Propulsion Academy: Programmieren in 3 Monaten

Ein Start-up will den Fachkräftemangel auf neue Art bekämpfen: Indem man in drei Monaten arbeitsmarktfähige Programmierer ausbildet.

» Von Fabian Vogt , 27.01.2017 16:23.

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Es gibt zu wenige Informatikerinnen und Informatiker in der Schweiz. Wahrlich keine neue Erkenntnis. Während die Mehrheit darüber vor allem lamentiert, handelt ein Start-up: Innerhalb von zwölf Wochen will die Propulsion Academy arbeitsmarktfähige Programmierer ausbilden. «Unsere Universitäten, Fachhochschulen und die ETH/ EPFL sind hervorragend,» sagt Firmengründer Laurent Meyer. «Doch trotzdem fallen viele Menschen durchs Raster, die als Informatiker arbeiten könnten.»

Meyer denkt vor allem an Menschen, die in der IT arbeiten wollen, aber bisher keine Möglichkeit erhielten. Etwa ehemalige ETH-Studenten, die abbrachen, weil ihnen die Ausbildung zu mathematiklastig war. Oder an Menschen, die eine Idee haben, aber nicht wissen, wie sie diese technisch umsetzen sollen.

Solche Kandidaten will Propulsion Academy in drei Monaten (und 60-Stunden-Wochen) zu arbeitsmarktfähigen Programmierern ausbilden. «Wir nehmen praktisch die ganze Theorie aus den Kursen raus und machen anwendungsorientierte Aufgaben», erklärt Meyer das Konzept. Seine Abgänger sollen dann die Chance haben, auf Junior- Stufe einzusteigen. Angeboten werden zu Beginn Kurse in den Bereichen Full Stack Development, Data Science und Mobile Development.

Vorhandene Skepsis...

Aber ist das Konzept überhaupt gefragt? Zwar sagt Meyer, sich bei der Gestaltung der Kurse intensiv mit Unternehmen ausgetauscht zu haben, doch Computerworld- Recherchen zeigen ein anderes Bild. Patrick Burkhalter, Verwaltungsratspräsident von Ergon Informatik: «Ich halte das Ganze für eine Schnellbleiche. Es erstaunt mich, dass ausgerechnet in der Informatik immer noch die Idee herrscht, Intelligenz und eine Anlehre genügten als Ausbildung. Für die Aufgabenstellungen in unserem Unternehmen ist jedenfalls eine solide Grundausbildung in Computer Science unabdingbar.»

Ähnlich klingt es bei der UBS: «Verkürzte Lehrgänge können gut sein, um unmittelbare und sehr spezifische Bedürfnisse abzudecken. Aber das Einsatzspektrum eines solchen Mitarbeiters ist begrenzt und er verfügt nicht über das Know-how, um für andere Aufgaben oder technologische Veränderungen gerüstet zu sein.» Programmiertätigkeiten auf dem Niveau von Junior Developers lagere die Bank tendenziell aus.

...und Pro-Argumente

Diesen Kritiken entgegnet Prof. Dr. Markus Gross: «Wir haben das Problem, dass bei uns viele Leute in gewissen Positionen dazu neigen, viel zu konservativ zu denken. Aus diesem Grund ist uns beispielsweise das Silicon Valley voraus, wenn es um Innovationen geht. Ich bin nicht sicher, ob viele unserer CTOs jemals wirklich selber programmiert haben. Dann würden sie wissen, dass die Grundkonzepte des Programmierens mehr oder weniger langlebig sind. Wer einmal weiss, wie es funktioniert, kann damit sehr lange arbeiten.» Seit 25 Jahren ist Gross Informatikprofessor, bildete an der ETH die aktuelle und zukünftige Elite aus. Seit 2008 ist Gross zudem Direktor von Disney Research Zürich und hat deshalb wie kaum jemand in der Schweiz Erfahrungen in praktischer und theoretischer Informatik gesammelt. Ihn überzeugt das Konzept der Propulsion Academy dermassen, dass er als «Academic Advisor» zur Verfügung steht und mitgeholfen hat, dem Start-up auf die Beine zu helfen.

«Ich habe gelernt, dass Programmieren ein Handwerk ist. Idealerweise lernt man ein Handwerk, indem man Tag und Nacht damit verbringt.» An der ETH würden die Informatikstudenten nur einen kleinen Teil ihrer Zeit programmieren, die restliche Zeit würde mit Algebra, Analysis, Theorie oder anderen Themen gefüllt, die zwar für die ETH-Lehre des komplexen Denkens sehr wichtig seien, aber nicht unmittelbar für das Programmieren.

«Wir behaupten nicht, dass nach drei Monaten der perfekte Programmierer die Propulsion Academy verlässt. Aber unsere Studenten können in der Industrie sinnvoll eingesetzt werden und dort weitere Erfahrungen sammeln. Damit wollen wir nicht eine ETH oder Uni oder Fachhochschule ersetzen, das ist nicht möglich. Diese Institutionen erfüllen eine zentrale Aufgabe in der Ausbildung von Fachkräften, die Propulsion Academy ist komplementär dazu.» Die Schere zwischen dem Informatiker-Bedarf und dem Informatiker-Angebot würde in den kommenden Jahren immer weiter auseinandergehen, da brauche es solch neue Konzepte.

Zu denen, die rudimentäre Programmieraufgaben auswärts geben wollen, sagt Gross: «Outsourcing ist grundsätzlich eine gute Sache. Aber ich habe schon sehr viele Firmen beraten und dabei war oft ein Problem, dass dabei die Kulturen nicht verstanden wurden. Dann funktioniert Outsourcing nicht.» Komme dazu, dass auch bei erfolgreichem Outsourcing ein Mindestbedarf an Kompetenz im eigenen Unternehmen vorhanden bleiben müsste. «Ansonsten werden die Unternehmen viel zu abgängig von den Outsourcen», sagt Markus Gross. «Was ja deren Ziel ist. Grundsätzlich ist die Schweiz vor allem für Qualität bekannt. Wir müssen aufpassen, dass unsere Software die richtige Qualitätsstufe behält. Dies erreichen wir am ehesten, wenn wir die Entwicklungen im Land behalten.»

Andere Länder sind schon weiter

Als «Academic Advisors» der Propulsion Academy haben sich nebst Markus Gross mit SwissICT-Präsident Thomas Flatt und ETH Professore Bertrand Meyer (Vater von Laurent Meyer) zwei weitere sehr profilierte Köpfe der Schweizer ICT zur Verfügung gestellt.

In anderen Ländern sind solche Bootcamps übrigens im Trend. Ähnliche Institute sprechen davon, 90 Prozent der Absolventen vermitteln zu können, unter anderem an Google oder Facebook. Ob das auch Laurent Meyer gelingt, weiss man frühestens in drei Monaten. Dann treten die ersten Abgänger voraussichtlich in die Arbeitswelt ein.

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