Marcel Dobler: «IT-Themen sind für viele Politiker zu komplex»

Digitec-Gründer und Neo-Nationalrat Marcel Dobler erklärt, warum er vorerst Vollblutpolitiker sein will und wieso IT-Themen in Bern einen schwierigen Stand haben.

» Von Fabian Vogt , 04.11.2015 11:38.

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Was Marcel Dobler anpackt, funktioniert. Noch als Informatikstudent der Hochschule in Rapperswil (HSR) kam dem gelernten Elektroniker mit zwei Kollegen die Idee, einen Onlineshop zu betreiben. Die 2001 gegründete Digitec AG entwickelte sich innerhalb von 13 Jahren zum grössten Online-Shop der Schweiz mit rund 500 Millionen Franken Umsatz. 2012 stieg Migros bei Digitec ein, was Dobler und seine Kollegen zu Millionären aber nun nicht mehr ganz so selbstständigen Unternehmern machte. 2014 stieg Marcel Dobler bei Digitec aus, um ein Jahr später auf dem schnellstmöglichen Weg den politischen Durchbruch zu schaffen: Als Nummer 5 der FDP-Liste im Kanton St. Gallen wurde der 35-Jährige Mitte Oktober in den Nationalrat gewählt – ohne vorher irgendein politisches Mandat innegehabt zu haben. Mit uns spricht der verheiratete Vater zweier Kinder, der 2009 nebenbei Schweizer Meister im Zehnkampf wurde und in den letzten Jahren als Bobanschieber zu Erfolgen kam, über seine Motive.

Computerworld: Haben Sie erwartet, noch vor Ablauf des Jahres in der grossen Kammer zu sitzen?

Marcel Dobler: Nein, habe ich nicht. Einerseits musste die FDP an den Wahlen zuerst den zweiten Sitz in St. Gallen holen, was sie glücklicherweise geschafft hat. Und dann musste ich mich auch innerhalb der Partei auf dem zweiten Rang platzieren, das konnte ich nicht erwarten.

Warum konnten Sie sich innerhalb der Partei durchsetzen? Ihre Konkurrenten verfügten über wesentlich mehr Politerfahrung.

Ich bin jung und ein Quereinsteiger, habe aber extrem viel Zeit in den Wahlkampf investiert. Bis im Mai zwei Tage pro Woche, ab August habe ich nichts anderes mehr gemacht. Als Digitec-Gründer und dank meines intensiven Wahlkampfs  habe ich zudem sicher die meiste Medienpräsenz erhalten, das hat auch geholfen.

Wie kamen Sie auf die Idee, mit 35 Jahren und bislang ohne ersichtliche politische Motivation für den Nationalrat zu kandidieren?

Das hat mit Digitec zu tun: Je grösser die Firma wurde, desto mehr musste ich mich mit politischen Dingen auseinandersetzen. Beispielsweise mit der Einführung des Widerrufsrechts, das Käufern ermöglicht, Waren bis zu einer gewissen Zeit kostenfrei umzutauschen. So können sie bei Digitec einen TV kaufen und wenn sie dasselbe Modell zehn Tage später günstiger im Media Markt sehen, uns das erste Gerät kostenfrei zurückbringen. Dieses Gesetz hätte mehr Nachteile geschaffen als Probleme gelöst.

Sie hätten auch bei Digitec bleiben und lobbyieren können. Warum der Ausstieg? Weil die Migros einstieg?

Nein, mit Migros hat das nichts zu tun. Ich war 13 Jahre lang bei Digitec und wusste schon länger, dass ich mich neu orientieren will. Dazu hat man im Leben nicht oft die Chance, Anfang 2014 sah ich eine solche und packte sie.

Was haben Sie seither gemacht?

Ich habe mein Wirtschaftsinformatikstudium, das ich wegen Digitec aufgab, nachgeholt, um einen MBA machen zu können. Daneben habe mich um meine unternehmerische Zukunft gekümmert und mit vielen Firmen und Start-ups über eventuelle Beteiligungen gesprochen. Zudem führte ich einen intensiven Wahlkampf und wurde als Nationalrat gewählt.

Sie wollen Neopolitiker und Unternehmer sein? Das wird anspruchsvoll...

Nein. Bei den Gesprächen mit den Startups und Firmen war bisher keines dabei, das meine Leidenschaft packte. Bei einer Nicht-Wahl hätte ich ab Januar weiter gesucht, nun aber müssen meine Ausbildungs- und Berufsziele vorerst hinten anstehen. Ich werde mich vollständig auf die Politik und die Einarbeitung in Bern konzentrieren.

Warum?

Weil ich ein unabhängiger Politiker sein will und mich ohne Interessenskonflikte einarbeiten will. Da kann ich nicht in Firmen oder Gremien sitzen. Deshalb habe ich unter anderem meinen Wahlkampf praktisch komplett selber finanziert. Zudem will ich zuerst abschätzen können, wie viel Zeit das Nationalratsmandat kosten wird. 

Sie wissen also noch nicht, was als Nationalrat alles auf Sie zukommt.

Nein, natürlich noch nicht im Detail. Aber als Unternehmer war ich erfolgreich, weil ich schnell gelernt habe, mich anpasste und ein Teamplayer war. Die gleichen Werte werden auch in Bern wichtig sein.

Die Politik ist aber wesentlich schwerfälliger als ein Start-up.

Mag sein, aber auch in der Politik muss man ständig Leute motivieren, Brücken bauen und zusammenarbeiten.

Welche politischen Ziele verfolgen Sie in Bern?

Ich möchte als Unternehmer natürlich ein wirtschaftsfreundliches Klima. Mehr Arbeitsplätze, bessere Bedingungen für Gewerbeschaffende und keine steigenden Unternehmenssteuern. Und ich kämpfe dafür, dass die AHV-Reform die Jungen nicht benachteiligt.

Werden Sie auch für die IT-Branche kämpfen?

Klar. Ich habe schliesslich 13 Jahre lang in der Branche gearbeitet. Die Digitalisierung steht am Anfang, Insieme darf sich nicht wiederholen. Es gibt genügend Themen, die für die Branche relevant sind, über die man sich Gedanken muss.

Die gab es schon vor Ihnen, gross darum gekümmert haben sich nur wenige.

Vielleicht weil die Themen zu komplex sind. Da ich aus der Branche komme verstehe ich nach 5-10 Minuten, was das Problem ist. Anderen Parlamentariern kann man es eine Stunde lang erklären und sie verstehen es eventuell trotzdem nicht.

Am 30.11 ist Ihr erster Sessionstag, ab dann werden Sie genügend Gelegenheiten haben, Ihre Fähigkeiten zu demonstrieren. Wissen Sie schon, was Sie im Parlament erwarten wird? 

Sicher die Bundesratswahl. Seit meinem Wahlerfolg bin ich praktisch nur unterwegs, komme nicht einmal dazu, zuhause meine Post durchzuschauen. Das werde ich aber bald wieder tun können. Ich freue mich auf meine neue Aufgabe und bin sehr motiviert, das Bestmögliche zu geben.

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