Peter Fischer: «Durchgängige Standardisierung ist nicht möglich»

» Von Fabian Vogt , 11.07.2016 15:22.

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CW: Was wird getan, um die Projekteführung zu verbessern?

Fischer: Das war ein Schwerpunkt der vergangenen Strategieperiode. Wir haben zahlreiche Ausbildungen für Projektleitende und Auftraggebende durchgeführt. Für die IKT-Schlüsselprojekte wurde ein Projektleiterpool gebildet, aus dem die Projektauftraggeber Unterstützung erhalten können. Daneben gibt es den Prüfprozess der Eidgenössischen Finanzkontrolle und eine halbjährliche Berichterstattung ans Parlament. Bei Projekten ab fünf Millionen Franken wenden wir eine von der Universität St. Gallen entwickelte Methode zum Assessment an. Diese wird mittlerweile auch in der Privatwirtschaft angewandt. Mit dem Cockpit IKT konnte zudem die Transparenz verbessert werden.

CW: Trotzdem ist nicht wegzureden, dass die Bundes-IT vor allem wegen Skandalen in den Schlagzeilen steht. Insieme, Seco, ALV, Mistra, um einige der Prominentesten zu nennen.

Fischer: Die von Ihnen angesprochenen Fälle haben ihren Ursprung alle in der Vergangenheit. Ich denke, mittlerweile sind wir da besser aufgestellt. Es ist eine Tatsache, dass wir in den letzten zwölf Monaten verschiedene Grossprojekte abgebrochen haben, zum Glück meist bevor richtig viel Geld ausgegeben wurde. Beispielsweise eine homogene Plattform für Steuern und Rückerstattungen beim Zoll. Da in der Zollverwaltung ohnehin die gesamte IKT erneuert wird, beschloss man, zuerst eine umfassende Architekturanalyse zu machen. So etwas wäre früher vielleicht nicht geschehen, da hätte man die Plattform aufgebaut und am Ende gemerkt, dass sie im Gesamtkontext anders hätte gebaut werden müssen. Ich will nicht Werbung dafür machen, viele Projekte abzubrechen. Damit verliert man zwar weniger Geld, hat aber auch noch kein Resultat erreicht. Aber die Beispiele beim Zoll oder bei der Arbeitslosenversicherung zeigen, dass wir aus Erfahrungen lernen.

CW: Die IKT-Strategie 2012-2015 ist beendet, die neue gerade in Kraft getreten. Was haben Sie dabei gelernt?

Fischer: Bereits die letzte Strategie unterschied sich von früheren um Welten. Es gab beispielsweise einen strategischen Controllingbericht, der für Verbindlichkeiten sorgte. Die Departemente und das ISB mussten jährlich über ihre Fortschritte berichten. Das half intern enorm, dass geplante Massnahmen tatsächlich umgesetzt wurden. Wir haben deshalb nun unter anderem ein funktionierendes Cockpit IKT, Grundlagen für einen Rechenzentrenverbund Bund und die bereits angesprochenen Standarddienste, auf denen wir aufbauen können.

CW: Was sind die Ziele mit der aktuellen Strategie?

Fischer: Unter anderem soll es eine einheitliche Sourcing-Strategie geben. Bisher konnte jedes Departement selber entscheiden, ob es intern oder extern IKT-Mittel beschafft. Es ist sinnvoll, dass wir über die ganze Bundesverwaltung einer gemeinsamen Strategie folgen. Bei Gever sieht man, dass das Konzept funktioniert. Der Aufbau der Unternehmensarchitektur und einer Strategie für die IKT-Netzte des Bundes oder die Umsetzung des Rechenzentren-Verbunds sind wie eine integrale Planung weitere Meilensteine, die angegangen werden.

CW: In der Privatwirtschaft ist Digitalisierung derzeit das grosse Thema. Was tut der Bund in diese Richtung?

Fischer: Auf bundesweiter Ebene war beispielsweise «Mobiles Arbeiten» Teil der letzten Strategie, da ging es unter anderem um die Einführung von UCC in der ganzen Bundesverwaltung. Darauf können wir jetzt aufbauen. Im Herbst werden wir Mobile-Device-Management für sämtliche Smart Devices einführen. Eine Art Enterprise-App-Store mit Bundes-Apps ist in Planung. Bis 2020 werden wir von heute Windows 7 zur neuen Generation von Arbeitsplatzsystemen migrieren, das ist eines der IKT-Schlüsselprojekte. In den Fachämtern arbeitet man an der Digitalisierung der Fachprozesse.

CW: Da Sie von Sourcing gesprochen haben, muss ich zum Schluss noch auf Beschaffungen zu sprechen kommen. Denken Sie manchmal nicht, ohne diese Freihänder wäre Ihre Arbeit wesentlich einfacher?

Fischer: Selbstverständlich streben wir wo immer möglich offene Ausschreibungen an. Aber es liegt in der Öffentlichkeit offenbar ein grundlegendes Missverständnis vor: Freihänder sind nicht grundsätzlich falsch. Es gibt manchmal gute Gründe für Freihänder. Sie sind in einigen Situationen besser, auch in wirtschaftlicher Hinsicht, als eine mit hohen Kosten verbundene  offene Ausschreibung durchzuführen.

CW: Trotzdem gibt es immer wieder Beschaffungs-Debakel. Wäre es nicht sinnvoll, im ISB eine zentrale Beschaffungsstelle nur für IKT aufzubauen, das Bundesamt für Bauten und Logistik hat genug anderes zu tun.

Fischer: Das BBL ist bereits diese von Ihnen angesprochene zentrale Stelle. Laut Verordnung müssen grundsätzlich alle IKT-Dienstleistungen über das BBL beschafft werden. Ich bin ein Befürworter davon, Beschaffungen «as a Service» durchzuführen, auch wir greifen bei Beschaffungen auf den internen Dienstleister zurück. Das ist effizient und hilft, Projektziele zu erreichen. Wer diesen Dienst anbietet, spielt aus meiner Sicht keine Rolle. Sicher ist, dass es heute nicht der Auftrag des ISB ist, eine Beschaffungszentrale zu betreiben. Dafür haben wir weder die nötige Kompetenz noch die Ressourcen.

Zur Person:
Peter Fischer ist Delegierter des Bundesrates für die Informatiksteuerung des Bundes. Dabei zeichnet er verantwortlich für die Erarbeitung der Vorgaben zum mittel- und langfristigen Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) und für die Führung der IKT-Standarddienste der gesamten Bundesverwaltung. Er verantwortet weiter die strategische Leitung von MELANI, der Melde- und Analysestelle Informationssicherung. Dazu gehört auch die Koordination der Umsetzung der nationalen Strategie für den Schutz vor Cyberrisiken. Weiter koordiniert er die Umsetzung der E-Government Strategie Schweiz von Bund und Kantonen.

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