«Wir haben die Konkurrenz weitgehend eingeholt»

Raiffeisen-CEO Patrik Gisel und sein IT-Chef Rolf Olmesdahl sprachen mit Computerworld über die Erneuerung des Kernbankensystems, warum Avaloq «too big to fail» ist und wie sich das Bankengeschäft verändern wird.

» Von Mark Schröder, Fabian Vogt , 19.01.2017 12:30.

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Das «Rainbow»-Projekt ist eines der grössten Informatikvorhaben der Schweiz. Damit erneuert die  Raiffeisen Gruppe als Nummer drei im Schweizer Finanzmarkt ihr Kernbankensystem. Über das Projekt, die Chancen und Herausforderungen durch die Genossenschaftsorganisation und monatliche Jogging-Meetings sprechen der Geschäftsleitungsvorsitzende Patrik Gisel und der IT-Departementsleiter Rolf Olmesdahl.

Computerworld: Wo sehen sie die Raiffeisen-IT im Vergleich zur Konkurrenz?

Rolf Olmesdahl: Vielleicht zunächst zur Orientierung: Die IT bei Raiffeisen lässt sich in vier Themengebiete aufteilen. Die Infrastruktur werden wir bis Mitte des nächsten Jahres weitgehend erneuert haben, auch im Hinblick auf die Ablösung des Kernbankensystems. Damit rangieren wir dann im ersten Drittel des Schweizer Markts.

Das zweite Thema ist unser Kernbankensystem. Es ist sehr alt und funktional nicht mehr mit der Konkurrenz vergleichbar. Hier hinken wir dem Markt hinterher. Im Rahmen des Projekts «Rainbow» erneuern wir dieses Kernsystem. Beim dritten Themengebiet, den Applikationen zur Beratungsunterstützung, können wir nur zum Teil mithalten. Eine Kunden- und Produktberatung mit einem Tablet ist zum Beispiel zurzeit noch nicht umfassend möglich. Dafür fehlt uns einerseits das entsprechende Kernbankensystem und andererseits die Applikationen. An den Applikationen bauen wir seit etwa einem Jahr. An der Kundenschnittstelle, dem vierten Themengebiet, gehören wir mit unserem E-Banking-System zu den führenden Anbietern. Mit mehr als einer Million Nutzern betreiben wir auch eines der grössten E-Banking-Systeme des Landes. Wir haben in den letzten zwölf Monaten ausserdem einige neue Digitalisierungskomponenten bereitgestellt und den Rückstand gegenüber der Konkurrenz nun weitgehend aufgeholt.

Den Nachholbedarf adressieren wir einerseits mit der Erneuerung des Kernsystems, andererseits mit Investitionen in die Digitalisierung und Beratungsunterstützung. In beiden Bereichen haben wir in diesem Jahr etwa gleich viel Geld ausgegeben.

Können sie die beiden Investitionssummen beziffern?

Olmesdahl: In den einen Bereich haben wir knapp über 100 Millionen Franken investiert, in den anderen knapp unter 100 Millionen Franken.

Herr Gisel, welche Erwartungshaltung haben sie als Vorsitzender der Geschäftsleitung an die IT?

Patrik Gisel: Eine Bank ist eine Produktionsstätte mit drei zentralen Produktionsfaktoren: Kompetenz und Menschen, IT und Systeme, sowie Vertrauen. Dabei ist die Bedeutung der IT in den letzten 20 bis 30 Jahren sehr viel grösser geworden. Früher konnte ein guter Berater mit seiner Kenntnis von Märkten und Produkten bereits hohe Gewinne erzielen. Das funktioniert heute nicht mehr. Der Banker benötigt Unmengen an Informationen über die Märkte, Produkte und den Kunden, damit er ein vergleichbares Ergebnis erzielen kann. Dafür benötigt er zwingend die Unterstützung des Computers.

Im speziellen Fall der Raiffeisen Gruppe mit ihrem weit verzweigten Netz von knapp 980 Standorten müssen die Informationen überall verfügbar sein. Somit ist die IT zentral für das Geschäft von Raiffeisen.

Wie häufig treffen sich CEO und CIO?

Gisel: Zum Sport oder geschäftlich? (lacht)

Olmesdahl: Das kann man nicht trennen. (lacht) Wir haben uns heute Morgen sehr früh zum Laufen getroffen. Wir nennen das «Jogging-Bila»; wir laufen gemeinsam und sprechen dabei fast ausschliesslich über Geschäftsthemen.

Wie häufig finden diese Jogging-Runden statt?

Olmesdahl: Früher häufiger, aktuell nur noch ein- bis zweimal pro Monat. Geschäftlich kommunizieren wir mehrfach pro Woche, manchmal sogar täglich. Dabei nutzen wir alle Kanäle: vom Telefon über WhatsApp bis zum persönlichen Gespräch.

Gisel: Abgesehen davon, stehen wir zwei- bis dreimal pro  Woche telefonisch in Kontakt. Zusätzlich trifft sich die Geschäftsleitung alle zwei Wochen für einen halben Tag. Im Rahmen des gemeinsamen Projekts mit Avaloq kommen wir ebenfalls regelmässig zusammen. Rolf leitet den Verwaltungsrat unserer Tochtergesellschaft Arizon und ich das Steering Committee des Rainbow-Programms. Auch hier ist die Abstimmung sehr eng.

Bei einer solch engen Zusammenarbeit: wie gut können sie sich mit ihren Anliegen zur TT durchsetzen?

Olmesdahl: Sowohl der Verwaltungsrat als auch die gesamte Geschäftsleitung unterstützen uns beim Thema IT enorm. Die Unterstützung betrifft nicht nur die Kernsystemerneuerung, sondern auch die Digitalisierung. Ich erlebe die Raiffeisen Gruppe als investitionsbereit. Wenn ein Thema gut vorbereitet ist, gut präsentiert wird und im Rahmen des jährlichen Budgets liegt, sind die Chancen hoch, dass ein Projekt realisiert wird.

Gisel: Wir thematisieren die IT bewusst stark, sowohl in der Geschäftsleitung als auch im Verwaltungsrat. Das hat einerseits mit der Erneuerung des Kernbankensystems zu tun, andererseits wollen wir aber auch für die Digitalisierung sensibilisieren. Geschäftsleitung und Verwaltungsrat müssen heute mehr von IT verstehen als noch vor zehn Jahren. Denn viele der potenziellen Geschäftsmöglichkeiten können sie erst erkennen, wenn sie einschätzen können, was die IT leisten kann.

Die Firma

Die Raiffeisen Gruppe ist die führende Schweizer Retailbank. Die dritte Kraft im Schweizer Bankenmarkt zählt 1,9 Millionen Genossenschafter sowie 3,7 Millionen Kunden. Die Gruppe ist an 977 Standorten in der Schweiz präsent. Die 270 rechtlich autonomen Raiffeisenbanken sind in der Raiffeisen Schweiz Genossenschaft zusammengeschlossen. Diese hat die strategische Führungsfunktion der gesamten Raiffeisen Gruppe inne. Die Bilanzsumme beläuft sich auf 214 Milliarden Franken.   www.raiffeisen.ch

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Raiffeisen-Informatik

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KOMMENTARE

Armin Heinzmann: 20-01-17 00:05

"Factory" ... wenn ich nur schon diesen Namen höre. 90% der Firmen, die in der Vergangenheit mit diesem Begriff auf dicke Hose gemacht haben, mussten schwere Verluste oder Rückschläge einstecken, weil sie nicht begriffen haben, dass Softwareentwicklung nicht gleich Fliessbandarbeit ist. Vermutlich wird es hier nicht anders sein.

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