«Schweizer Unternehmen sind falsch organisiert»

» Von Michael Kurzidim , 15.06.2015 12:57.

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Die Schwedischen Handelsbanken hatten Sie mal als Beispiel genannt. Was machen die schwedischen Banker anders als die Schweizer?

Sonntag: Alles. Das ganze Verständnis, wie und wo nachhaltig Wert kreiert und Geld verdient wird, unterscheidet sich gänzlich. Jan Wallander, der CEO, der die Handelsbanken in den 60-er Jahren radikal transformiert hatte, orientierte sich an "human nature". Wert wird im nachhaltigen Kontakt mit dem Kunden kreiert. Es geht um langfristige, gegenseitige Vertrauensbildung. Schwedische Handelsbanken agieren in kleinen, autonomen Teams, die sämtliche Kompetenzen haben und selbst entscheiden können. Die müssen nicht erst im Headquarter in Stockholm oder London nachfragen, ob sie einem Kunden fünf Millionen Kredit geben dürfen.

Es handelt sich um ein radikal dezentralisiertes System. Die Schnittstelle ist nicht digital, sondern es sind menschliche ‚Inter-faces’. Die Interaktion von Mensch zu Mensch steht im Zentrum. Nur so kann die Realität ‚aussen’ in all ihrer Komplexität und Ganzheit - zum Beispiel die Kreditwürdigkeit einer Firma - erfasst und beurteilt werden. Dies ist nicht nur der einzige, sondern auch mit Abstand der preiswerteste Weg.

«In den IT-Methodiken Scrum und Agile stecken Prinzipien, die auch für das neue Management gelten müssten.»

Sehen Sie in der Schweiz viel versprechende Ansätze?

Sonntag: Globetrotter, Trisa, Teile der ABB, die Raiffeisenbanken und Teile der Post. Eigentlich war auch unser Gesundheitssystem ein Paradebeispiel eines radikal dezentralisierten, patienten-zentrierten Modells, wo vor Ort mit dem Patienten, seinen Angehörigen und den involvierten Ärzten unabhängig entschieden wurde, was im Einzelfall der ‚richtige’ Weg ist. Nun macht man in der Schweiz alles, um diese System zu zerstören und staunt, dass es ständig teurer wird. Die politische Governance in der Schweiz ist viel zu kontrollverliebt – das alte, mechanistische ‚Hermes-Denken’ beherrscht alles.

Sie postulieren ein Managementmodell, das die menschliche Interaktion und das gemeinsame Schaffen von nachhaltigem Wert ins Zentrum der strategischen Entscheide stellt. Welche Rolle spielt die IT?

Sonntag: Der CIO muss  als proaktiver Katalysator einer Transformation des Managementmodells eine zentrale Rolle einnehmen, da in der IT bereits sehr viel Wissen und Erfahrung im Umgang mit Komplexität und schnellen Veränderungsprozessen vorhanden ist (Scrum, Agile): Dynamisch, in kleinen Teams, im direktem Kontakt zum Kunden arbeiten, autonom entscheiden, ko-kreativ Lösungen entwickeln - viele Prinzipen, die für das neue Management gelten müssten, sind in Techniken wie Scum und Agile bereits enthalten.

Allerdings ist dieses Wissen meist auf die operationaler Ebene und auf Projektmanagement-Prozesse reduziert. Um wirklich die menschliche Interaktion ins Zentrum zu stellen braucht es ein umfassenderes Transformations-Konzept, das die aktive Mitarbeit aller involvierter Funktionen (CIO, CFO, HR, CEO und VR) voraussetzt. Der CIO sollte mit seinem Wissen und seiner Erfahrung hier eine Vordenker- und Führungsfunktion haben.

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KOMMENTARE

Adam Christ: 16-03-16 02:01

Beide herren haben exakt das beschrieben woran nicht nur viele ch unternehmen kranken... Auch im auslan, in eu, ist das nicht anders. Dieses 'berater' system stammt -natuerlich- aus den usa ... Und genau da wird der verstand ausgeschaltet weil manager konditioniert sind, usa kapitalistische syteme als superior zu beurteilen. Das fuehrt dann dazu dass ma sich mit viel geld angeblich ein besseres 'management' ins haus holt weil sich 'manager' erst dann sicher fuehlen wenn ihnen 'extern' ihre 'entscheidungen' bestaetigt werden. Natuerlich entfernt man sich damit mehr von der realitaet und vom kunden. Die dann sinkenden gewinne muessen anschliessend von neuen 'externen' und auch neuen managern wieder muehsam 'eingebracht' werden... Aber gottseidank werden ja jeden tag neue dumme verbraucher geboren. LOL

Karl Gusraff: 11-07-15 12:41

Auch ein Berater, der sein Geld verdienen möchte. Seine Aussagen lassen den Leser mit Pauschalaussagen im Regen stehen. Fakt ist, dass viele Manager eben managen und eben keine Unternehmer sind. Und am besten sind die Consultans die das sehen, aber keine Lösung haben. Da verlasse ich mich lieber auf mein Bauchgefühl und KPI welche mich höchstens bestätigen, nicht unbedingt entscheidend sind

Armin Heinzmann: 10-07-15 20:20

War für eine Ironie! Genau solche Strukturen hatten wir in der Schweiz schon vor 20 oder 30 Jahren, aber man musste ja mit aller Gewalt externe Barater, Consultants, sonstige externe Mitarbeiter (die ja so viel günstiger sind, oder alles besser können ...) in die grossen Firmen reinholen oder noch besser offshoren wie bei den grossen Schweizer Banken. Nun fingen die Probleme an, dass sich diese Leute z.T. wie z.B. aus Indien aus total unterschiedlichen Kulturkreisen nicht mehr selber motivierten und nicht mehr das beste für die Firma, sonder nur noch für sich wollten und so fing man an, für alles detaillierte Planungen und Budgets zu machen und im Nachhinein 10x zu kontrollieren. Diesen Niedergang konnte man z.B. in der CS Jahr für Jahr genau beobachten und es wird immer noch schlimmer.
Die Frage ist, nur wo unsere Manager diesen BS her haben? Offensichtlichen Dank and UNIs, ETH, HSG und anders HS's ...

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