«Glokal»: Die Arbeitsformen der Zukunft

Mit der zunehmenden Vernetzung in Online-Communities entstehen neue Formen von Arbeit und Kollaboration – nicht alle zum Vorteil der Mit­arbeitenden oder Kunden.

» Von Patricia Wolf *, 28.05.2015 13:23.

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* Die Autorin ist Professorin für Innovation und leitetet das Zukunftslabor «CreaLab» der Hochschule Luzern.

Dass Firmen in Westeuropa IT-basierte Arbeiten in andere Länder outsourcen, ist ein bekanntes Phänomen. IBM sieht beispielsweise vor, bis 2017 nur noch 100'000 seiner 430'000 Arbeitskräfte permanent zu beschäftigen, wie die «Wirtschaftswoche» bereits 2012 festhielt. Zwei Drittel der Aufgaben sollen dann im virtuellen Arbeitsmarkt erledigt werden.

Crowdsourcing: Gemeinsam einsam

Der virtuelle Arbeitsmarkt ist um Plattformen herum organisiert. Hier bewerben sich Individuen online um konkrete, von Unternehmen ausgeschriebene Arbeitsaufträge. Diese Organisationsform wird «bezahltes Crowdsourcing» genannt. Auf der Plattform «Amazon Mechanical Turk» bewerben sich beispielsweise Arbeitswillige um sogenannte «Human Intelligence Tasks» (HIT) wie die Selektion der besten Fotos einer Website oder die Transkription von Audiodaten. Eine andere Form ist wettbewerbsbasiert: Nur der Gewinner von ausgeschriebenen Designwettbewerben erhält ein Honorar. In beiden Fällen sind die Bezahlung und die Sozialkontakte gering, der Wettbewerb um Aufgaben und die Notwendigkeit, die eigene Arbeitszeit stark zu organisieren, dagegen gross. Ein Designer der Plattform 99designs formuliert in einer E-Mail an die Autorin, wie sich das anfühlt: «Virtuelles Arbeiten ist meist ohne Kommunikation. Die Folge: Ein hoher Grad an Vereinsamung. Ein Leben im Schneckenhaus. Zurückgezogen und oft mutlos.»

Analysten gehen davon aus, dass die Entwicklung zum Outsourcen von Aufgaben in den virtuellen Arbeitsmarkt anhalten wird und dass sich daraus starke Veränderungen von Wirtschaftsprozessen, globalem Arbeitsmarkt und Organisationsgrenzen ergeben werden (vgl. Kaganer et al., 2013).

Open Innovation: Den Kunden nutzen

Das Geschäftsmodell hinter Open Innovation zielt darauf ab, Nutzer und Kunden in Geschäftsprozesse zu integrieren - vom Produktdesign über Produktionsprozesse bis zum Marketing und Verkaufskanal-Management. Der Hype um solcherart «nutzerzentrierte Geschäftsmodelle» entstand aufgrund des durch das Internet verbesserten Zuganges der Kunden zu einer potenzierten Anzahl von Angeboten, die problemlos global miteinander verglichen werden können. In der Literatur wird betont, dass Kunden von ihrer Teilnahme an Open-Innovation-Prozessen profitieren, weil sie auf Augenhöhe Angebote mitentwickeln, die ihren konkreten Bedürfnissen am besten entsprechen. Liest man jedoch die Geschäftsbedingungen von Open-Innovation-Plattformen, dann scheint die Augenhöhe zumindest in Bezug auf die Rechte an den Ideen weniger gegeben. Kunden, die Material auf Dells Open-Innovation-Plattform «IdeaStorm» bei­tragen, akzeptieren beispielsweise, alle Rechte abzugeben: Das Material kann von Dell uneingeschränkt kommerziell genutzt werden, wie in den Nutzungsbedingungen nachzulesen ist

In Open-Innovation-Prozessen profitieren vor allem grössere Unternehmen von den Ideen, der Kreativität und dem Wissen der Kunden. Kollaboration und gegenseitige Inspiration finden unter den Nutzern - meist Hobbyisten und Markenenthusiasten - zwar statt; teilweise kommt es auch zu vertieften Kontakten zwischen Unternehmen und Nutzern. Sobald es jedoch um Beteiligung an ökonomischer Wertschöpfung oder Patenten geht, bleiben die Nutzer aussen vor.

«Open Knowledge»: Demokratisch teilen

«Open-Knowledge-Sharing»-Initiativen demokratisieren den Zugang zu Informationen und Wissen, aber auch zu Methoden zur Lösung gesellschaftlicher Probleme und zu Produktionstechnologien:

  • Open-Design-Initiativen ermöglichen beispielsweise in lokalen «FabLabs» jedermann den bezahlbaren Zugang zu digitaler Produktionstechnologie und tauschen Designbaupläne im Internet aus.
  • Citizen-Science-Communities wie das «Public Lab» publizieren Bauanleitungen für günstige «Do-it-yourself»-Geräte (DIY), mit denen Bürger beispielsweise Bodenproben untersuchen können – die Daten werden online zusammengetragen. Andere Initiativen im Bereich der «DIY»-Biologie entwickeln beispielsweise neue Antibiotika.
  • «Guerilla-Urbanism»-Initiativen ermöglichen Bürgern das Aneignen öffentlichen Raumes, in dem sie beispielsweise Bewohnern dabei assistieren, selber einfache Sitzbänke aufzustellen. Auch diese Initiativen nutzen «Online-Community»-Platt­formen, um sich zu organisieren und Projekt­details auszutauschen. Die «Park(ing)-Day»-Ini­tiative ist ein Beispiel, bei der Bürger jährlich in 150 Städten Parkplätze in temporäre öffent­liche Parks umgestalten. Solche Initiativen sind sehr wirksam hinsichtlich des Tempos, indem sie via globalem Wissensaustausch und Zugang zu lokalen Ressourcen Herausforderungen lösen. Damit sind sie teilweise schneller als die etablierten Institutio­nen wie Stadtverwaltungen, Pharmakonzerne oder Möbelhersteller. Wissen wird als Gemeingut betrachtet und allen Interessierten online verfügbar gemacht.

Damit ist es allerdings nicht getan: Nur im Zusammenspiel dieser global verfügbaren Informationen mit dem Handlungswissen lokaler Akteure und physischer Ressourcen lassen sich Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen materialisieren, testen, weiterentwickeln und teilen. Das ist das Wesen des «Glokalen», zusammengesetzt aus «Global» und «Lokal».

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Vergleich der Konzepte

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