Zurück in die Zukunft

Um Synergien besser nutzen zu können, migrierte die AXA Winterthur nach 10 Jahren Outsourcing den Systembetrieb zurück zum hauseigenen IT-

Service. Der Projektleiter berichtet, wie das Mammut-Projekt abgelaufen ist.

  

» Von Dr. Christian Schulz, 23.02.2010 06:00.

Dr. Christian Schulz ist selbstständiger Consultant und Projektleiter

Vor rund zwei Jahren traf die AXA Winterthur die strategische Entscheidung, seine bislang von IBM betriebenen Server-Systeme unter die Verantwortung der AXA Technoloy Services zurückzuführen. Damit fiel auch der Startschuss für ein extrem anspruchsvolles Re-Transition-Projekt. Die Aufgabe: Alle bis dato von der IBM erbrachten Dienstleistungen wieder zu «insourcen».

Zur Umsetzung des Migrationsprojekts wurde ein Projektteam aus Mitarbeitern der AXA Tech Schweiz und England, der IBM Schweiz und Ungarn (die bisher für den Systembetrieb verantwortlich waren) und der AXA Winterthur gebildet. Das gesamte Vorhaben bestand aus verschiedenen Teilaufgaben, die Schritt für Schritt oder auch parallel zu bewältigen waren - von den technischen Anforderungen über organisatorische Fragen bis zum Migrationsprozess selbst (zum Zeitablauf siehe Grafik 1).

Hardware & Mainframe-Architektur

Um die Migration auf eine optimale Basis zu stellen, wurden die beiden Rechenzentren der AXA Tech in Winterthur und Kloten-Balsberg mit der neusten Technologie ausgestattet:

- IBM-System z10 Enterprise Class (4155 MIPS, 128 Gigabyte Speicher).

- Hitachi HDS USP-V Disk System mit 40 Terabyte sowie synchrone Datenspiegelung der beiden Rechenzentren zum Desaster Recovery.

- IBM Virtual Tape System und eine Bandroboter-Bibliothek mit 400 Terabyte Kapazität. Auch damit werden Daten zwischen den Rechenzentren reproduziert, was die Ausfallsicherheit und die Fähigkeit zum Desaster Recovery erhöht.

- Die Architektur wurde zudem vereinfacht und von Parallel Sysplex auf Monoplex umgestellt.

Service Transition

Mindestens ebenso wichtig war die Klärung von inhaltlichen Fragen: Wie werden welche Arbeiten derzeit von der IBM erbracht und durch wen? Häufig war dazu ein Besuch vor Ort notwendig. Aus diesen Analysen ergaben sich dann auch die Anforderungen an das künftig inhouse benötigte Know-how und die erforderlichen Mitarbeiter, um die ca. 100 Systemkomponenten mit Tausenden von Parametern übernehmen zu können.

AXA Tech und IBM haben sich frühzeitig und einvernehmlich über die Spielregeln eines möglichen Personaltransfers verständigt. «Mitarbeiter wurden dann übernommen, wenn sie das selbst wünschten», so Markus Zürcher, Projektverantwortlicher in der Geschäftsleitung der AXA Technology Services Schweiz.

Migration ohne Big Bang

Ziel war, die vorhandenen Systeme, wie sie von der IBM betrieben wurden, soweit möglich zu «kopieren» und nicht neu aufzubauen - sofern dadurch keine geistigen Eigentumsrechte berührt wurden. Die seitens IBM als IPR (Intellectual Property Right) gekennzeichneten Komponenten und Parameter wurden gesammelt und eine einvernehmliche Lösung ausgehandelt. Anschliessend erfolgte der Umbau der Systeme zu einem IPR-freien System. Zur Übertragung der Systeme aus dem IBM- in die AXA-Rechenzentren wurde eine Netzwerkverbindung installiert.

Die Migration hätte auch als «Big Bang» erfolgen können. Das Projektteam hat sich jedoch nach intensiver Analyse für einen innovativen Weg entschieden: Zunächst sollte das Acceptance-System migriert werden, anschliessend das Development-System und zuletzt das Production-System. Dieser Stufenplan (siehe auch Grafik 2) minimiert das Risiko: Klappt die Migration der ersten beiden Systeme, ist die Wahrscheinlichkeit für eine ebenso erfolgreiche Migration des produktiven Systems hoch. Technisch einfacher wäre die Big-Bang-Methode gewesen, da die Abhängigkeiten der Systeme untereinander nicht hätten berücksichtigt werden müssen.

Doch die Erfahrungen aus den ersten Migrationen sind in vielerlei Hinsicht für die Übertragung des produktiven Systems wichtig: Wo treten Probleme auf? Wie ist der Ablauf am besten zu organisieren und wie viel Zeit wird benötigt? Für das Produktionssystem stand lediglich ein Wochenende als maximales Zeitfenster zur Verfügung. Am Montagmorgen hatte das System wieder in vollem Umfang zur Verfügung zu stehen. Ein weiterer Vorteil: Mit dem Betrieb des Acceptance- und Development-Systems konnte bereits einige Wochen lang praktische Erfahrungen gesammelt werden, bevor das Production-System an die Reihe kam. Besondere Sorgfalt galt naturgemäss den Ablaufplänen für die Migrationswochenenden. Dazu waren nicht nur die Mainframe- und Netzwerkspezialisten notwendig, sondern auch die Experten der Umsysteme, um ein synchrones Anhalten und Wiederstarten sicherzustellen. Nach vielen Workshops und Iterationsschritten entstanden detaillierte Migrationsablaufpläne mit etwa 250 Einzelschritten und 10 Checkpoints, sogenannten Decision Points, an denen «Go»- oder «No-go»-Entscheide zu treffen waren.

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