«Der Informatikberuf ist keine Zirkusnummer»

» Von Jens Stark , 28.09.2007 14:13.

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Sie hat nur einen schwerwiegenden Haken. Wenn wir uns die Nachwuchszahlen anschauen, also wie viele junge Leute ein Informatikstudium ? egal auf welcher Stufe ? heute beginnen, dann zeichnet sich Dramatisches ab: Diese Zahl ist beispielsweise bei der Wirtschaftsinformatik an den Unis in fünf Jahren von 185 auf 54 geschrumpft. Bei den klassischen Informatikern an ETH und Uni ist der Rückgang ebenfalls drastisch von 597 auf 246 Studienanfänger. Selbst bei den Fachhochschulen beginnen weniger Studenten ein informationstechnisches Studium. Der Einbruch ist hier weniger drastisch, weil diese Studenten in der Regel eine einschlägige Berufslehre hinter sich haben, also ihr Berufsweg schon vorgespurt ist. Die Hochschulstudenten entscheiden sich dagegen im letzten Jahr vor der Matur für ihre Ausbildung. Hier gibt es also eher hohe jährliche Veränderungen. Auch die Anzahl neuer Lehrverträge ist übrigens rückläufig, dies nach einem eigentlichen Run auf diesen Ausbildungsweg nach der Einführung der Informatikerlehre 1993.

Heisst das, dass diese Ausbildungsgänge zu spät eingerichtet wurden?

Vor Jahrzehnten waren wir in der Schweiz wirklich spät dran. Auch das ETH-Studium Informatik wurde elf Jahre später als etwa in Deutschland eingeführt. Aber mit dem heutigen Einbruch der Anfängerzahlen hat dieses Spät-dran-sein, was leider für das Schweizer Bildungssystem oft bezeichnend ist, nichts zu tun!

Was ist dann das Problem?

Im Moment wird die Informatik in der Öffentlichkeit falsch verstanden. Diese nimmt Informatikberufe als unsicher und unstet wahr.

Wie sicher ist denn der Informatikberuf?

Der ist sehr sicher. Ich bin jetzt 49 Jahre dabei und seit vier Jahren emeritiert. Ich werde aber heute noch angefragt, ob ich nicht Vorlesungen zu bestimmten Themen halten will. Das zeigt doch, dass es in der Informatik Gebiete gibt, die enorm langlebig sind, jedenfalls viel langlebiger als es die Öffentlichkeit vermutet. Deshalb ist es auch so wichtig, dass man einen Unterschied macht zwischen Produkt- und Konzeptwissen. Während das Produktwissen in der Informatik eine Halbwertszeit von etwa zwei Jahren hat, beträgt diese beim Konzeptwissen 10 bis 15 Jahre. Deshalb muss und kann z.B. die ETH, wo das Studium vier Jahre dauert, hauptsächlich Konzeptwissen vermitteln. Dies ist der Öffentlichkeit nicht bewusst.

Um es zu verdeutlichen: Eltern von Schülern in der Berufswahl vertreten oft die Ansicht, die Informatik sei ein ausserordentlich gefährlicher Beruf, weil sich jedes Jahr alles ändere. Solche Eltern reagieren ähnlich, wie sie vor 100 Jahren reagiert hätten, wenn ihr Kind ihnen eröffnet hätte, es wolle zum Zirkus gehen. Das Problem ist somit: Die Eltern sehen nur die Informatikanwendungen, die sich tatsächlich laufend ändern oder gar obsolet werden, und meinen daher, das ganze Betätigungsfeld sei unseriös.

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