Wie abstrakt dürfen Anforderungen sein?
» Von , 15.07.2009 06:00.
Personas: zukünftige Benutzer
Personas sind beispielhafte, prototypische Beschreibungen von zukünftigen Anwendern eines Systems. Sie werden aufgrund von Informationen über die vorgesehenen Benutzergruppen erarbeitet. Die Beschreibungen widerspiegeln die Eigenschaften der Benutzer, die für die neue Software oder das neue Produkt relevant sind, und machen Benutzerbedürfnisse deutlich.
Im Rahmen eines Projekts entstehen meist mehrere Personas, welche die Anforderungen unterschiedlicher Benutzergruppen repräsentieren. Personas bilden eine hervorragende Basis für das weitere Vorgehen, indem sie die impliziten Annahmen des Projektteams über die zukünftigen Benutzer explizit machen und objektive Kenntnisse über die Benutzergruppen anschaulich darstellen.
Szenarien: vorgesehene Prozesse
Anwendungsszenarien oder kurz Szenarien schlagen die Brücke zwischen den Anforderungen und dem Entwurf einer neuen Lösung. Ein Szenario beschreibt in Form eines realistischen Beispiels, wie ein Benutzer mit dem geplanten System interagieren wird. Mit einfachen Sätzen wird ein konkreter Ablauf aus Benutzersicht dargestellt. Dabei sollte wie auch bei Personas mehr auf inhaltlich richtige Aussagen als auf deren formale Korrektheit geachtet werden.
Ein grosser Vorteil von Szenarien ist ihre leichte Verständlichkeit. Sie können von verschiedenen Stellen wie Auftraggeber, Benutzer oder Entwickler bereits zu einem frühen Zeitpunkt überprüft, ergänzt oder korrigiert werden.
Mock-ups: Anwendung im Einsatz

Mock-ups: Abläufe aus Benutzersicht
Ein Mock-up zeigt mithilfe der Benutzerschnittstelle, wie ein System oder Produkt verwendet wird. Dabei geht es noch nicht darum, das System zu entwerfen, sondern die Funktionen mit einem einfachen Hilfsmittel erfahrbar zu machen. Mock-ups machen die Anforderungen greifbar, die in den Use Cases in Textform oder mit grafischen Modellen festgehalten sind. So lassen sich zum Beispiel Navigation und Interaktion anschaulich zeigen. Die User-Interface-Prototypen dienen zudem als einfach verständliche, gemeinsame Sprache zwischen Benutzern, Auftraggebern und Entwicklern.
Bei der Erarbeitung der Spezifikationen können Mock-ups den Funktionsumfang illustrieren, die Funktionsweise deutlich machen oder User-Interface-Elemente spezifizieren. Zudem sind Mock-ups ein Hilfsmittel, um den Entwicklungsaufwand abzuschätzen.
Das beste aus zwei Welten
Die beispielorientierten Methoden aus dem Usability Engineering und gängige Vorgehensweisen aus dem Software Engineering ergänzen sich in der Praxis ausgezeichnet:
- Die Reflektion am konkreten Beispiel erlaubt es Auftraggebern und Benutzern, Anforderungen für wichtige Anwendungssituationen zu vergegenwärtigen, zu überprüfen und zu ergänzen.
- Personas und Szenarien illustrieren die Anwendung im realen Kontext und dienen als Ergänzung zu den formalen Use Cases. Sie vermitteln den Entwicklern ein Verständnis der Abläufe und Zusammenhänge.
- Mit Mock-ups kann die Interaktion des Benutzers mit der neuen Lösung modelliert und optimiert werden. Die Entwickler können dabei die technischen Anforderungen überprüfen.
Die Macht des guten Beispiels
Die Spezifikation eines neuen Systems darf nur wenig Interpretationsspielraum zulassen. Um formal korrekt zu formulieren, muss zwangsläufig über verschiedene mögliche Fälle generalisiert werden. Die Gefahr dabei ist, dass die Realität auf der Strecke bleibt.
Ein Beispiel dagegen ist weder eindeutig noch vollständig. Interessanterweise ist das menschliche Gehirn allerdings hervorragend dafür geeignet, aus Beispielen Regeln abzuleiten. Mittels weniger, guter Beispiele kann ein Sachverhalt oft schneller, umfassender und manchmal sogar präziser dargestellt werden als mit einer formalen Spezifikation.
Buchauszug: M. Richter & M. Flückiger, «Usability Engineering kompakt - Benutzbare Software gezielt entwickeln», Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, 2007







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