München soll Linux durch Windows ersetzen - parteiische Berater?

Accenture empfiehlt der Stadt München, Linux durch Windows 10 abzulösen. Die Unabhängigkeit der Berater wird in Frage gestellt.

» Von Fabian Vogt , 14.11.2016 11:13.

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2004 entschied die Stadt München, die PCs der Stadtverwaltung auf das Linux-System LiMux umzurüsten. Das Projekt verlief alles andere als ideal, 2009 liefen erst 2200 der rund 24‘000 Stadtcomputer auf Linux. Obwohl die Migration 2013 offiziell abgeschlossen wurde, entschieden die Verantwortlichen in München, das Projekt durch die Beratungsfirma Accenture analysieren zu lassen. 

Die Ergebnisse liegen nun dem Nachrichtenportal «heise.de» vor, der Öffentlichkeit wurde nur ein Teil davon zugänglich gemacht. Auf 450 Seiten raten die Gutachter der Stadt, «Altlasten in der Infrastruktur zu beseitigen sowie einen leistungsfähigen Windows-Client und die dazugehörigen Basisdienste einzuführen». Jede grössere Verwaltungseinheit solle selber entscheiden können, ob sie Microsoft oder Open-Source-Produkte verwenden möchte. Später solle, «abhängig von der Entwicklung der Verbreitung der Client-Variante», überprüft werden, «ob der Einsatz von Linux als Client-Betriebssystem weiterhin wirtschaftlich sinnvoll ist». Für LiMux haben die Gutachter keine guten Worte übrig, berichtet «heise».

Ob ein Doppelbetrieb von Open-Source und Microsoft Sinn macht - derzeit laufen rund 20'000 Rechner mit Linux und etwa 4'000 weitere mit Windows - wird im Gutachten offenbar nicht thematisiert. Auch zu den Kosten für die Remigration auf Windows und die zugehörige – ebenfalls empfohlene – Office-Suite werden keine Angaben gemacht. Pauschal sollen die Ausgaben für das Architektur- und Client-Programm 18,9 Millionen Euro, rund 20,2 Millionen Schweizer Franken, betragen.  

Grundsätzlich ist es sinnvoll, IT-Migrationsprojekte regelmässig zu hinterfragen. Besonders solche, die wie LiMux in München in den letzten Jahren vielfach interner Kritik ausgesetzt waren. Allerdings hat das Münchner-Gutachten einen fahlen Beigeschmack. Matthias Kirschner, Präsident der Free Software Foundation Europe (FSFE), klagt im Online-Magazin «Tech Republic», dass Accenture eigene Interessen vertreten hätte. In Kooperation mit Microsoft fürt Accenture seit dem Jahr 2000 das Gemeinschaftsunternehmen Avanade, eine Beratungsfirma für Microsoft-Produkte. Kirschner behauptet deshalb, dass die Gutachter von Anfang an das Ziel hatten, LiMux loszuwerden. Als Indiz gibt er an, dass im Report nur von einer möglichen LiMux-Ablösung geschrieben wird, während diese Option für Microsoft-Produkte offenbar nicht in Frage kommt. Er verlangt deshalb Transparenz bei den Anschaffungs-, Betriebs- und Support-Kosten von Windows-10-Rechnern im Vergleich mit LiMux-Maschinen. Würde sich die Stadt nur auf die bisher gemachten Angaben im Gutachten stützen, wäre dies «traurig». Es würde auch zeigen, wie schwer öffentlichen Verwaltungen falle, sich aus den Armen der Redmonder zu befreien.

Die Mitglieder des Stadtratausschusses vertagten die weitere Beratung des Gutachtens auf Januar.

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