«Schweizer Unternehmen sind falsch organisiert»

Das Schweizer System ist zu träge, zu teuer und zu ineffizient. Der Unternehmensberater und Psychiater Michael Sonntag rät zu einem radikalen Strategiewechsel. Nur so kann die Schweiz ihre Stärken voll ausreizen.

» Von Michael Kurzidim , 15.06.2015 12:57.

weitere Artikel

Schweizer Unternehmen sind falsch organisiert. Sie legen zu viel Wert auf Berechnung und Kontrolle. Der Unternehmensberater und Psychiater Michael Sonntag empfiehlt, sich punkto Management an lebendigen Systemen ein Vorbild zu nehmen. Sie sind hocheffizient, erreichen mit minimalem Einsatz ein Maximum an nachhaltiger Performance und passen sich permanent an. Genau das wollen Schweizer Führungskräfte auch erreichen. Der CIO muss eine Vordenker- und Führungsrolle übernehmen.

CW: Herr Dr. Sonntag, Sie sind Unternehmensberater und Psychiater. Woran krankt die Schweizer Wirtschaft?

Sonntag: Hoch ineffiziente Management-Techniken sind bei uns sehr tief verwurzelt. Der Grund liegt darin: In der Schweiz und in unserer westlichen Kultur verleugnen wir, dass die Welt komplex und nicht vorhersehbar ist. Komplexe Systeme funktionieren nicht nach linear-kausalen Prinzipien, wie wir das gerne hätten. Seit Descartes und Newton tun wir aber so, als ob das ginge, und reduzieren Komplexität auf kleine, beherrschbare Einzelteile. Wir glauben, wenn wir die Einzelteile verstehen und dann logisch verknüpfen, können wir extrapolieren und vorhersagen, was in Zukunft geschehen wird. Das trifft aber leider nicht zu, wie wir eigentlich auch alle wissen.

«Unser gesamtes Management-System baut zu stark auf Berechnung und Kontrolle auf.»

Nun, keiner kann in die Zukunft schauen, ganz gleich, welchen Ansatz er verfolgt.

Sonntag: Wir tun aber so, als ob wir das könnten. Unser gesamtes Management-System baut auf Berechnung und Kontrolle auf. Wir versuchen, das nicht Kontrollierbare zu kontrollieren: die Menschen, die Unternehmen, die Wirtschaft.

Nehmen wir extrem leistungsstarke Supercomputer und Big Data Analytics. Dort arbeitet man mit Zehntausenden, Hunderttausenden von KPIs. Glauben Sie nicht, dass sich damit auch komplexe Systeme recht gut abbilden, Verkäufe prognostizieren oder Krebstherapien verbessern lassen?

Sonntag: Das ist Wunschdenken und entspricht nicht der Realität. Aber mit diesem Versprechen kann man natürlich sehr viel Geld verdienen. Ich selbst habe viel mit Krebspatienten zu tun. Bei der Therapie spielen zum Beispiel psychosoziale Faktoren eine Rolle, die sie nicht im Computer abbilden können. Lebendige Systeme funktionieren nicht so, sie lassen sich nicht exakt berechnen. Das sind reine Wetten. Aber man kann natürlich versuchen das Wirtschaftssystem zu manipulieren, wie zum Beispiel Absprachen über den Liborzins treffen. Dadurch versuchen wir, das System scheinbar vorhersagbar zu machen. Das hat aber mit nachhaltigem Umgang mit Komplexität nichts zu tun.

«Wir müssen uns der Komplexität stellen, ohne linear-kausal zu reduzieren.Lebendige Systeme funktionieren nach relativ einfachen Prinzipien.»

Wie lautet ihre bessere Alternative? Was sollen wir stattdessen tun?

Sonntag: Der erste Schritt besteht darin, zu erkennen, dass wir uns der Komplexität stellen müssen,und dass unser bisherigen Denkansätze dazu untauglich sind.

Was schwierig ist.

Sonntag: Das meint man. Wenn man reduktionistisch-analytisch an die Sache herangeht, wird es tatsächlich unendlich kompliziert. Man benötigt extrem schnelle Supercomputer, riesige Controlling-Abteilungen und meint, die die Leute auch noch im Privaten kontrollieren zu müssen. Damit kreieren wir nur ein extrem teures, träges, hoch ineffizientes und nicht mehr handlungsfähiges System.

Nächste Seite: Im roten Bereich - die Menschen spüren, dass es so nicht weitergeht

Werbung

KOMMENTARE

Adam Christ: 16-03-16 02:01

Beide herren haben exakt das beschrieben woran nicht nur viele ch unternehmen kranken... Auch im auslan, in eu, ist das nicht anders. Dieses 'berater' system stammt -natuerlich- aus den usa ... Und genau da wird der verstand ausgeschaltet weil manager konditioniert sind, usa kapitalistische syteme als superior zu beurteilen. Das fuehrt dann dazu dass ma sich mit viel geld angeblich ein besseres 'management' ins haus holt weil sich 'manager' erst dann sicher fuehlen wenn ihnen 'extern' ihre 'entscheidungen' bestaetigt werden. Natuerlich entfernt man sich damit mehr von der realitaet und vom kunden. Die dann sinkenden gewinne muessen anschliessend von neuen 'externen' und auch neuen managern wieder muehsam 'eingebracht' werden... Aber gottseidank werden ja jeden tag neue dumme verbraucher geboren. LOL

Karl Gusraff: 11-07-15 12:41

Auch ein Berater, der sein Geld verdienen möchte. Seine Aussagen lassen den Leser mit Pauschalaussagen im Regen stehen. Fakt ist, dass viele Manager eben managen und eben keine Unternehmer sind. Und am besten sind die Consultans die das sehen, aber keine Lösung haben. Da verlasse ich mich lieber auf mein Bauchgefühl und KPI welche mich höchstens bestätigen, nicht unbedingt entscheidend sind

Armin Heinzmann: 10-07-15 20:20

War für eine Ironie! Genau solche Strukturen hatten wir in der Schweiz schon vor 20 oder 30 Jahren, aber man musste ja mit aller Gewalt externe Barater, Consultants, sonstige externe Mitarbeiter (die ja so viel günstiger sind, oder alles besser können ...) in die grossen Firmen reinholen oder noch besser offshoren wie bei den grossen Schweizer Banken. Nun fingen die Probleme an, dass sich diese Leute z.T. wie z.B. aus Indien aus total unterschiedlichen Kulturkreisen nicht mehr selber motivierten und nicht mehr das beste für die Firma, sonder nur noch für sich wollten und so fing man an, für alles detaillierte Planungen und Budgets zu machen und im Nachhinein 10x zu kontrollieren. Diesen Niedergang konnte man z.B. in der CS Jahr für Jahr genau beobachten und es wird immer noch schlimmer.
Die Frage ist, nur wo unsere Manager diesen BS her haben? Offensichtlichen Dank and UNIs, ETH, HSG und anders HS's ...

KOMMENTAR SCHREIBEN

*
*
*
*

Alles Pflichfelder, E-Mail-Adresse wird nicht angezeigt.

Die Redaktion hält sich vor, unangebrachte, rassistische oder ehrverletzende Kommentare zu löschen.
Die Verfasser von Leserkommentaren gewähren der NMGZ AG das unentgeltliche, zeitlich und räumlich unbegrenzte Recht, ihre Leserkommentare ganz oder teilweise auf dem Portal zu verwenden. Eingeschlossen ist zusätzlich das Recht, die Texte in andere Publikationsorgane, Medien oder Bücher zu übernehmen und zur Archivierung abzuspeichern.