Swisscom baut Netz für das Internet der Dinge

Das Internet der Dinge lässt sich nur kultivieren, wenn es massentaugliche Anwendungen gibt. Weil das eigene Mobilfunknetz dafür zu teuer ist, baut Swisscom ein neues Netz.

» Von Fabian Vogt , 16.03.2015 13:19.

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Dinge miteinander zu vernetzen, sie intelligent zu machen, ist ein Traum vieler. Das hat auch der diesjährige Mobile World Congress in Barcelona gezeigt, wo dutzende Startups und arrivierte Firmen sogenannte Machine-to-Machine (M2M)-Lösungen vorgestellt haben. Noch steckt dieses Geschäftsfeld aber in den Kinderschuhen. 99,4 Prozent aller physischen Objekte sind heute nicht miteinander vernetzt, sagt die Swisscom. Sie teilt den Wunsch vieler Unternehmen, die im ICT-Sektor arbeiten: Dass irgendwann 100 Prozent aller Dinge miteinander vernetzt sind. Tische, WC-Schüsseln, Hosen, egal was. Alles kann man intelligent machen, ist die Telco überzeugt. Ihr Problem: Das Mobile-Netz ist für diesen Plan nicht wirklich geeignet. Spezifische Anwendungen sind damit zwar durchaus realisierbar, doch die breite Masse erreicht man so nicht. Die Kosten für Hardware und der Energiebedarf für die Vernetzung der Produkte sind zu hoch. Die Lösung: Man baut ein eigenes Netz für die M2M-Kommunikation, das nicht auf SIM-Karten angewiesen ist.

1 Batterie für 5-10 Jahre

Das sogenannte «Low Power Network (LPN) » soll Gegenstände verbinden, die nur kleine Datenmengen austauschen und mit geringem Stromverbrauch auskommen. Was beispielweise bei Tracking-Funktionen der Fall ist. An dem Beispiel lässt sich auch der Vorteil des LPN erklären: Obwohl es schon diverse Tracking-Funktionen gibt, haben die zwei grosse Nachteile: Einerseits ist die Reichweite bei Bluetooth auf einige hundert Meter begrenzt, was wenig nützt, wenn ich beispielweise mein gestohlenes Fahrrad wiederfinden möchte. Andererseits ist der Stromverbrauch bei 3G/4G-basierten Lösungen relativ gross, so dass die Anwendungen im entscheidenden Moment versagen könnten. Man ahnt es: Beim LPN ist genau das Gegenteil der Fall. Mit einer Sendeleistung von maximal 25 Milliwatt soll eine Batterie reichen, um einen Sender – ein sogenannter Transponder -  5 bis 10 Jahre mit Energie versorgen zu können. Die Reichweite schafft Swisscom, indem sie überall in den Städten Gateways, eine Art Relaystation, verbaut. 25 Stück davon sollen reichen, die gesamte Stadt Genf bis in die Keller hinein vernetzen zu können. In Zürich werden im zweiten Quartal des Jahres 10 bis 15 dieser Gateways verbaut. Interessierte Städte, Unternehmen oder Organisationen können ihre M2M-Anwendungen dann über diese Gateways laufen lassen.

Anwendungsbeispiele sind beispielsweise ein intelligenter Briefkasten, der via Smartphone meldet, wenn Post gekommen ist. Ein System, das der Müllabfuhr signalisiert, welche Mülltonnen geleert werden müssen und wie voll die Säcke darin sind. Und ein «Smart-Parking-System», das dem Autofahrer anzeigt, an welchem Ort es noch freie Plätze gibt. Bei letzterem dürfte es aber Probleme geben, die Städte dafür zu begeistern. Einnahmen aus Parkbussen füllen schliesslich jedes Jahr die Kassen. 

Kommunikation als wichtiger Faktor

Swisscom dürfte, spätestens wenn das LPN im Sommer mit ersten Anwendungen in Genf und Zürich «live» geht, ein Gegenwind aus der Bevölkerung entgegenblasen. Antennen sorgen seit jeher für Gesundheitsdebatten. Und die Gateways (unterarmlange Boxen, etwa 30 mal 30 Zentimeter) stehen nicht auf irgendeinem Berg, sondern an Gebäuden, Kreuzungen, Sportplätzen oder bei Universitäten. Weil man aber das konzessionsfreie ISM 800 Band benutzt und die Strahlung maximal ein halbes Watt beträgt, seien solche Bedenken sachlich unbegründet, sagt Simon Prior, Projektleiter bei Swisscom für das LPN. 0,5 Watt, das entspreche etwa einem Wi-Fi, mit 100 Milliwatt bis einem Watt – je nach Frequenzband. Allerdings wird es die Aufgabe der Swisscom sein, dies den Menschen anschaulich zu erklären.

Das Risiko, welches Swisscom mit dem Netz eingeht, scheint klein. Der Aufbau des Pilotnetzes in Genf und Zürich kostete weniger als eine Million Franken. Gelingt es deshalb nicht rasch genug, ein funktionierendes Ökosystem aus Partnern, Herstellern und Kunden aufzubauen, ist finanziell erst einmal wenig verloren. Allerdings würde das bedeuten, dass Swisscom ihre M2M-Strategie überdenken muss. Denn von einem ist auch die Telco überzeugt: Nur mit auf SIM-Karten basierenden Systemen das Internet der Dinge einem Massenmarkt näher zu bringen, dürfte schwierig werden. Und das Low Power Network ist die vielversprechendste Lösung, welche Swisscom als Alternative im Portfolio hat.

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