmodell?

Ja, Vollbeschäftigung ist passé. Ich bin überrascht, dass dies von der Politik nicht stärker thematisiert wird. Die Politik behauptet einfach, es gäbe dann genug neue Jobs. Da bin ich mir nicht so sicher.

Das wird interessant – oder erschreckend?

Es wird interessant. Die Politik sollte den Sozialstaat der Zukunft diskutieren. Was steht Menschen in der Schweiz zu, gibt es ein Grundeinkommen? Und falls ja, was beinhaltet dieses Grundeinkommen? Und wie wird dieses Grundeinkommen finanziert? Über den Staatshaushalt mit weiteren Steuern oder via Geldschöpfung über die Nationalbank?

Was ist für Sie der Horizont der Digitalisierung?

Die Welle rollt warscheinlich schon, aber das ist nicht gut sichtbar. Die Schweiz ist bereits ein Hightechland; sie ist seit der Finanzkrise wirtschaftlich noch stärker geworden. Wir merken noch nicht so viel von der Digitalisierung. Es ist eher so, dass weitere Hightech-Arbeitsplätze in der Schweiz entstehen, zum Beispiel bei Google. Aber in Ländern wie Spanien und Griechenland ist die Krise auf dem Arbeitsmarkt bereits Realität. Diese Länder spüren schon, wie sich eine hohe Arbeitslosigkeit auf den Alltag und die Gesellschaft auswirkt.

Sind das nicht einfach diffuse Ängste?

Ich glaube nicht. Es gibt da verschiedene Indizien. Ein Beispiel ist die Lohnquote, also der Lohnanteil am Umsatz, die seit 25 Jahren sinkt. Ein anderes Beispiel ist die Arbeitslosigkeit. Die offizielle Arbeitslosenquote misst ja nicht die wirkliche Arbeitslosigkeit, sondern eher die «neue» Arbeitslosigkeit. Ein alternatives Mass ist die sogenannte Erwerbsbeteiligung. Diese gibt an, wie viele Menschen im Erwerbsalter einer bezahlten Arbeit nachgehen. In der Schweiz ist diese Rate hoch und ausgesprochen stabil. Aber weltweit sinkt sie; nur langsam, aber dafür kontinuierlich, ebenfalls seit 25 Jahren! Dafür gibt es viele Gründe, zum Beispiel die ansteigende Lebenserwartung. Ich glaube aber, dass sinkende Lohnquote und Erwerbsbeteiligung wenigstens teilweise Indizien der Digitalisierung sind.

Zur Person
Roger Wattenhofer (Jahrgang 1969) ist seit 2001 Professor für Verteilte Systeme an der ETH Zürich. Er interessiert sich seit rund fünf Jahren für Bitcoin und die Blockchain. Er hat zum Thema das Buch «Distributed Ledger Technology» veröffentlicht.

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