«Wir profitieren von der Globalisierung»

» Von Interview: Barbara Mooser, Fotos: Markus Senn, 24.04.2017 07:00.

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CW: SGS investiert seit Kurzem kräftig in den Bereich Sensorik und IoT. Sie sind zum Beispiel eine Partnerschaft mit der Schweizer Sensima eingegangen und haben Anteile am US-Unternehmen Savi erworben. Darf man da noch mit mehr rechnen?

Heidler: Definitiv. Für uns hat der Bereich Sensorik sehr grosse Bedeutung, sowohl als disruptiver Threat, aber auch als eine grosse Opportunität. Wir sind uns absolut bewusst, dass Teile unseres Geschäfts über die Zeit verschwinden werden, weil sie durch Sensorik ersetzt werden können. Ein Beispiel ist die Überprüfung von Gas- oder Öl-Pipelines. Heute schicken wir da eine Art Roboter durch, der läuft auf Rollen, hat Kameras und Sensoren und kann sogar die Wände abklopfen. Irgendwann wird so eine Pipeline Sensoren haben und selbst mitteilen können, ob sie einen Riss hat oder korrodiert.

CW: Das können die Betreiber doch dann gleich selbst erheben, wozu brauchen Sie noch die SGS?

Heidler: Weil nicht ganz klar ist – und deshalb geht der Prozess auch langsamer, als es technisch möglich wäre –, wieweit die Regularien dies zulassen werden. Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus der Automobilbranche: Natürlich kann Ihnen ein modernes Auto heute sagen, ob die Bremsen funktionieren. Werden die Gesetze dahingehend geändert, dass das reicht, oder müssen Sie weiter auf den Bremsenprüfstand bei einer Institution wie unserer?

CW: Ihr aktuelles Geschäftsmodell ist also zukunftssicher?

Heidler: Gerade da, wo wir Sachgüter prüfen, wird ein Teil des Business verschwinden. Die Frage nach dem Vertrauen bleibt aber: Kann man dem Hersteller alles glauben? Wir machen ja auch Pharmatests. Wird man also dem Produzenten der nächsten Antibabypille glauben, dass sie wirklich ungefährlich ist, oder eine Zweitmeinung wünschen, die das objektiv bestätigt? Nicht alles, was technisch möglich ist, wird in unserem Bereich tatsächlich Einzug halten.

CW: Welche Jobs werden wohl durch IoT ersetzt werden?

Heidler: Es geht weniger um den Wegfall als um den Wandel von Arbeitsplätzen. Wird es Bereiche geben, in denen wir gar keine Mitarbeiter mehr haben? Auf der einen Seite: ja, wahrscheinlich. Gerade auch in gefährlichen Bereichen. Unsere Inspektoren klettern auf Brücken, arbeiten in Kohleminen, in Laderäumen von Schiffen, in Gastanks. Gerade im Bereich der physikalischen und chemischen Prüfung wird es sicherlich einen Wandel geben. Auf der anderen Seite wachsen für uns auch die Möglichkeiten. Wir sind zum Beispiel an der Initiative der Euro­päischen Union beteiligt, einen Security-Standard für IoT-Devices zu entwickeln.

CW: Was genau würden Sie da zertifizieren?

Heidler: Für die Kaffeemaschine oder den Kühlschrank, die ein WLAN- oder Ethernet-Interface haben, gibt es heute noch keinen Security-Standard. Jetzt wird versucht, einen solchen Standard zu schaffen, damit Sie demnächst ein Gerät mit einem Prüfzeichen kaufen können, das etwa garantiert, dass Ihr Fernseher nicht abgehört werden kann.

CW: Das heisst, Ihr Geschäftsmodell wird durch die Digitalisierung nicht bedroht, sondern wächst sogar, weil der Bedarf an Zertifizierung dadurch steigt?

Heidler: Wir profitieren von der Globalisierung. Vertrauen zwischen Käufer und Verkäufer herzustellen, ist seit jeher unser Geschäft. Wir kommen ursprünglich aus der Handelsschifffahrt. Die SGS inspizierte beim Beladen und Entladen und zertifizierte für Verkäufer und Käufer die Güte und Menge der Waren. Durch die Globalisierung tun sich viele neue Handelswege auf. Heute kaufen Sie online in Fernost, da ist die Skepsis eventuell höher als beim Händler um die Ecke, den Sie seit 20 Jahren kennen. Wir profitieren letztlich von der Globalisierung und der gesunden Skepsis gegenüber den neuen Trading-Techniken.

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