Compliance-Trends in Schweizer Unternehmen

Compliance-Projekte gelten als kostspielige Notwendigkeit. Dabei könnten sie oft auch als Business Case gesehen werden, wie beispielsweise Axa Winterthur zeigt.

» Von Mark Schröder , 11.07.2016 12:24.

weitere Artikel

Die Schweizer Finanzindustrie befindet sich gerade im Umbruch. Noch im letzten Jahr waren die obersten Prioritäten Konsumentenschutz-Bestimmungen, Solvenz und Risikomanagement. Diese Themen haben an Bedeutung verloren. Laut dem Bankenbarometer des Beratungsunternehmens Ernst & Young stehen nun Wachstumsprojekte im Vordergrund. «Um das Überleben langfristig zu sichern, genügen den Banken die Einhaltung der gesetzlichen Anfor­derungen und Massnahmen zur Effizienzsteigerung nicht», sagt Patrick Schwaller, Managing Partner Financial Services  Office Assurance bei Ernst & Young Schweiz. Erstmals in diesem Jahrzehnt hätten nun die Banken die Kraft, sich um die Weiterentwicklung ihres Geschäftsmodells zu kümmern.

Die neuen Lasten der Schweizer Finanzindustrie bilden hauptsächlich Projekte jenseits von Compliance und Regulierung: Partnerschaften mit Nicht-Banken, das Erschliessen neuer Märkte, die Internationalisierung sowie der Aufbau neuer Geschäftsfelder zählen zu den am häufigsten genannten Aktivitäten, die Schweizer Banker im laufenden Jahr starten wollen. Natürlich sind damit die Compliance-Projekte nicht vom Tisch. Ihnen wird aber vom Management weniger Aufmerksamkeit gewidmet.

Aus Not mach Tugend

In einem Punkt unterscheiden sich Compliance-Vorhaben von anderen Projekten: «Compliance-getriebene Projekte müssen grundsätzlich keinen Business Case ausweisen, weil ihre Berechtigung in der Beseitigung einer Compliance-Pendenz liegt», sagt Robin Heizmann, Associate Partner beim Beratungsunternehmen alevo. Nach seiner Erfahrung verpassen es die betroffenen Firmen oft, eine Compliance-Vorgabe als Chance auf eine messbare Verbesserung zu sehen, die notwendige Aufwände kompensiert oder gar einen Gewinn ausweist. Dementsprechend verlieren sie das Interesse an der Sache, sobald diese erledigt ist – dies dürfte ein weiterer Grund für die eingangs beschriebene Prioritäten­verschiebung sein.

Aus der Notwendigkeit lässt sich allerdings durchaus ein Geschäft machen, meint Heizmann. Wenn ein Unternehmen zum Beispiel Software-Entwicklung und Software-Testing an einen Provider auslagert, besteht die Gefahr, dass sensible Informationen abfliessen. Etwa, wenn die bisher zur Qualitätssicherung eingesetzten Testdaten aus der Produktion stammen. Sie enthalten möglicherweise schützenswerte Kundendaten. Zusätzlich existiert das Risiko, dass sich sensitive Information in der Software selbst befindet, beispielsweise in Screenshots von Usern oder in Projektdokumenten. Wie der Informatikexperte erklärt, lässt sich durch geringere Datenmengen für die Tests nicht nur das Compliance-Risiko senken, sondern die Tests laufen dadurch auch schneller. Und wer die Prüfungsaktivitäten auf Industriestandards umstellt, könne zugleich die Qualität messbar steigern. «Durch gezielte Metriken kann das Optimierungspotenzial quantifiziert und die Compliance-Übung mit einem Business Case versehen werden», berichtet Heizmann. Auch seien im Markt erhältliche Tools zur Maskierung respektive Anonymisierung von Testdaten ein Beispiel, wie aus einer Compliance-Vorgabe ein Geschäft werden kann.

CFOs klagen – und fordern

In den Finanzabteilungen Schweizer Grossunternehmen macht sich Unmut breit und dieser könnte ebenfalls in einen Business Case münden, heisst es in einer weiteren Umfrage von Ernst & Young. Die Unternehmensberater haben 1000 Schweizer CFOs nach der aktuellen Praxis des Berichtwesens befragt. Ihr Frust wächst offenbar massiv. So sind  nur noch 55 Prozent überzeugt, dass die Finanzberichterstattung wirkungsvoll zur Erfüllung aller Vorgaben beiträgt – im Vorjahr waren es noch 84 Prozent. Auch sind erheblich  weniger CFOs von der Kosteneffizienz der Rapporte überzeugt (39 Prozent gegenüber 68  Prozent). «Die Unternehmensberichterstattung kann ihren Zweck nur dann wirkungsvoll erfüllen, wenn der CFO von ihrem Wert überzeugt ist», warnt Alessandro Miolo, Partner und Leiter Assurance bei Ernst & Young Schweiz.

Da die Berichterstattung immer umfangreicheren Normen genügen muss, wächst auch die Bürokratie: 71 Prozent  geben an, dass die Anzahl der Berichte zugenommen habe. Gleichzeitig sehen die CFOs signifikante Schwächen in der heutigen Technologie (siehe Grafik): Die verschiedenen IT-Systeme seien ungenügend integriert (35  Prozent), sie hätten Schwierigkeiten, auf die richtigen Daten zuzugreifen (34  Prozent) oder die Datenqualität sei ungenügend (32 Prozent). Nur gerade 6 Prozent stellen keine technischen Probleme bei der Finanzberichterstattung fest.

Eine Lösung erwarten die CFOs durch den Einsatz von Big Data Analytics. Sie sehen diese Technologien als wesentlichen Faktor für die erfolgreiche Ausübung ihrer Funktion an. 82 Prozent rechnen daher in den nächsten zwei Jahren mit steigenden Investitionen in neue Reporting-Lösungen. Hier zeichnet sich ein weiterer Business Case durch Compliance ab. «Der Einsatz von Analytics wird ein wichtiger Baustein in der Weiterentwicklung des heutigen Reportings», sagt Miolo über die Herausforderung, die auf CFOs der Schweizer Grossunternehmen zukommen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Big Data gesetzeskonform

Werbung

KOMMENTARE

anke sach: 11-07-16 18:00

compliance IT

KOMMENTAR SCHREIBEN

*
*
*
*

Alles Pflichfelder, E-Mail-Adresse wird nicht angezeigt.

Die Redaktion hält sich vor, unangebrachte, rassistische oder ehrverletzende Kommentare zu löschen.
Die Verfasser von Leserkommentaren gewähren der NMGZ AG das unentgeltliche, zeitlich und räumlich unbegrenzte Recht, ihre Leserkommentare ganz oder teilweise auf dem Portal zu verwenden. Eingeschlossen ist zusätzlich das Recht, die Texte in andere Publikationsorgane, Medien oder Bücher zu übernehmen und zur Archivierung abzuspeichern.