Wired-Gründer: «Google und Facebook sind Phänomene, die vorüber gehen»

» Von Susanne Gillner, 01.12.2016 14:30.

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Computerworld: Wenn wir über die digitale Zukunft sprechen, müssen wir auch darüber sprechen, wie wir News und Inhalte konsumieren werden. Wie wird das künftig aussehen?

Kelly: Ja, das ist eine gute Frage. Dahinter steckt vor allem die Überlegung, wie werden die Publisher in Zukunft Geld verdienen. Aktuell konsumieren viele, glaube ich, ihre Inhalte über Facebook und Twitter - hier ja oftmals quasi in Echtzeit. Alle aktuell verfügbaren Kanäle sind für mich aber nicht verlässlich genug, um langfristig Bestand zu haben. Ich denke, wir brauchen für die Zukunft ein neues Netzwerk, eine neue Social Community, in der wir so etwas abfangen können.

Computerworld: In der Schweiz hat man oft das Gefühl, ohne Praktika, Auslandserfahrung und Universitätsabschlüsse in der Digital-Branche nur schwer Fuss fassen zu können. Sie selbst haben keinen College- oder Universitätsabschluss und können dennoch eine brillante Karriere im Digital-Business vorweisen. Was braucht man also für den Erfolg?

Kelly: Natürlich sehe ich es als CEO einer Firma gerne, wenn mein neuer Mitarbeiter zehn verschiedene Titel aufweisen kann und viel über die Themen weiss. Aber man muss sich auch fragen: Hilft mir das wirklich weiter? Ich glaube, man braucht heute wie auch in Zukunft in der Digital-Branche Leute, die anders denken. Das ist das Wichtigste, das man mitbringen kann. Die Fähigkeit, gegen den Strom zu denken und zu handeln, Dinge zu wagen, die auf den ersten Blick unmöglich scheinen und den Mut aufzubringen, gegen lang eingefahrene Denkweisen der Firma anzugehen. Das kann einem keine Universität der Welt lehren. Insofern glaube ich: Abschlüsse und Titel sind unwichtig.

Computerworld: Sie begleiten die Internet-Branche seit langem, sind von der Pike auf mit dabei. Was haben Sie im Laufe der Jahre gelernt, was war die wichtigste Entwicklung für Sie?

Kelly: Ich habe gesehen und gelernt, dass der Computer alleine nicht viel verändert hat. Er hat erst dann die Welt und die Generationen verändert, als er mit anderen Computern und damit Nutzern zusammengeschlossen wurde und mit den Menschen «zusammengearbeitet» hat. Das gleiche gilt auch für Handys und Smartphones oder die Künstliche Intelligenz. Die Technik alleine ist spannend, interessant und hilfreich. Richtig zum Tragen kommt sie allerdings erst dann, wenn KI in der Cloud eingesetzt wird und die Menschen verbindet. Also schlussendlich ist es nicht die Technik, die alles ändert. Es ist immer die Kommunikation.

Computerworld: Sie surfen viel im Internet und werden natürlich auch mit digitaler Werbung konfrontiert. Wie gehen Sie damit um und was halten Sie von Bannern und Co?

Kelly: Also zunächst einmal ist es so, dass ich sie toleriere und auch keinen Adblocker oder ähnliches installiert habe. Allerdings bin ich kein Freund der Werbung. Ich schaue zum Beispiel kein Fernsehen, weil mich die Werbeblöcke nerven. Nur den Superbowl hab ich lustigerweise einmal angeschaut, weil ich den Werbezirkus sehen wollte. Sie sehen, ich bin da etwas inkonsequent. Die New York Times lese ich wieder regelmässig - trotz Anzeigen.

Computerworld: Wie sollte denn die Online-Werbung aussehen, dass Sie Ihnen wieder gefällt?

Kelly: Werbung muss smart und zweckmässig sein. Sie muss hilfreich sein und dem Nutzer Unterstützung und Antworten geben. Ich habe nichts gegen Werbung und bin auch Google beispielsweise gegenüber offen. Aber mein grosses Plädoyer an alle Beteiligten ist: Macht Anzeigen smarter und wieder interessant für Leser. Als ich 1993 das Wired Magazin gegründet habe, haben die Leute die Zeitung nur wegen der Werbung gekauft. Denn die Unternehmen haben extra Anzeigen nur für uns, für Wired, erstellt. Das wollten die Leute einfach sehen. Heute ist das fast undenkbar.

Meine Idee wären eine Art user generated Ads. Die Nutzer kreieren Werbung für Unternehmen oder Leute, die kein Geld für Werbung haben. So werden Anzeigen erstellt, die genau die Bedürfnisse der Leute treffen und viral werden. Eine schöne Idee, oder?

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