Ab 45 Jahren hat ein Informatiker auf dem Arbeitsmarkt keine Chance mehr? Von wegen.

Ja, ältere Informatiker werden mit grösserer Wahrscheinlichkeit arbeitslos als jüngere. Das ist aber auch das einzige Vorurteil, das einer wissenschaftlichen Untersuchung des Arbeitslosenmarktes in der IT standhält.

» Von Fabian Vogt , 12.11.2015 17:48.

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Das Aufschnaufen von Ruedi Noser war hörbar. Der Präsident von ICTswitzerland, der derzeit im Ständeratswahlkampf kaum zur Ruhe kommt, war sichtlich erfreut, für einmal an einer Pressekonferenz nicht über den EU-Beitritt oder die Energiestrategie2050 sprechen zu müssen, sondern über ein anderes Thema, das ihn stark beschäftigt, Mainstream-Medien aber kaum interessiert: Arbeitslose Informatiker. Eigentlich sollten diese ein Paradoxon sein, eine gewisse Sockelarbeitslosigkeit mal ausgenommen. Schliesslich propagiert der Verband seit Jahren, dass die Schweiz einen IT-Fachkräftemangel hat und bald einmal rund 30 000 Stellen nicht besetzen kann. Und gemeinhin wird auch angenommen, dass es Informatiker aufgrund des rasanten Branchenwachstums einfacher haben als andere Erwerbstätige, eine Anstellung zu finden. Mit einer Ausnahme: ältere Menschen. Ihnen fehlen Qualifikationen, sie seien mit der technologischen Entwicklung überfordert oder schlichtweg zu teuer sind Aussagen, die immer wieder gehört werden. Aus diesem Grund hat ICTswitzerland gemeinsam mit dem Amt für Arbeit und Wirtschaft des Kanton Zürich vor zwei Jahren eine Studie in Auftrag gegeben, welche die Arbeitslosensituation von Informatikern untersuchen soll. Das Ergebnis der heute präsentierten Untersuchung lässt sich in einem Satz von Ruedi Noser zusammenfassen: «Ich bin froh, wurde bewiesen, dass all diese Vorurteile lediglich Stammtischparolen sind.»

Denn die Studie zeigt: Zwar gibt es in der IT verhältnismässig mehr ältere Arbeitslose als in anderen Branchen, allerdings auf sehr überschaubarem Niveau. Etwas über zwei Prozent der 45-54-Jährigen Informatiker ist arbeitslos, bei den jüngeren sind es je nach Altersgruppe zwischen 1,5 und 2 Prozent. Der Unterschied zu den anderen Branchen ist, dass das Risiko arbeitslos zu werden in der Informatik mit höherem Alter steigt, während es sonst eher abnimmt. Dennoch ist die Arbeitslosenquote in der IT mit 1,9 Prozent geringer als in anderen Berufen mit 2,9 Prozent (Stand: Mai 2015). Und in den letzten zehn Jahren ist das Risiko, als älterer Informatiker arbeitslos zu werden, deutlich gesunken.

Kleine Datenmenge

Es ist schwierig aus der Studie herauszulesen, warum ältere Informatiker überdurchschnittlich oft arbeitslos sind. Dafür gibt es schlicht zu wenige arbeitslose Informatiker (Laut Studie rund 900 in Zürich). Es gibt zwar Punkte die für eine Anstellung wichtig zu sein scheinen (Fachkenntnisse, Branchenerfahrung, Weiterbildung), dass die älteren Informatiker davon weniger haben als ihre jüngeren Kollegen, konnte aber nicht nachgewiesen werden.

Finanzbranche nicht für IT-Arbeitslosigkeit verantwortlich
Immer wieder ist zu hören, dass gerade in Zürich vor allem die Banken und Versicherungen mit teilweise grossen Restrukturierungsplänen massgeblich dazu beitragen, die Zahl der arbeitslosen ITler zu erhöhen. Diese Behauptung kann die Studie widerlegen. Während 20 Prozent aller Zürcher Informatiker in der Finanzbranche arbeiten, waren sie für 18 Prozent der arbeitslosen Informatiker verantwortlich. Auch die These, dass hohe Löhne die Finanz-Itler für andere Branchen «verderben», wird nicht erhärtet.

Interessant sind aber die Erkenntnisse, welche Studienautor Nils Braun vom Institut für Wirtschaftsstudien Basel (IWSB) aus Gesprächen und Fragebögen mit 14 Personalabteilungen grosser IT-Arbeitgeber in Zürich gewann, denen er 242 Dossiers arbeitsloser Informatiker vorlegte. Es wird klar, dass es nicht den einen IT-Arbeitgeber gibt. Für manche ist die Berufserfahrung das Killerkriterium, andere werten Fachkenntnisse am stärksten. Nur gerade Lohnerwartung, die formale Beurteilung des Lebenslaufs, das Alter und die Projekterfahrung sahen die HR-Abteilungen als ähnlich relevant an. Auch bei der Frage, ob eine Person für die Firma geeignet ist und ob sie als IT-Fachkraft gilt oder nicht, waren sich die Personalabteilungen in nur 42 Prozent der Fälle einig. Es ist nicht schwierig daraus die Konklusion zu ziehen, dass Stellenbewerber nicht auf Standardverfahren beim Bewerbungsprozess hoffen dürfen. Und somit gezwungen sind, die potenziellen Arbeitgeber genau zu scannen. Andererseits kann der Studie auch entnommen werden, dass die Arbeitssuchenden noch zu selten ihre Kompetenzen im Lebenslauf genau ausweisen oder formale Fehler in der Bewertung machen. Für Arbeitgeber und Arbeitnehmer wird es dadurch schwierig, sich zu finden.

Diese Problematik will ICTswitzerland gemeinsam mit dem Amt für Wirtschaft und Arbeit deshalb angehen. Zu den Massnahmen gehören:

  • Gemeinsam mit Arbeitgebern der Aufbau eines IT-Skill-Sets als Grundlage für Insertion, Rekrutierung und Personalentwicklung
  • Die vom Verband SwissICT definierten Berufsbezeichnungen in den Vermittlungsdatenbanken der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) integrieren
  • Die RAV-Mitarbeiter sollen die Arbeitssuchenden stärker darauf hinweisen, dass die Angabe genauer Qualifikationen entscheidendes Kriterium für Erfolg oder Misserfolg bei der Jobsuche ist. Dafür ist bereits ein Mentoring-Programm in Gange, das gemäss Edgar Spieler, Bereichsleiter Arbeitsmarkt, Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich, weiter ausgebaut wird.
  • ICTswitzerland führt ein Gütesiegel ein für Unternehmen, die systematische Weiterbildungsprogramme für IT-Mitarbeitende durchführen

Diese Massnahmen können nur Erfolg haben, wenn Arbeitgeber, öffentliche Verwaltung und Verbände eng und konstruktiv miteinander zusammenarbeiten. Dass sie dies tun können, haben sie bei der ICT-Berufslehre gezeigt, die immer mehr zum Erfolgsmodell wird. Nun gilt es, das zu wiederholen und die geringe Diskrepanz junger und alter Arbeitsloser auszugleichen.

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