Mobile Enterprise: Erfolgsbeispiele aus der Schweiz

Praxisbeispiele zeigen: Wer eine konsequente mobile Strategie fährt und sich nicht durch Sicherheitsbedenken lahmlegen lässt, kann neue Geschäftsfelder erschliessen.

» Von Fabian Vogt , 26.02.2016 15:48. Letztes Update, 29.02.2016 10:03.

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Seit 2012 setzt die Glarner Kantonalbank auf eine Mobile-Strategie. Diese lässt sich in zwei Begriffen zusammenfassen: One Device und Insourcing. Etwa die Hälfte des Personalbestands (rund 90 FTE) ist mit Windows-Geräten ausgerüstet. Die Mitarbeiter haben mit dem Gerät ihren  Arbeitsplatz überall dabei – das ist wörtlich gemeint. Denn einen Tower-PC gebe es nicht mehr, der sei überflüssig geworden, sagt CIO Ralf Luchsinger. Mit seinem Team von gerade mal vier Mitarbeitern kontrolliert er sämtliche Geräte. Die Nutzer haben Zugriff auf freigegebene Dienste und Internetseiten, via Direct Access ist ein Bankberater überall auf der Welt über den Glarner Hauptsitz eingeloggt. Entsprechend braucht es auch keine Telefone mehr, an deren Stelle sind ein Bluetooth-Headset und Skype for Business getreten. Bis es soweit war, mussten aber einige Hürden übersprungen werden. Ursprünglich als Idee des Managements geboren, musste dieses überzeugt werden, dass iPads als Arbeitsgeräte nicht in Frage kommen. «Viele dachten, das damals aufkommende iPad sei ein Synonym für Tablet. Denen mussten wir erklären, dass wir ein Gerät brauchen, das direkt im Unternehmen eingesetzt werden kann. Das iPad war ein Consumer-Produkt, das enterprise-ready hätte gemacht werden müssen. Viel zu umständlich.»

Um die neusten Technologietrends nicht zu verpassen, werden jedes Jahr 30 Geräte der neusten Generation beschafft. Derzeit ist das Surface 4 Pro aktuell. «BYOD haben wir von Anfang an abgewürgt», so Luchsinger. «Man muss sich entscheiden: Ent­weder Terminalserverdienste im Haus oder eige­ne gemanagte Geräte. Aber beides macht wenig Sinn. Dann zahle ich Lizenzkosten beispielsweise für Citrix, das OS auf dem Citrix-Server und Lizenzkosten für die Mitarbeitergeräte. Bei BYOD kann ich zudem nur arbeiten, wenn ich online bin.» Lizenzkosten sind für jeden CIO ein Graus, deshalb versucht Luchsinger, sie gering zu halten: «Wir verfolgen eine Microsoft-Konsolidierungsstrategie, der Enterprise-Vertrag hilft dabei sehr.» Das bedeutet, dass beispielsweise die Daten in einer privaten Microsoft-Cloud im eigenen Rechenzentrum liegen, das alte Intranet SharePoint weichen musste und Office 16 als Bürosuite im Einsatz ist.

Die Glarner Kantonalbank als Microsoft-Werbeträger abzustempeln, wäre aber unfair. Daneben ist das Unternehmen auch sonst innovativ, hat schon verschiedene Eigenentwicklungen auf den Markt gebracht. Nur die BankenAapp ist von Finnova, was alleine schon aus regulatorischen Gründen Sinn macht. «Wir versuchen, Schnittstellenmanagement wann immer möglich zu vermeiden», sagt Luchsinger. Er kenne viele Firmen, die seine Strategie zu Beginn belächelt hätten. Heute nicht mehr. «Wir senken jedes Jahr die Betriebskosten der IT. Noch konnte mir niemand auf­zeigen, warum die Strategie nicht funktionieren sollte», sagt er. Zudem sei wichtig, so viel wie möglich inhouse zu machen, um beim enorm schnellen technischen Wandel am Ball bleiben zu können. Seine Abteilung spart damit nicht nur Kosten und ist auf der Höhe der Zeit, sie taucht – im Gegensatz zu den meisten IT-Abteilungen – auch auf der richtigen Seite der Erfolgsrechnung auf: «Wir haben damit begonnen, unsere Lösungen zu verkaufen und unsere Strategie interessierten Firmen zu zeigen», so Luchsinger. Er leistet sich deshalb den Luxus eines Programmierers im Team. Das ist wohl eher die Ausnahme. Aber es ist auch die Ausnahme, dass die IT-Abteilung Wertschöpfung generiert.

Zeit der separierten Silos vorbei

Vielerorts sieht die Lage weniger erfreulich aus. Die Swiss-IT-Umfrage der Computerworld (das Spezialheft dazu erscheint am 8. April) ergab, dass nicht einmal ein Drittel der über 300 befragten CIOs eine Mobile-Enterprise-Lösung im Einsatz hat. Kein gutes Zeugnis für die Innova­tionskraft der Schweizer Anwenderunternehmen, viel eher ein Zeichen für die abwartende Haltung, die überall anzutreffen ist. Zwar haben mittlerweile viele Firmen eine BYOD-Strategie oder ein Mobile-Device-Management implementiert. Aber das genügt nicht. Mitarbeiter möchten so flexibel arbeiten, wie sie es privat gewohnt sind und auf alle Daten zugreifen. Die CIOs bringt dies in die verzwickte Lage, zwischen Sicherheit und Flexibilität abwägen zu müssen, weswegen sie meist lieber konservativ agieren.

Dass der Mobility-Trend den Zenit noch nicht erreicht hat, glaubt wenig überraschend auch Matrix42, Softwareanbieter für Arbeitsplatzmanagement: «In der Schweiz habe ich in Sachen EMM noch keinen hohen Reifegrad entdeckt. Man weiss, dass etwas getan werden sollte. Aber der Gedanke, dass nicht nur mobile Geräte, sondern auch Informationen verwaltet werden können, hat sich noch nicht in den Köpfen festgesetzt», sagt Nadia Bischof, Geschäftsführerin Matrix42 Helvetia AG. Sie gibt deshalb Empfehlungen für Unternehmen ab, die ihr Geschäft transformieren wollen: «Enterprise Mobility Management muss als Strategie empfunden werden. Es muss von oben nach unten umgesetzt werden. Und es muss klar sein, dass Mobility Management keine Kostenreduzierung, sondern eine Investition ist.»

Dabei gehe es um weit mehr als nur Mobile Device Management. Die Zeit der separierten Silos sei nämlich vorbei. Innovatives Workspace Management soll das Zauberwort heissen. Diese Vorgehensweise bedeutet, dass der Anwender einfach auf die richtige Applikation zugreifen kann und diese im passsenden Format auf dem gewünschten Gerät bereitsteht - am besten über ein Self-Service-Portal oder eine mobile App, empfiehlt Bischof. Firmen müssten ausloten, welche Prozesse sie mobilisieren können und bei welchen dies keinen Sinn macht. Dies sei komplizierter als es klingt und nur möglich, wenn sich die IT in ständigem Austausch mit den Fachabteilungen befindet. «Als beispielsweise Windows8 eingeführt wurde, wollten ursprünglich viele Firmen auf den Zug aufspringen. Also half die IT dabei, bis sie merkte, dass kein Mehrwert herausschaut. Es war beispielsweise nicht möglich, Change Accounts oder eine VPN-Konfiguration auf die Geräte zu bringen, für sowas sollte ein Admin gewappnet sein», sagt Bischof. Es sei darum wichtig, dass die IT neue Trends testen kann, um Machbarkeiten abzuwägen. Ansonsten würde sie wie so oft in den letzten Jahren den eigenen Ansprüchen hinterherhinken. Eine Idee sei beispielsweise eine Art «Mobility Board», mit Vertretern aller Anspruchsgruppen. Ein solches Gremium sei auch für die von Matrix42 prognostizierte nächste Entwicklung entscheidend: Der Trend, nicht mehr in Geräten sondern Endpunkten zu denken. «Die Lösung heisst Unified Endpoint Management,» sagt Bischof und meint damit, dass neue Gerätestandards nicht mehr über traditionelle Schnittstellen, sondern nur noch über EMM ausgeliefert werden. Was für Administratoren den Vorteil hat, dass aus bislang zwei Verwaltungskonsolen eine einzige wird.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: RhB, Hartmann, Kanton Schaffhausen

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