28.08.2013, 16:58 Uhr

Viel Verunsicherung bei IT-Beschaffung

An der IT-Beschaffungskonferenz diskutierten 280 Vertreter aus Behörden, Beratungsfirmen und Anbietern die Einkaufspraxis der öffentlichen Hand. Die Nachwirkungen von Insieme waren noch präsent.
Marco Fetz vom BBL an der IT-Beschaffungskonferenz in Bern
Keine öffentliche Verwaltung in der Schweiz möchte wegen der Beschaffung von Informatik in die Kritik geraten. Mehr als ein Jahr nach dem Insieme-Skandal des Bundes ist die Verunsicherung in den Behörden und auch den ICT-Anbietern noch immer präsent. Ein Indiz: Nach 220 Interessierten im vergangenen Jahr kamen am Mittwoch 280 Teilnehmer an die IT-Beschaffungskonferenznach Bern. Ebenfalls bemerkenswert: Branchengrössen wie IBM, Microsoft oder SAP fehlten auf der Teilnehmerliste, nur Swisscom war wie im Vorjahr vor Ort. Ein bekanntes Gesicht an der Konferenz war Marco Fetz. Der Stellvertretende Leiter des Bereichs Logistik beim Bundesamt für Bauten und Logistik BBL wusste, welche Fortschritte die zentrale Beschaffungsstelle des Bundes beim Einkauf von Informatik seit Insieme gemacht hat. Neben den WTO-Varianten Dialogverfahren und strategische Partnerschaften prüft das BBL neu die Methoden Optionen und Sprint. Das erstere Verfahren setzt nach dem Zuschlag an: Auftraggeber und Lieferant vereinbaren einen (kleinen) Grundauftrag plus zusätzlich Optionen. Damit könne die Behörde die Notbremse ziehen, wenn die Kosten aus dem Ruder laufen. Für Fetz ebenfalls denkbar ist eine Realisierung ganz ohne Grundauftrag. «Das wäre ein Zuschlag auf nichts», meint er im Scherz. Denn dann würde das Projekt komplett mit Optionen umgesetzt. Der Sprint ist laut Fetz eine Variante der Optionen. Neben dem Grundauftrag würden wie bei der Projektmethode Scrum kurze Sprints eingelegt, also Kleinprojekte mit dem Anbieter realisiert. Werden die Ziele nicht erreicht, würde ein anderer Bieter zum nächsten Sprint herangezogen. Mit dieser Methodik will das BBL die Problematik teurer Nachträge lösen. Allerdings, schränkt Fetz im Gespräch mit Computerworld ein, hat sein Amt noch nicht viele Erfahrungen mit den neuen Methoden gesammelt. Allenfalls ändert sich das bis im nächsten Jahr.

Leitfaden IT-Beschaffung

Mehr Hilfestellung beim Einkauf von Informatik will der Branchenverband swissICT den ausschreibenden Behörden geben. Wie Reto Maduz von der swissICT-Fachgruppe «Lean, Agile & Scrum» an der Konferenz ankündigte, wird aktuell ein «Leitfaden IT-Beschaffung» ausgearbeitet. Der Fokus der Broschüre soll auf Standard- und Individual-Software, ihrer Wartung sowie Weiterentwicklung respektive Software as a Service liegen. Da 50 Prozent der öffentlichen Aufträge einen Wert von weniger als 1 Millionen Franken hätten, soll sich zudem auf «kleinere» Ausschreibungen konzentriert werden, wie Maduz weiter sagte. Einen Veröffentlichungstermin nannte er aber nicht. Die Herausforderungen der IT-Beschaffung sind nicht nur hierzulande gross. Professor Frédéric Jenny, Vorsitzender des Competition Law and Policy Committee bei der OECD, verwies darauf, dass sich beispielsweise die britische Wettbewerbsbehörde OFT (Office of Fair Trading) intensiv mit der Thematik befasst. «Würden wir in Frankreich zu einem solchen Anlass einladen, kämen nicht mal halb so viele Teilnehmer wie hier in Bern», zeigte er sich vom Zuspruch in der Schweiz beeindruckt. Allerdings seien die Fragestellungen und Herausforderungen von öffentlichen IT-Beschaffungen auch sehr speziell. Mit Themen wie Interoperabilität, Migrationsmöglichkeiten und Outsourcing müsse sich nur die Informatik befassen, erinnerte Jenny. Nächste Seite: Transparenz erwünscht Hierzulande stehen Informatikprojekte der Verwaltungen aktuell unter starker Beobachtung. Insieme ist ein Grund. Kontrollmechanismen sind aber installiert, neu wird aktiv an die Öffentlichkeit gegangen. Zuletzt hatte das BBL per Medienmitteilung über den Zuschlag für ein Migrations-Grossprojekt informiert. «Bei dem 22-Millionen-Freihänder war mir nicht wohl», gestand Jurist Fetz. Der Zuschlag ohne vorherige öffentliche Ausschreibung war mit einer Ausnahmeklausel im Beschaffungsgesetz begründet worden, die das Vorgehen des BBL legitimiert. Die Transparenz in der Beschaffung von Informatik ist aus Sicht des Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (EDÖB), Hanspeter Thür, ausreichend. «Wir haben genügend Instrumente für das Sicherstellen von Transparenz», meint der Experte. Zum Beispiel könne jeder Bürger oder jede Unternehmung die Behörden zum Offenlegen von Dokumenten auffordern.

Offenlegen von Lieferanten

Die Eidgenössische Finanzkontrolle EFK kann sich gleichfalls nicht beklagen. Sie hat vollen Zugriff auf sämtliche Informationen der Verwaltungen. Der stellvertretende EFK-Direktor, Michel Huissoud, wünschte sich an der Konferenz dennoch mehr Offenheit. Erstrebenswert sei etwa eine Liste aus jedem Amt mit allen Lieferanten, allen Aufträgen inklusive der jeweiligen Volumina. Wenn auch die Verträge unterhalb der WTO-Schwelle von rund 230'000 Franken aufgeführt würden, könnten Hoflieferanten einfacher identifiziert werden. In diese Kategorie will sich Astrid Blechschmidt, Head of Travel & Logistics bei T-Systems Schweiz, nicht einordnen lassen. Als Anbietervertreterin definierte sie Transparenz dann auch anders: Öffentliche Stellen legen Bewertungskriterien und Zuschlagsgründe bei Beschaffungen offen. Das würde T-Systems nachhaltiges Investieren ermöglichen und die mit der Ausschreibung befassten Mitarbeiter könnten für das nächste Verfahren lernen, sagte Blechschmidt. Die an der IT-Beschaffungskonferenz anwesenden ICT-Unternehmen dürften ihr zugestimmt haben.



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